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RHEINPFALZ Artikel zur WM 2006

2:0-Sieg gegen Schweden - Massenansturm der Fans - Politik zufrieden

Deutschland jubelt



München (dpa/ap). Deutschland hat als erstes Team das Viertelfinale bei der Weltmeisterschaft 2006 erreicht. Die Elf von Bundestrainer Jürgen Klinsmann besiegte im Achtelfinale Schweden 2:0.





Die beiden Treffer für die DFB-Auswahl erzielte der Kölner Lukas Podolski in der vierten und zwölften Minute.





Die Politik zeigte sich vom Spiel begeistert. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber sagte: „Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist so gut, wie ich sie seit Jahrzehnten nicht gesehen habe - vor allem vorne."





Zuvor waren die Fans bundesweit in Rekordzahl in die Public-Viewing-Stätten gestürmt. Fast überall wurden die Gelände noch vor Anpfiff des Spiels am Samstagnachmittag wegen Überfüllung geschlossen. In München waren etwa 100.000 Fans unterwegs, davon schätzungsweise 20.000 Schweden. Auf der Berliner Fanmeile versammelten sich mehr als 700000 Menschen. Es gab zunächst keinerlei Zwischenfälle. Die Fanmeile in der Hauptstadt zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist mit zwei Kilometern die längste der Republik. Überfüllt waren auch die Public-Viewing-Gelände in Städten wie Frankfurt am Main, Kaiserslautern, Leipzig, Wiesbaden, Gelsenkirchen, Stuttgart oder Gießen.





In München, wo das Spiel stattfand, waren 2000 Polizisten im Einsatz. „Alles ist friedlich, es gibt keine nennenswerten Vorkommnisse", sagte Polizeisprecher Michael Rasp.





Vor dem Spiel England gegen Ecuador wurden in Stuttgart in der Nacht zum Samstag 122 randalierende Engländer vorübergehend festgenommen. Sie hatten nach Polizeiangaben am Freitagabend ein Lokal in der Innenstadt in Beschlag genommen. Nach reichlich Alkoholgenuss kippte die Stimmung, die Fans pöbelten Passanten und später auch Polizisten an und warfen mit Flaschen und Gläsern.





Die Bundesregierung zeigte sich unterdessen mit der Sicherheitslage bei der Fußball-WM zufrieden. „Die Lage ist sehr viel besser, als wir das erwartet oder befürchtet haben. Das bezieht sich sowohl auf so genannte Hooligans, aber auch auf die sonstige Kriminalität", wird Kanzleramtsminister Thomas de Maizière in der „Sächsischen Zeitung" zitiert.





Michael Endler, Leiter der in der bundesweiten Sicherheitskoordination federführenden Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) in Neuss, warnte die Polizei vor Nachlässigkeit: „Wir haben keinen Grund, uns zurückzulehnen, und müssen weiter äußerst wachsam sein. Niemand hat eine Glaskugel, in der angezeigt wird, wie es in den nächsten Tagen aussieht." Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) kritisierte diejenigen, die ausländische Fans wegen drohender Übergriffe vor dem Besuch der Fußball-WM gewarnt hatten. Er sprach sich gegen den Begriff „No-go-Area" aus.





Das Berliner Landeskriminalamt hat dagegen vor Brandanschlägen linksradikaler Gewalttäter auf WM-Sponsoren gewarnt. „Die Existenz einer solchen Gefährdungsbeurteilung wird bestätigt", sagte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch.







PFEIFFW / PFEIFFW

Quelle:

Publikation: Sonntag Aktuell
 
Kein Schlusspfiff - Gott sei Dank

Tor! Für die Fröhlichkeit!



Noch mal gut gegangen. Wir sind weiter. Schweden am Boden, Deutschland triumphiert und ist hungrig auf mehr. Und die Party, der kollektive Rauschzustand dauert an. Das Land beweist eine Bombenkondition beim Hocken vor Großbildschirmen, beim Trinken, Umherfahren und Fahnenschwenken. Und: Die Deutschen nutzen ihre nationalen Symbole allenfalls noch als ironisches Zitat. Hätte man uns im Ausland gar nicht zugetraut.





Die Politik lässt sich willig mitreißen oder versucht zumindest den Eindruck zu erwecken, sie sei im Fußballfieber. Die Merkels, Kauders und Schäubles zeigen sich bei jeder Gelegenheit im Stadion oder lassen sich von den Kameras gerne beim Public Viewing zugucken. Dabei zeigen sie eine emotionale Anteilnahme, die man bei der Verabschiedung von sozialen Einschnitten und Zumutungen für Bürger, Kranke, Arbeitslose der Steuerzahler gänzlich vermisst.





Aber von Zumutungen redet jetzt niemand. Wir sind weiter. Im Viertelfinale. Und dann . . . womöglich . . . wer weiß . . . Deutschland, seit Jahren ständig verkatert, fällt plötzlich ins andere Extrem, in eine nachhaltige Fröhlichkeit, in eine kindlich-verspielte Träumerei. Alles wird gut.





Als Fußballfan könnte man sich das ja gefallen lassen. Als Staatsbürger aber wird man doch ein wenig nachdenklich. Gibt es denn nichts anderes, als das „Runde, das ins Eckige muss"? Tauschen Merkel und Müntefering jetzt auch bald Fußball-Sammelbilder im Parlament? Haben wir den Punkt überschritten, wo Begeisterung in Infantilität umschlägt?





Mancher fühlt sich an die Anfangszeit von Rot-Grün erinnert, als die Schröders und Fischers jede Kritik über ihren nonchalanten Regierungsstil einfach weglächelten. Ihre Nachfolger im Regierungsamt haben dieselben Probleme und dasselbe Lächeln. Sie fühlen sich im Schatten des Sports offenbar sauwohl. Wer sie an ihre Verantwortung für das Gemeinwohl erinnert, Taten sehen will, wird schnell als verbiesterte Spaßbremse diffamiert.





Zu beobachten war die neue Fußballseligkeit in dieser Woche bei der Debatte zum Haushalt 2006 im Bundestag. Die Haushaltsdebatte - man erinnert sich - war einst die Sternstunde des Parlaments, die Generalabrechnung mit der Regierung. Und jetzt? Hat jemand was mitbekommen vom rituellen Schlagabtausch? Nix war"s. Ein paar pflichtschuldige Wortbeiträge von Koalition und Opposition, und dann ging"s zum öffentlichen Fußballgucken. Die Botschaft: Seht her, wir lassen alle fünfe grade sein, wir sind das Volk! Wie gesagt, als Steuerzahler und politisch interessierter Mensch könnte man sauer werden über so viel abgefeimten Populismus. Andererseits . . .





Andererseits sind wir jetzt im Viertelfinale. Da kann die Gesundheitssteuer oder Föderalismusreform doch noch eine Weile warten. So schön wie jetzt wird"s nie wieder. Erst recht nicht, wenn all die Zumutungen in Kraft treten, die die Politik jetzt im Windschatten der Fußball-WM verabschiedet. Also genießen wir die politikfreie Zeit, verballern unseren Sprit im Autokorso, verbrüdern uns mit anderen Nationen und vergessen die Politik noch eine Weile.





Die Ernüchterung kommt noch früh genug. Martin Gerstner







PFEIFFW / PFEIFFW

Quelle:

Publikation: Sonntag Aktuell
 
WM 2006



Ein Bier für stolze 3,50 Euro



Das kulinarische WM-Angebot im Stadion





Von unserer Redakteurin







Susanne Schütz







KAISERSLAUTERN. Der Salat steht nach dem Spiel noch genauso unberührt in der Vitrine wie vor dem Spiel: Auch wenn das Kaiserslauterer Fritz-Walter-Stadion nun WM-Spielstätte ist, kulinarische Neuigkeiten verschmähen die meisten Fans.







Die auf Vegetarier oder Fernost-Fans zugeschnittene „Sweet & Sour Noodle Soup" (zu deutsch: „Süßsaure Nudelsuppe") für 3,50 Euro sowie ihr vielleicht an die italienischen Gäste appellierendes Pendant „Tomato Noodle Soup", Tomatennudelsuppe, würden „eher selten" verlangt, sagt die junge Dame hinterm Tresen. „Man bleibt beim Klassischen", hat sei beobachtet.







Aber auch das Altbekannte kommt international daher, zumindest dem Namen nach. Die Bratwurst heißt „Grilled Sausage", die „Rote" gar „Beef & Pork Sausage", da lernt der des Englischen Mächtige also auch etwas über die Inhaltsstoffe: Rind und Schwein. Drei Euro kosten die Würste, die kleiner und labbriger wirken als sonst im Stadion, wo bei FCK -Spielen 2,10 Euro für die Wurst verlangt werden.







Die beliebte Stadionpizza aus der Südkurve scheint sogar komplett aus dem WM-Menü gestrichen zu sein. Dafür gibt es Pommes Frites für drei Euro, schließlich ist eine Fast-Food-Kette Hauptsponsor. Diese ist auch für die eher missglückten Versuche des „gesunden" Imbisses verantwortlich, den Salat in der Plastikschüssel - viel zu unpraktisch. Außerdem: Fußball und Salat - das passt einfach nicht. Der Joghurt mit Frucht wird ebenso verschmäht, vielleicht auch der Temperaturen wegen.







Wer Durst im WM-Stadion auf dem Betzenberg hat, muss besonders tief in die Tasche greifen. Cola und Fanta kosten je 3,50 Euro für 0,5 Liter - und die sind mitunter noch nicht einmal voll eingeschenkt: Während an den Ständen aus Flaschen serviert wird, gibt es bei den mobilen Cola-Verkäufern an den Plätzen die Limo aus dem Rückentank per Schlauch in den Becher. Und so mancher dieser schwer bepackten Verkäufer spart doch eher beim Befüllen.







Für den halben Liter Mineralwasser sind drei Euro fällig, da testete mancher doch lieber das Leitungswasser aus den Waschbecken. Das Bier ist ebenfalls deutlich teurer als bei FCK -Spielen, statt 2,20 Euro für 0,3 Liter werden für 0,33 Liter Budweisser nun 3,50 Euro verlangt und für 0,4 Liter Bitburger vier Euro. Wer das rheinland-pfälzische Gebräu dem amerikanischen vorzieht, sollte also auf die Bechergröße und das Kleingedruckte an der Preistafel achten, das ebenfalls die Herkunft verrät. Das deutsche Bier ist zudem gezapft, das amerikanische kommt aus der Flasche.







Wer dann wieder einen Snack will, kann merkwürdigerweise „Jumbo-Peanuts", eine Riesentüte Erdnüsse für vier Euro erwerben, Lakritz oder Fruchtgummi für 2,50 Euro, Eis ebenfalls für 2,50 oder überteuerte und schon leicht zähe Brezeln. Einen Euro teurer als bei Ligaspielen ist die große Brezel (drei Euro), auf englisch „Pretzel", für den „Cheese Pretzel Stick", also die Käsestange, muss man 3,50 Euro berappen. Ob es also auch an den Preisen liegt, dass die Schlangen an den Verpflegungsstellen deutlich kürzer sind als bei FCK -Spielen?







Bei den Toiletten ist es dagegen umgekehrt: Da ist der Stau, vor allem in der Westkurve, bei den Damenklos unerhört lang. Nur eine Damen-Toilettenanlage für die untere Ebene der kompletten Kurve, das ist zu wenig.







HERBERA / HERBERA



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Ludwigshafener Rundschau

Datum: Nr.145

Datum: Montag, den 26. Juni 2006

Seite: Nr.21
 
WM 2006



WM-Grantler



Der Tag, an dem mir die Luft ausging





Soll denn alles Fußballbegeisterung sein? Schwenken wir nur noch Fahnen? Der WM-Grantler nimmt sich das Recht heraus, zu nörgeln. Zu Granteln. Alles runterzureden. Sogar die Weltmeisterschaft ...







Schlimm genug ist es ja, wie dieser Tage alle möglichen Leutchen ihr dürftiges Selbstvertrauen an den Erfolgen irgendwelcher Kicker aufzurichten versuchen. Bei mir bewirkt das ganze Theater, psychologisch gesehen, genau das Gegenteil: Fußball macht mich fertig. Egal, wer gewinnt.







Schuld daran ist Bert, die Kanone.







Bitte? Hinlegen? Hier, auf die Couch? Hm ... wenn Sie meinen.







Ihr WM-Grantler, Sie ahnen es vielleicht bereits, war nicht immer so ein fanatischer Fußballhasser. Ganz im Gegenteil. Ich habe selbst einmal ganz gern gespielt. Bis zu diesem absolut scheußlichen Tag im Juli 1954. Wir trafen uns jeden Sommernachmittag, ob Schule oder Ferien, auf einem überwucherten ehemaligen Kartoffelacker hinter dem Dorf, auf dem ein altersschwaches Tor ohne Netz stand. Die Chancen standen also gut. Nein, nicht die, dass jemand vom FCK vorbeikommen und einen von uns entdecken würde. Sondern die, böse in ein Kaninchenloch zu treten und den Rest unserer Tage nur noch Halma spielen zu können.







Aber auch ohne dies war Fußball auf dem Dorf eine mindestens lebensgefährliche Sache. Wir hatten die Tendenz, unsere technischen Mängel mit schierer Gewalt zu kompensieren. Wolfi beispielsweise, mein direkter Gegenspieler, pflegte sich andere Spieler vom Leib zu halten, indem er beim Rennen seine schlaksigen Gliedmaßen möglichst unkontrolliert umeinander warf. Über Ellenbogenchecks kann ich heute nur müde kichern. Warum sollen diese hochbezahlten Profis es besser haben als ich damals?







Am Schlimmsten aber war der dicke Bert, genannt „Die Kanone". Der hatte einen Tritt, dass wir bei Pfostenschüssen fürchteten, unser einziges Tor könnte zusammenbrechen. Und eines vermaledeiten Tages stand ich in diesem Tor. Das tat ich nur, weil ich endgültig keine Lust mehr hatte, als Sparringspartner für Wolfis merkwürdige Variante des Kickboxens herzuhalten. Meine Aufgabe bestand darin, käsebleich auf das Spielfeld zu starren und mich rechtzeitig in der üppigen Grasnabe zu verstecken, wenn der dicke Bert feuerte. Ansonsten stand es um meine Reaktionen nicht zum Besten.







Denn plötzlich war da diese Traumkombination - also ein Pass, der tatsächlich ankam - zwischen Dolls Oswald und Fritzchen. Immer wieder Fritzchen, der rechte Läufer am Ball. Er hat den Ball ... verloren diesmal gegen Wolfi. Wolfi nach innen geflankt, Kopfball! Abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste Bert schießen! Bert schießt.







Dann wurde es schwarz.







Mit einiger Genugtuung registrierte ich später, dass dem Ball bei dieser Aktion aus irgend einem Grund ebenfalls die Luft ausgegangen war. „Hast halt "nen harten Schädel", war Berts einziger Kommentar, nachdem sie mich mit meinem Hemd abgewischt und zum Aufwecken in eine Viehtränke geschmissen hatten. Aber Freunde, und das werden Sie jetzt vielleicht endlich verstehen, wurden wir nicht mehr, ich und der Ball.







SCHOEPU / SCHOEPU



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Ludwigshafener Rundschau

Datum: Nr.145

Datum: Montag, den 26. Juni 2006

Seite: Nr.20
 
WM 2006



Roter Teppich für Salto-Klose



Lobgesang auf den deutschen Top-Stürmer - Bierhoff: Absolut Weltklasse - Ziel mit der Nationalmannschaft ist der Titel



MÜNCHEN (zkk). Die Tore schoss Lukas Podolski. Fußball-Deutschland aber rollte den roten Teppich nach dem berauschenden 2:0 (2:0) im WM-Achtelfinale gegen Schweden für Miroslav Klose aus. Der 28-Jährige war der beste Mann auf dem Platz.





„Absolut Weltklasse", beantwortet Teammanager Oliver Bierhoff die RHEINPFALZ-Frage nach der Einstufung der Leistung Kloses in der sensationell starken ersten Halbzeit. Bei der WM angetreten, um in die Weltspitze zu stürmen, wurde Klose seinem Anspruch auch bei seinem vierten Auftritt bei diesem Turnier gerecht. Auch ohne eigenen Treffer!







„Mit welcher Dynamik und Aggressivität ,Miro" für die Mannschaft arbeitet, das sieht man bei keinem anderen Stürmer dieser WM. Er ist auf bestem Wege, seine Ziele zu erreichen. Es erstaunt uns immer wieder, mit welchem Tempo er Fußball zu spielen versteht. Ich habe kaum einen anderen Stürmer bei diesem Turnier gesehen, der dieses Niveau erreicht", schwärmt Bierhoff. Der heutige Manager der Nationalelf war selbst Stürmer, Europameister 1996, Torschützenkönig in der italienischen Serie A, bei der WM 2002 noch Mannschaftskamerad Kloses. Als der sein Länderspiel-Debüt gab, sprach er - noch total schüchtern - den Kollegen ehrfürchtig mit „Herr Bierhoff" an. Der gestattete sofort das Du ...







Der Wechsel zu Werder Bremen habe Miroslav Klose nicht nur sportlich gut getan. „Er ist auch als Persönlichkeit gewachsen", urteilt der Manager. Auch die Vaterrolle beflügele den Top-Stürmer. „Aber ,Miro" hat vor allem auch eine wahnsinnig professionelle Einstellung. Er wurde gerade in dieser Saison immer wieder durch schwere Verletzungen zurückgeworfen. Aber er kam immer noch stärker zurück", gesteht Oliver Bierhoff, wie sehr ihn Deutschlands Top-Stürmer verwundert hat.







Ob Jochbeinbruch oder Schultereckgelenkverletzung - Klose kam immer schneller als prognostiziert zurück, schoss auch mit Gesichts-Schutzmaske seine Tore. Und begeistert als kompletter Stürmer. Gegen die Schweden vermochte er auch seine großartige Sprungkraft zu demonstrieren. Endlich kam - dank Lahm - mal eine gute Flanke!







Dass Klose zwei Tore vorbereitete, selbst keins schoss, auch weil Schwedens Andreas Isaksson fantastisch hielt - für „Mirek", wie ihn seine Freunde nennen, kein Makel. Sein Fußball ist die Vision von Mannschaft und Einheit, von kollektivem Kampf für ein gemeinsames Ziel, von einem spielerischen Miteinander. „Für mich zählt nur die Mannschaft." Keine Klose-Floskel, sondern eine in vier WM-Spielen praktizierte Wirklichkeit.







Was ein Japaner wie Takahara von einem WM-Star wie ihm lernen könne, fragten japanische Journalisten nach der WM 2002 Klose. „Ich bin kein Star", versuchte der damalige FCK -Torjäger vergeblich zu dämpfen. Aber eine Antwort hatte er: „Er kann lernen, wie ein Stürmer einen anderen Stürmer über 60 Meter verfolgt, und ihm an seinem eigenen Strafraum den Ball weggrätscht." Erlebte Wirklichkeit - Klose, der Rückwärts-Turbo.







Das ist Klose. Ein erstklassiger Antritt. Explosivität, die der deutschen Mannschaft das 1:0 bescherte. Ein gutes Auge für den Pass in die Tiefe, dies die Entstehungsgeschichte des 2:0. Tempo-Pressing, das auch Klasseverteidiger in die Bredouille bringt, pflegt Klose mit besonderer Hingabe.







„Er weiß, dass die WM eine große Plattform ist. Er will diese Chance nutzen. Da hilft es natürlich, wenn man mit dem Selbstbewusstsein des Bundesliga-Torschützenkönigs kommt", schildert Bierhoff. Der weiß um die Auslandsträume Kloses, mag sich aber zu diesem brisanten Thema nicht äußern und es sich schon gar nicht mit Werder Bremen verscherzen. „Generell kann ich jedem jungen Menschen raten, mal ins Ausland zu gehen. Das kann ,Miro" aber auch mit 30 noch, wenn sein Vertrag in Bremen ausgelaufen ist", sagt Bierhoff, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei Udinese Calcio und dem AC Mailand spielte. Bremens Manager Klaus Allofs betonte gestern erneut, dass Klose nächste Saison bei Werder spielt. Und: „Es gibt keine Schmerzgrenze."







„Ich habe Ziele, ich will in die Weltspitze. Und ich will mit dieser Mannschaft den optimalen Erfolg", skizziert „Miro" Klose seinen Weg. Am Freitag (17 Uhr) soll er fortgesetzt werden - gegen Argentinien im WM-Viertelfinale. „Argentinien ist die beste Mannschaft dieser WM", urteilt Bierhoff. Klose wird alles tun, damit es eine noch bessere gibt.







SCHOEPU / SCHOEPU



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Ludwigshafener Rundschau

Datum: Nr.145

Datum: Montag, den 26. Juni 2006

Seite: Nr.17
 
Lokal



Trommelklänge, Tanz und Theater in der Altstadt



„Neustadter Hofkultur" lockt viele Besucher in Mittel-, Hinter- und Zwerchgasse - Vielfältiges Angebot und nicht alltägliche Kunst-Aktionen





Eindeutig ja. So lautete offensichtlich für viele die Antwort auf die Frage „Lust auf Kultur?", die auf den Faltblättern der „Hofkultur" stand. Unzählige Besucher drängten sich nämlich am Samstag in den engen Gassen und den improvisierten Ausstellungsräumen der Neustadter Altstadt, wo die „Hofkultur" sich ausbreitete.







Musik, Tanz, Lesungen, Performance, Theater und jede Menge darstellende Kunst sind laut Programm in den einzelnen Höfen und auf der Bühne in der Zwerchgasse zu finden. Die Wahl quält den Besucher. Also schaut er sich dieses und jenes an, eilt zum nächsten Ereignis. Im Hof, in dem Barbara Krippendorf sich niedergelassen hat, bewundern die Leute die verschiedenen afrikanischen Trommeln. „Es wird gleich losgehen", verkündet die Künstlerin, die sich Afrika verschrieben hat, an. „Wer will mitmachen?" Betretenes Schweigen. Ein kleines Mädchen erklärt sich bereit, und auch einem Mann wird schließlich je eine Trommel zugeteilt. Langsam beginnt Krippendorf, auf das Instrument zu schlagen. Die anderen nehmen den Rhythmus auf, ahmen die Musikerin nach. Als sich der Rhythmus ändert, variantenreicher wird, merken die Anfänger, dass Trommeln gelernt sein will.







Die Künstlerin, die lange Zeit in Afrika gelebt hat, rezitiert auch Gedichte, darunter eine Hommage an ihre Schwiegermutter, die schön, klug und weise ist. Die Laute muten fremd an, und doch kann jeder Zuhörer die Gefühle, die Krippendorf für diesen Menschen hat, nachempfinden.







Später zieht Krippendorf hinaus in die Gasse. Der Hof ist für die vielen Besucher, die sich hier einfinden, viel zu klein. Zahlreiche neue Mitstreiter hat sie gefunden. Alle schlagen kräftig auf die Instrumente ein. Und nun beginnt die Neustadterin einen ekstatischen afrikanischen Tanz, der mit einem frenetischen Applaus der Zuschauer endet.







Die Trommelklänge tönen in den Nachbarhof. Dort tragen Kerstin Bachtler und Hedda Brockmeyer ihre „Lyrischen Lattenknaller" vor. Im Fan-Outfit lesen die beiden verschiedene meist lustige, aber auch einige nachdenkliche Gedichte unterschiedlicher Autoren vor.







Ebenfalls um Fußball, konkret um den Abstieg des FCK , geht es in der Lesung von Klaus Wiegerling. Doch nur die wirklich Nahestehenden können ihn genau verstehen, da die Mikrofonanlage nur bedingt ihre Aufgabe erfüllt. Diejenigen, die das Glück haben, direkt beim Vortragenden zu sitzen, lachen mitunter herzlich. Klar, der Frust der Männer ob des Niedergangs ihres Vereins lässt Frauen zu einigen sarkastischen Kommentaren hinreißen. Aber die Geschichte ist vielschichtiger, geht es doch auch um eine schwierige Paarbeziehung.







Dicht besetzt sind bereits die zwei Bankreihen, die im Schatten vor der Hauptbühne stehen. Die anderen Sitzgelegenheiten bleiben leer, zu heiß ist es in der prallen Sonne. Erwartet wird Ingeborg Stein. „Cristal Baschet" steht an und die Zuhörer sind gespannt, was sie erwartet. Verschieden große lampenschirmartige Gebilde hängen an einem Instrument, das ganz entfernt an ein Keyboard erinnert. Doch Stein schlägt keine Tasten an. Sie taucht die Hände in Wasser und streicht ganz zart über Glasstäbe. Die Verbindung von Glas mit Metall, erklärt die Künstlerin, erzeuge die Töne. Und schon erfüllen sphärische Klänge das Rund, locken immer mehr Besucher an.







Wesentlich weniger ungewöhnlich ist die Kombination des chinesischen Erhu, eine Art zweisaitige Geige, mit der klassischen Gitarre. Deng Xiao Mei und Harald Kühn präsentieren das „Eurasien-Projekt". Die Chinesin beschreibt in ihrer Muttersprache den Inhalt der Musik. Kühn übersetzt die für das deutsche Ohr seltsam anmutenden Laute. Mal ruhig und zärtlich, mal flott und fetzig sind die Weisen, die die beiden intonieren.







Zwischen den Darbietungen lassen sich die Besucher treiben, schauen mal hier und mal dort vorbei. Die Skulpturen des Dürkheimer Künstlers Erich Klotz bilden am Anfang der Hintergasse einen Hingucker. 19 Werke habe er mitgebracht und sogar einige schon verkauft, freut sich Klotz. Allerdings sieht er die „Hofkultur" vornehmlich als Werbung für sich und seine Kunst. Auch das „schöne Ambiente hier", weiß er zu schätzen. Seine schlanken Figuren aus unterschiedlichen Hölzern ähneln sich: Fast alle recken ihre Arme nach oben und weisen einen Kopf aus Kieselstein auf. Daneben sind abstrakte Skulpturen oder Torsi zu finden.







Wie Klotz hat auch Cordula Wagner einige gute Gespräche an diesem Tag geführt. Sie hat ihre Bilder gemeinsam mit Mary Dee in einem hellen Hof aufgehängt. Gut findet sie, dass die „Hofkultur so vielfältig ist" und ganz unterschiedliche Kulturinteressierte anlockt. Deshalb ist sie auch schon zum dritten Mal mit dabei.







Noch jede Menge weitere Attraktionen und Künstler erwarten die Besucher. Doch die Zeit reicht kaum, um alles zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass nicht wieder vier Jahre vergehen, bis die „Hofkultur" wieder ihre Pforten öffnet. (giw)







HAASG / HAASG



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Bad Dürkheimer Zeitung

Datum: Nr.145

Datum: Montag, den 26. Juni 2006

Seite: Nr.11
 
Lokal



Im Porträt



Mit „zarten" 88 total vom WM-Fieber infiziert



KAISERSLAUTERN/JETTENBACH: Amanda Kraußhaar genießt Partie Spanien gegen Arabien im Fritz-Walter-Stadion





Ja, den Juan Carlos hat sie per Fernglas gut beobachten können. Obwohl ein gut zwei Meter großer Zeitgenosse ausgerechnet den Platz vor ihr belegen musste. Des Königs Gemahlin Sofia hat sie auch gesehen, Scheichs in vollem Ornat ausgemacht. Und Ministerpräsident Kurt Beck. Wage aber einer zu behaupten, Amanda Kraußhaar sei nur zum „VIP"-Schauen auf den Betzenberg gepilgert. Was Spanien-Star Raul und Co. auf dem grünen Rasen veranstaltet haben, davon ist der Jettenbacherin ebenfalls nichts entgangen.







Mit 88 Jahren hat das Fußballfieber die „Manda" - wie Amanda Kraußhaar in Jettenbach seit jeher liebevoll genannt wird - voll gepackt. Davon könnte etwa Schwiegersohn Walter Leonhardt ein Liedchen singen. Wenn der heute ein paar blaue Flecken hat, dann weiß er genau, wo die herrühren: Am Samstag, beim Achtelfinal-Spiel der deutschen Nationalmannschaft hat Manda derart mitgefiebert, dass Leonhardt - sonst weit übers Musikantenland hinaus als Chorleiter und Musiker bestens bekannt, selbst aber auch bekennender Fußball-Freund - von seiner Schwiegermutter manchen Knuff abgekommen hat. Als Miro Klose und Lukas Podolski vorm schwedischen Tor wirbelten, hatte die 88-Jährige wieder begeistert mitgefiebert.







Sie bekennt sich ja selber voll und ganz zu ihrer neu erwachten Begeisterung für das Spiel rund ums runde Leder, die rüstige Seniorin. Amanda Kraußhaar hat zwar etwas Last mit ihrem rechten Knie - ist aber ansonsten voll auf der Höhe. Körperlich, vor allem aber geistig. Der lebenslustigen Jettenbacherin entgeht so schnell nichts. Bislang von König Fußball weitgehend ungerührt, hat sie nach eingehender Beobachtung zweier WM-Spiele sofort festgestellt, dass es am Samstag in München ganz anders zur Sache ging als noch am Freitag bei der insgesamt doch eher lahmen Partie zwischen den bereits qualifizierten Spaniern und den beim Anpfiff schon ausgeschiedenen Kickern aus Saudi-Arabien.







„Es ist schon was ganz anderes, ob man die Spiele im Fernsehen sieht oder direkt dabei ist", zeigte sich Amanda Kraußhaar von der Stadion-Perspektive beeindruckt. Sie fand das letzte WM-Vorrundenspiel in Kaiserslautern „ganz in Ordnung", den Sieg von Ballack und Co. am folgenden Tag aber um Klassen besser.







„Sie war hellauf begeistert", freute sich noch gestern Morgen Rita Leonhardt darüber, dass ihre Mutter sich das Erlebnis einer Weltmeisterschaft im eigenen Lande - dazu noch vor der eigenen Haustür - nicht hat entgehen lassen. Klar, dass Rita und ihr Ehemann Walter die sicherlich älteste Besucherin des Spiels bis auf den Betzenberg begleitet hatten.







Eigentliche Triebfeder war aber Jochen Leonhardt. Er hat letztlich ein Machtwort gesprochen hat: Dies müsse seine Oma auf jeden Fall sehen. Von Anfang an hatte sich der 30-Jährige um Tickets für Kaiserslautern bemüht. Mit Erfolg. Und bei zumindest einem Spiel sollte seine Großmutter unbedingt mit auf der Tribüne sitzen.







Per Auto zum Park-and-Ride-Platz, per Bus zum Waldschlösschen - und dort begann der Aufstieg zu Deutschlands höchstem Fußballberg. Amanda Kraußhaar hat die vielen Treppen bewältigt. Auf der West-Tribüne Platz genommen - und eingangs erwähnten Zwei-Meter-Mann schon von Weitem kommen sehen. „Der setzt sich jetzt sicherlich direkt vor mich", hatte sie befürchtet - und recht behalten. Trotzdem hatte sie insgesamt gute Sicht aufs Spielfeld. „Und nur Spanier um uns herum", schildert sie ihre Eindrücke.







Mit dem Abpfiff war"s aber noch nicht vorbei, das Erlebnis in der kleinsten WM-Stadt. Die komplette „Fan-Meile" hat „Manda" mit ihren Angehörigen bewältigt. War begeistert ob der Stimmung, die da in Kaiserslautern geherrscht hat. Ein wunderbares Erlebnis für die alte Dame, die allerdings schon so einiges erlebt, stets voll im Leben gestanden hat. Bis vor wenigen Jahren ihr Mann verstarb, hatte das Ehepaar auch im hohen Alter noch gerne das Tanzbein geschwungen.







Und wie geht"s weiter? Amanda wird die WM bis zum Finale verfolgen, Klinsmann und seinen Kickern die Daumen drücken. Und wenn Enkelsohn Jochen oder Tochter Rita und Schwiegersohn Walter mal wieder einen Trip zum Betzenberg unternehmen, um den FCK in der Zweiten Liga zu beobachten? „Na, dann fahr ich sofort wieder mit..." (cha)







MEDERW / MEDERW



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Westricher Rundschau

Datum: Nr.145

Datum: Montag, den 26. Juni 2006

Seite: Nr.9
 
WM 2006



Die Grashalme in Schwarzers Gesicht zeugen vom Frust



Australischer Torhüter steht heute bei der Achtelfinal-Partie gegen Italien in Kaiserslautern wieder zwischen den Pfosten





Von unserem Mitarbeiter







Oliver Trust







ZWEIFLINGEN. Mark Schwarzer, Torhüter der australischen Fußball-Nationalmannschaft, kehrt im Achtelfinale gegen Italien heute (17 Uhr) ins Gehäuse der „Socceroos" zurück.







Die Sonne steht tief über der Karl-Huber-Halle in Öhringen. In der Sporthalle ist das Pressezentrum eingerichtet, und von hier aus berichten die australischen Journalisten auch über den Mann, der unten auf dem Rasen der TSG Öhringen trainiert, als bekomme er jeden gehaltenen Ball extra honoriert. Es dauert an diesem heißen Tag, bis Mark Schwarzer endlich aufhört.







Es sind die Tage nach einer großen Enttäuschung. Training lenkt ab von Frust und Ärger. Als der Reporter vom Fernsehsender ESPN ihm sein Mikrofon unter die Nase hält, kleben viele kleine Grashalme in Schwarzers Gesicht. Er ist voll davon. Ein Fahrer ist mit einem Auto hier geblieben, um ihn ins Schloss- und Waldhotel in Zweiflingen zu bringen. Die Team-Kollegen sind schon mit dem Bus weg.







Sie haben ihn trainieren lassen, sie wussten, der Typ muss sich austoben. Der Mann vom Fahrdienst schaut ihn von oben bis unten an und überlegt schon, wo er den Staubsauger hingestellt hat. Er wird die Grashalme weg-saugen müssen, wenn der verschwitzte Kerl wieder ausgestiegen ist. Mark Schwarzer ist es in dem Moment völlig egal, wem er da zusätzliche Arbeit bereitet. Er spricht über Frust, Ärger und Enttäuschung, weil er plötzlich draußen saß gegen Kroatien im alles entscheidenden Spiel um den Einzug ins Achtelfinale. Er, der Held des Qualifikationsspiels gegen Uruguay, als er zwei Elfmeter hielt und knapp davor stand, zum „beliebtesten Australier des Jahrhunderts" gewählt zu werden. „Ich weiß nicht, warum ich nicht gespielt habe", sagt er - und er lächelt dazu. Trotz aller Enttäuschung. Der Australier steht auf Teamgeist. Mark Schwarzer fällt das an diesem Nachmittag sichtlich schwer. Aber er ist einer der „Socceroos", die das ganze Land, in dem er am 6. Oktober 1972 als Sohn deutscher Einwanderer in Sydney geboren wurde, in einer Welle der Begeisterung versinken lassen. Er erzählt, wie stolz er ist, dabei zu sein, wie unendlich groß der Traum ist, bei einer Weltmeisterschaft zu spielen und dazu in Deutschland. Pathos gehört dazu, wenn in Australien von Sport und Mannschaftsgeist gesprochen wird. Also tut er es auch.







Mark Schwarzer ist Australier, mit ganzem Herzen. Trotz der sechs Bundesligaspiele, zwei für Dynamo Dresden, vier für den 1. FC Kaiserslautern . 1994 bis 1996. Das ist lange her und spielt keine große Rolle mehr im Leben des Torwarts. Nach den Patzern seines Kollegen Zeljko Kalac kehrt er im Achtelfinale gegen Italien wieder ins Tor zurück. „Er wird definitiv spielen", sagte Trainer Guus Hiddink gestern.







Die Auszeit hat Schwarzer schwer getroffen. Seit zehn Jahren spielt er in der englischen Premier League. Ein Jahr Bradford, neun Jahre Middlesbrough. Dass ihn Hiddink nach zwei WM-Spielen plötzlich auf die Bank setzte, war sicher die größte sportliche Enttäuschung. Fast so schlimm wie die Niederlage im Uefa-Cup-Finale 2006 mit Middlesbrough gegen Sevilla (0:4). In Deutschland bei der WM war seine Familie mit im Stadion. Sein Vater, der aus Freiberg am Neckar stammt, sein Onkel und seine in Stuttgart lebende Schwester. Und ausgerechnet in Stuttgart durfte er nicht spielen. „Abgehakt", sagt er. Jetzt wartet Italien, und wieder sind sie der Außenseiter. „Das ist eine schöne Rolle. Wir gehen in jedes Spiel, um zu gewinnen, und wir glauben, dass wir eine Chance haben", sagt er. „Jeden Tag machen wir uns bewusst, wo wir hier sind, beim Turnier der besten der Welt".







KAMMC / KAMMC



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Ludwigshafener Rundschau

Datum: Nr.145

Datum: Montag, den 26. Juni 2006

Seite: Nr.20
 
KOMMENTAR

Rache der Hitzköpfe

Von Oliver Sperk



Jagdszenen in Nürnberg: Schiedsrichter Valentin Iwanow hätte beim aggressiven „Karten-Spiel" Portugal gegen die Niederlande früher härter durchgreifen müssen. Aber er war nicht um seine Aufgabe zu beneiden.





Der Ausgangspunkt für den neuen WM-Rekord an Platzverweisen - vier in einem Spiel - war ein übler „eingesprungener" Tritt mit gestrecktem Bein von Hollands Verteidiger Khalid Boulahrouz gegen Cristiano Ronaldo. Der portugiesische Stürmer musste mit einer Oberschenkelblessur vom Feld. Das war fahrlässige Körperverletzung! Die Schiedsrichter Iwanow nur mit einer gelben Karte ahndete.





So waren die Portugiesen angestachelt, selbst so etwas wie Vergeltung zu üben. Hektik kam auf.





Völlig berechtigt war die gelb-rote Karte gegen Costinha, der nach zwei rüden Fouls Glück hatte, nicht schon früher duschen zu müssen. Dann bettelte er mit einem Handspiel um Gelb-Rot, das er bekam.





Ein Fehler von Hollands Trainer Marco van Basten, dass er Boulahrouz nicht vor sich selbst schützte. Er hätte gut daran getan, ihn in der Halbzeit auszuwechseln. Iwanow hatte wohl im Nachhinein geahnt, dass er zuvor zu milde mit dem Abwehrmann war. Nach einem - wohl unabsichtlichen - leichten Ellenbogenschlag gegen Luis Figo schickte er den Verteidiger vom Hamburger SV vom Platz.





Auch als sich Hitzkopf Deco (wiederholtes Foulen und Spielverzögerung) und van Bronckhorst (Frustfoul) daneben benahmen, lag der Unparteiische richtig. Aber da war es zu spät, die Partie längst aus den Fugen geraten. Iwanow wusste sich nur noch dadurch zu helfen, in der Schlussphase nahezu jeden Spieler auch für kleinere Vergehen wahllos zu verwarnen. Aber es ist zu einfach, Iwanow für die sich überschlagenden Ereignisse verantwortlich zu machen. Die Spieler müssen sich selbst in die Pflicht nehmen.





Ganz schlechter Stil, dass Fifa-Boss Blatter Iwanow öffentlich getadelt hat: „Man hätte ihm auch eine gelbe Karte zeigen können."







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Spektakel der Aggressionen

Portugal nach denkwürdigem 1:0-Sieg über die Niederlande im Viertelfinale gegen England



NÜRNBERG (osp). Emotionen, Aggressionen und vier Platzverweise: Richtig hoch her ging es am Sonntagabend in Nürnberg beim 1:0 (1:0)-Sieg Portugals in einem packenden, dramatischen Achtelfinale gegen die Niederlande.





Um 22.55 Uhr waren die portugiesischen Spieler und ihr brasilianischer Trainer Luiz Felipe Scolari nicht mehr zu halten: Freudentänze, ein einziges Spielerknäuel in Dunkelrot. Auf der anderen Seite schimpfte der niederländische Mittelfeldspieler Mark van Bommel wie ein Rohrspatz und zerrte vor Wut am Kabel einer Fernsehkamera, die die jubelnden Portugiesen filmte.





Nach 99 Minuten war das hochdramatische Achtelfinale zu Ende. Nach drei Minuten Nachspielzeit in der ersten Hälfte gab es im zweiten Abschnitt gar sechs Minuten extra - die Konsequenz aus vier gelb-roten und zusätzlich acht gelben Karten. Vier Platzverweise - das ist Rekord in der Fußball-WM-Geschichte.





Angefangen haben die Aggressionen auf beiden Seiten nach dem Karatesprung des niederländischen Rechtsverteidigers Khalid Boulahrouz auf den Oberschenkel von Cristiano Ronaldo früh in der ersten Hälfte. Der Portugiese musste verletzt ausgewechselt werden und nahm mit Tränen der Enttäuschung in den Augen auf der Bank Platz. Gestern zeigte sich Ronaldo, der durch Boulahrouz" Attacke einen Bluterguss im rechten Oberschenkel davongetragen hat, optimistisch, dass er fürs Viertelfinale gegen England am Samstag (17 Uhr) in Gelsenkirchen wieder fit wird.





Die Portugiesen machten sich nach Ronaldos Verletzung daran, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ein hitziges Spiel in aufgeladener Atmosphäre entwickelte sich. Im Mittelpunkt: der russische Schiedsrichter Valentin Iwanow, der die Hitzköpfe nicht in den Griff bekam. Die gelb-rote Kartenflut gegen Costinha (45.), Deco (78.), Boulahrouz (63.) und Giovanni van Bronckhorst (90.+5) nach dessen Frustfoul war Ausdruck der Jagdszenen im Frankenland.





„Es war in der zweiten Halbzeit bei diesen vielen Fouls und Spielunterbrechungen kaum noch möglich, Fußball zu spielen", ärgerte sich der niederländische Trainer Marco van Basten. „Mein junges Team hat sich bei dieser WM prima geschlagen. Am Schluss war die Erfahrung unseres Gegners entscheidend. Sie haben mit allen Tricks gearbeitet und ständig auf Zeit gespielt", sagte van Basten, der seinen erfahrenen Mittelstürmer Ruud van Nistelrooy wegen Formschwäche auf der Bank gelassen hatte.





So sei in der Aufholjagd an geordneten Spielaufbau nicht mehr zu denken gewesen. Seine junge Mannschaft lief dem 1:0 der erfahreneren und eingespielteren Portugiesen vergebens hinterher. Die größte Möglichkeit zum Ausgleich hatte Phillip Cocu, als er aus sechs Metern nur die Querlatte traf (49.).





Toll herausgespielt war das „goldene Tor" (23.) von Maniche. Nach Flanke von Mittelfeldregisseur Deco legte Pauleta mustergültig zurück auf den Schützen des Treffers, der den größten WM-Erfolg der Portugiesen seit 1966 bedeutet.





Ihren Erfolgscoach Scolari trugen sie nach dem Sieg in diesem denkwürdigen Spiel auf Schultern. Der Vize-Europameister von 2004 ist nun seit 18 Spielen ungeschlagen. Scolari, mit Brasilien 2002 Weltmeister, feierte am Sonntagabend seinen elften Sieg in Serie bei einer WM-Endrunde.





Portugals Trainer war begeistert von seiner Mannschaft: „So einen Willen bei einer portugiesischen Mannschaft habe ich noch nie gesehen. Das ist ein Wille, der sogar den englischer Mannschaften übertrifft." Gegen England selbst müssen die Portugiesen nun diesen Willen bestätigen. Allerdings ohne Deco und Costinha.







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Dramatisches Aus für wackere „Socceroos"

Italien besiegt Australien im Achtelfinale durch Elfmeter-Geschenk 1:0 - Markanter Schlusspunkt der WM in Kaiserslautern



Von unserem Redakteur





Oliver Sperk





KAISERSLAUTERN. Welch ein dramatischer Schlusspunkt: Durch ein Elfmeter-Geschenk fünf Sekunden vor Ablauf der angezeigten Nachspielzeit hat Italien gestern in Kaiserslautern im Achtelfinale Australien mit 1:0 (0:0) besiegt. Es war das letzte von fünf WM-Spielen im Kaiserslauterer Fritz-Walter-Stadion.





Fabio Grosso ließ sich beim allerletzten Angriff des Spiels geschickt über den im eigenen Strafraum am Boden liegenden Lucas Neill fallen, der den Italiener gar nicht sehen konnte. Der australische Verteidiger lag mit dem Rücken zum heranstürmenden Grosso. Der gut 15 Minuten zuvor eingewechselte Francesco Totti behielt beim Strafstoß die Nerven und setzte den Ball in den Winkel. Startschuss für die italienischen Jubelfeiern ...





„Gibt es etwa jemanden, der Zweifel hat, dass es ein Elfmeter war ...?", fragte Italiens Trainer Marcello Lippi die versammelten Journalisten bei der Pressekonferenz mit einem verschmitzten vielsagenden Lächeln. Sein Kollege Guus Hiddink erwiderte: „Man konnte im Fernsehen in der Zeitlupe ganz genau sehen, dass es keine Zweifel gibt: Es war kein Elfmeter." Trotz aller Enttäuschung zollte er seinen Spielern, die überraschend ins Achtelfinale eingezogen waren, großes Lob für die Leistungen bei dieser WM.





Australien gestaltete auch gegen die klar favorisierten Italiener die Partie offen, dominierte die zweite Hälfte nach der roten Karte gegen Marco Materazzi. Der 32-Jährige grätschte Marco Bresciano von vorne rüde in die Beine (50.). Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo aus Spanien zückte Rot.





In der ersten Halbzeit waren die sehr tief in der eigenen Hälfte stehenden Italiener, die ihr Heil in überraschenden Steilpässen suchten, deutlich gefährlicher in ihren Angriffen.





So hatte Stürmer Luca Toni in der dritten Minute die Chance zur Führung, köpfte jedoch freistehend am Tor von Mark Schwarzer vorbei. Tonis Kollege im Angriff, Alberto Gilardino, hatte nach einer herrlichen Kombination ebenfalls das 1:0 auf dem Fuß. Gennaro Gattuso zirkelte einen langen Steilpass aus dem Mittelkreis genau auf Toni, der für Gilardino auflegte. Doch dessen Direktabnahme lenkte Schwarzer über die Querlatte (20.).





Der australische Keeper war zwei Minuten später mit einer tollen Fußabwehr auch gegen Tonis Schuss zur Stelle.





Die einzig gefährliche Aktion vor dem italienischen Tor in einer ansehnlichen ersten Hälfte machte Buffon zunichte, als er einen 13-Meter-Schuss von Scott Chipperfield parierte (30.).





Nach dem Platzverweis gegen den für den verletzten Alessandro Nesta verteidigenden Materazzi brachte Lippi Defensivspieler Andrea Barzagli für Luca Toni, der mit einer weiteren vergebenen Gelegenheit (47.) langsam zum Großchancen-Vernichter des Turniers wird. Mit zehn Mann standen die Italiener nun noch tiefer.





Australien nahm den Raum im Mittelfeld dankbar an. Tim Cahill und Marco Bresciano rückten nach vorne auf, um die einzige Spitze Mark Viduka zu unterstützen.





Chipperfield scheiterte an Buffon (59.). Danach fanden die Australier 20 Minuten lang kein Mittel gegen Italiens Abwehrriegel, und die Italiener ihrerseits taten fast nichts nach vorne, standen teilweise mit acht Mann am eigenen Strafraum.





Die letzte Chance bei dieser WM für Australien hatte Cahill, vor zwei Wochen Schütze der ersten beiden australischen WM-Tore. Er köpfte eine Bresciano-Ecke übers Gehäuse (81.). Noch einmal gelangten die Italiener in den gegnerischen Strafraum. Die Folgen sind bekannt.





SO SPIELTEN SIE





Italien: Buffon - Zambrotta, Cannavaro, Materazzi, Grosso - Perrotta, Gattuso - Pirlo, del Piero (75. Totti) - Gilardino (46. Iaquinta), Toni (55. Barzagli)





Australien: Schwarzer - Moore, Neill, Chipperfield - Culina, Grella, Wilkshire - Sterjovski (81. Aloisi), Cahill, Bresciano - Viduka





Tor: 1:0 Totti (90.+3, Foulelfmeter) - Gelbe Karten: Grosso, Gattuso, Zambrotta - Grella, Cahill, Wilkshire - Rote Karte: Materazzi (51., grobes Foulspiel) - Beste Spieler: Gattuso, Buffon - Schwarzer, Chipperfield - Zuschauer: 46.000 (ausverkauft) - Schiedsrichter: Medina Cantalejo (Spanien).







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Spektakuläre Spiele

Von Oliver Sperk



Kaiserslautern hat großes Glück gehabt. Die kleinste der zwölf WM-Städte hat fast ausschließlich attraktive und spektakuläre Spiele gesehen.





Die Schluss-Szene gestern war zwar für Australien tragisch, stellte aber für die neutralen Zuschauer ein unterhaltsames, spektakuläres WM-Finale in der Pfalz dar.





Es ist unglaublich: drei Platzverweise beim Spiel der Italiener gegen die USA vor zehn Tagen; nun eine rote Karte und ein Foulelfmeter in den allerletzten Sekunden des Achtelfinales Italien gegen Australien. Die Zuschauer im stets ausverkauften Fritz-Walter-Stadion haben wahrlich brisante Szenen erlebt bei dieser WM.





Gestern lag Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo bei seiner Strafstoß-Entscheidung zu einem so heiklen Zeitpunkt gründlich daneben. Der Italiener Grosso hatte den Kontakt mit dem australischen Verteidiger Neill gesucht, ließ sich absichtlich über ihn fallen, um den Elfmeter zu provozieren.





Möglicherweise hatte der Schiedsrichter auch noch die rote Karte im Hinterkopf, die er zuvor gegen Materazzi verhängt hatte. Dieser Platzverweis erschien zwar ein wenig zu hart, war aber nach strenger Regelauslegung korrekt. Unterhaltsam war"s allemal.







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Am Mittwoch Tag der





Wahrheit für Merk und Co.





NEU-ISENBURG (olw). Über den einen auf dem WM-Rasen aktiven Pfälzer wird in diesen Tagen in Fußball-Deutschland sehr viel gesprochen: Alle lieben National-Torjäger Miroslav Klose! Über den anderen Pfälzer wird derzeit sehr wenig diskutiert - und das ist ihm sogar sehr recht. „Mein Sohn Benedikt hat gesagt: Papa, du bist unauffällig - das finde ich genial", berichtete Markus Merk gestern. Drei weitgehend tadellose WM-Vorrundenspiele - abgesehenden vom strittigen Elfmeter zugunsten Ghanas gegen die USA - hat der deutsche WM-Schiedsrichter hinter sich. Am Mittwoch gegen 17 Uhr gibt die Fifa im Unparteiischen-Quartier in Neu-Isenburg die Ansetzungen fürs Viertelfinale bekannt. Wer keine Chancen mehr auf Einsätze hat, reist am Freitag ab. Auch wenn die deutsche Mannschaft um „Miro" Klose noch im Rennen ist: Es scheint nicht ausgeschlossen, dass Merk und sein Gespann noch ein WM-Spiel bekommen. Heute Abend ist der gebürtige Kaiserslauterer und Wahl-Otterbacher als vierter Offizieller im Achtelfinale zwischen Spanien und Frankreich in Hannover im Dienst (wir informierten). Doch auch, wenn dies schon sein vierter Vor-Ort-Einsatz ist, sagt Merk: „Ich glaube, ich bin der Deutsche, der am wenigsten von dieser WM mitbekommt." Er meint damit das Drumherum, vor den Stadien, auf den Fanmeilen. Die Schiedsrichter sind im Kempinski-Hotel Gravenbruch kaserniert, haben kaum „Ausgang". „Ich hatte mir sicherheitshalber für alle Spiele in Kaiserslautern zwei Karten gekauft - aber nichts war möglich", bedauert Merk, dass er keine WM-Partie in seiner Heimatstadt live sehen konnte. Und in den anderen Arenen, während der Weltmeisterschaft ja quasi in Fifa-Besitz, war auch für ihn vieles anders: „Man kennt die Stadien - und kennt sie plötzlich nicht mehr. Ab und zu mal einen Ordner aus der Bundesliga." (Foto: ddp)





Achtelfinale ohne Robinho





BERGISCH GLADBACH (sid). Weltmeister Brasilien muss das Achtelfinale heute (17 Uhr) in Dortmund gegen Ghana ohne Stürmer Robinho bestreiten. Der 22-Jährige von Real Madrid laboriert noch immer an einer Oberschenkel-Verletzung. Es handele sich jedoch nur um eine kleinere Blessur, sagte Robinho. Sollte die Seleção das Viertelfinale erreichen, werde er höchstwahrscheinlich wieder zur Verfügung stehen. Für Robinho wird Adriano spielen.





Bei Ghana fällt möglicherweise Abwehrspieler Habib Mohammed aus. Der 22-Jährige zog sich beim Training der „Black Stars" nach einer ersten Diagnose eine Bänderverletzung im Knie zu. Wie schwer die Verletzung ist, sollen weitere Untersuchungen ergeben. WM-Seite 5





wm-torjäger





4 Tore: Miroslav Klose (Deutschland) - 3 Tore: Hernan Crespo (Argentinien), Lukas Podolski (Deutschland), Maxi Rodriguez (Argentinien), Fernando Torres (Spanien).





wm-spiele im TV





Achtelfinale: Brasilien - Ghana (17 Uhr, live, ARD), Spanien - Frankreich (21 Uhr, live, ARD).
 
Fußball-WM endet für Kaiserslautern mit einem dramatischen Paukenschlag

Italien besiegt Australien im Achtelfinale durch einen umstrittenen Elfmeter in der Schlussminute 1:0



KAISERSLAUTERN (osp). Furioses Finale der Fußball-WM am Spielort Kaiserslautern: Mit einem Elfmetertor in allerletzter Sekunde hat Italien gestern im Fritz-Walter-Stadion einen 1:0-Achtelfinalsieg gegen Australien gefeiert. Damit ist die WM 2006, die in Stadt und Land eine überwältigende Begeisterung ausgelöst hat, für Kaiserslautern beendet.





Dass Australien sich überraschend ins Achtelfinale gekämpft hatte und gestern wieder in Kaiserslautern spielte, erfreute viele. Um so bitterer war die 0:1-Niederlage für die Mannschaft von Trainer Guus Hiddink gegen Italien, das nach der roten Karte für Marco Materazzi in der 50. Minute wegen groben Foulspiels fast eine Halbzeit lang in Unterzahl spielte. Den Weg zum Sieg in den letzten fünf Sekunden der offiziell angezeigten Nachspielzeit ebnete Fabio Grosso. Er ließ sich über den bereits am Boden liegenden Australier Lucas Neill fallen.





Italiens Star Francesco Totti, erst eine Viertelstunde zuvor eingewechselt, behielt die Nerven und verwandelte den vom spanischen Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo verhängten, umstrittenen Foulelfmeter sicher.





„Für den Moment bin ich zwar sehr enttäuscht, aber ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Sie hat bei diesem Turnier eine tolle Leistung geboten", sagte Australiens Trainer Hiddink nach dem Ausscheiden.





Die zwei Wochen, für die die westpfälzische Stadt zum Schauplatz weltweiten Interesses wurde, bescherten Kaiserslautern ein riesengroßes friedliches Fußball-Fest. 230.000 Stadion-Besucher sahen die vier Vorrundenbegegnungen Australien gegen Japan, Italien gegen die USA, Paraguay gegen Trinidad und Tobago, Spanien gegen Saudi-Arabien sowie das gestrige Achtelfinal-Drama zwischen Italien und Australien.





Allein an den fünf WM-Spieltagen in Kaiserslautern bevölkerten zusätzlich zu den Zuschauern in der WM-Arena hunderttausende Menschen die Innenstadt, die Fan-Meile und den Stiftsplatz. Dort werden noch bis einschließlich des Finaltags am 9. Juli alle WM-Spiele live gezeigt.





Für die Pfalz wurde die Weltmeisterschaft zu einem unvergesslichen Erlebnis nie geahnten Ausmaßes. In Kaiserslautern herrschte nicht nur an den fünf Spieltagen Volksfeststimmung.





Dass die WM kuriose Geschichten schreibt, lässt sich am Beispiel Australien ablesen: Die „Socceroos", wie die Fußballer von „Down under" genannt werden, erzielten im ersten WM-Spiel auf pfälzischem Boden vor zwei Wochen ihre ersten Tore überhaupt bei einer Weltmeisterschaft und landeten dabei beim 3:1 über Japan ihren ersten Sieg. Wegen ihrer lockeren Art kamen die Fans des australischen Teams in der Pfalz besonders gut an.





Gegner der Italiener im Viertelfinale am Freitag (21 Uhr) in Hamburg ist die Ukraine, die die Schweiz gestern Abend im Elfmeterschießen besiegte. Heute stehen bei der WM die Achtelfinals Brasilien gegen Ghana (17 Uhr) sowie Spanien gegen Frankreich (21 Uhr) auf dem Programm. Sport







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Totti bringt „Socceroos" zum Weinen

Australien verliert Achtelfinale gegen Italien im Fritz-Walter-Stadion mit 0:1 und ist trotzdem stolz



Von unserem Redakteur





Steffen Gall





Gestern Abend. 20.05 Uhr. Auf dem Weg vom Stadion in die Stadt. „Ich kann es nicht glauben. Dass es so zu Ende geht! Aber wir können trotzdem stolz sein. Oder?" Sagt ein australischer Fan mit leicht verwischter Kriegsbemalung. Und nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Bierbecher. Das „oder" hätte er sich sparen können. Denn die Fußballfreaks aus „Down under" können sogar sehr stolz auf ihre tapferen „Socceroos" sein. Erst ein unberechtigter Elfmeter fünf Sekunden vor Ablauf der Nachspielzeit brach ihnen das Genick.





Etwas mehr als eine Stunde vorher, genauer gesagt um 18.49 Uhr: Francesco Totti läuft an und hämmert den Ball vom Elfmeterpunkt aus unhaltbar in die rechte obere Torecke. Der Schiedsrichter pfeift gar nicht mehr an, sondern gleich ab. Italien zieht ins WM-Viertelfinale ein. Die Fans der „Squadra Azzurra" tanzen, singen, feiern. Und Australien weint!





Wenig später schlurft der australische Spieler Lucas Neill mit hängenden Schultern vom Platz in die Katakomben des Fritz-Walter-Stadions. Er hat den Elfer „verschuldet". Aber er war schuldlos. Er lag am Boden, und Italiens Fabio Grosso ließ sich über ihn fallen. Der Strafstoß - eine klare Fehlentscheidung. „Wir sind sehr enttäuscht, wir waren so nah dran", wird Australiens Nationaltrainer Guus Hiddink wenig später sagen. Und Joshua Kennedy, der perfekt Deutsch sprechende und im „normalen" Leben künftig für den 1. FC Nürnberg spielende australische Nationalkicker, wird in Bezug auf den Elfmeter von „einer Katastrophe" sprechen.





Es ist etwa 19.45 Uhr, als Kennedy zu Interviews in die so genannte Mixedzone kommt und den Journalisten die entscheidende Situation aus Sicht der Auswechselspieler auf der Bank schildert. „Wir sind alle aufgesprungen und dachten: Das kann nicht sein, dass das ein Elfmeter ist!" War auch keiner. Der Schiedsrichter zeigte trotzdem auf den Strafstoßpunkt.





Nochmals ein Zeitsprung: 15.45 Uhr. Mitten drauf auf der WM-Meile. Am Nadelöhr in Höhe C & A geht mal wieder nichts mehr. Stau. Und zwar verschärft. Stört den echten Fan aber gar nicht. Vergnügte Australier schwingen ihre Kängurus durch die Luft. Wild geschminkte Italiener lassen sich mit deutscher Fahne und deutschen Polizisten fotografieren. Völker verbindende Szenen. Dann liefern sich die beiden Fangruppen doch noch ein Duell - aber ein ganz friedliches. In Form von Gesängen und fußballerischen Schlachtrufen. Eine großartige Stimmung vor dem Anstoß.





15.45 Uhr am „Tor zum Betzenberg", der Eisenbahn-Unterführung. Der Schwarzhandel blüht. An vielen Ecken werden Eintrittskarten für das letzte WM-Spiel in Kaiserslautern angeboten. Die Preise schwanken zwischen fast schon günstigen 100 und etwas happigen 500 Euro. Ein ziemlich beleibter Herr im Brasilien-Trikot hat gleich einen ganzen Stapel Tickets. Und für 150 pro Stück gehen die Dinger weg wie warme Semmel.





16 Uhr im Stadion. SMC - das Medienzentrum. Es platzt fast aus allen Nähten. Eine lange Schlange hat sich am Schalter für Tagestickets gebildet. Das Match ist auch aus Journalistensicht ausgebucht. Es gibt eine Warteliste. Somit werden fast 700 schreibende und/oder sprechende sowie nahezu 200 fotografierende Medienvertreter dieses Achtelfinale beobachten.





16.55 Uhr: Zum letzten Mal erklingen die Nationalhymnen im Fritz-Walter-Stadion. Erst die italienische. Die Spieler in Blau stehen Arm in Arm. Dann die australische. Die Spieler in Gelb legen die Hand ans Herz.





Um Punkt 17 Uhr geht"s los. Italia-Rufe aus dem Osten. Aussie-Gesänge aus dem Westen. Die erste Halbzeit endet mit einem Chancenplus für Italien. Trotzdem steht"s 0:0.





18.01 Uhr: Die zweite Halbzeit. Nur fünf Minuten später muss der italienische Verteidiger Marco Materazzi vom Platz. Rote Karte. Gelb hätte es auch getan. Fortan spielen die „Socceroos" in Überzahl. Die mit vielen Stars gespickte italienische Nationalelf zieht sich total zurück. Wer ist hier eigentlich der Außenseiter? Sollte sich so eine Mannschaft, die den Anspruch hat, Weltmeister zu werden, gegen einen Underdog wie Australien verhalten? Eigentlich nicht. „Aber letztlich zählt das Ergebnis", sagt Guus Hiddink. Und das lautet 1:0 für Italien.







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Lokal



Reden ohne Punkt und Komma



„Sehhunde" kommentieren WM-Spiele im Fritz-Walter-Stadion für blinde Fußball-Fans - Live dabei





Von unserem Redakteur







Andreas Sebald







Einmal ein Fußballspiel live kommentieren. Einmal für andere Menschen das Geschehen auf dem Grün hautnah wiedergeben. Für Holger Klöß und Jürgen Conrads ging dieser Traum in Erfüllung: Ihre Zuhörer sind sehbehinderte Fans, die sie zu allen fünf WM-Spielen im Fritz-Walter-Stadion begleiteten.







„Wir müssen unentwegt reden. Wo sind die Spieler, wo ist der Ball? Ohne Punkt und Komma", beschreibt Holger Klöß seinen Einsatz im Stadion. Auf den Hamburger Verein „Sehhunde", der sich um die Bedürfnisse blinder Fußball-Fans verdient gemacht hat, geht dieser Service zurück, den das WM-Organisationskomitee (OK) anbietet. „Die Sehhunde haben die beiden Kommentatoren vorgeschlagen', sagt Volker Stark vom OK. Die beiden, das sind Klöß und sein Arbeitskollege Jürgen Conrads. Das Spiel dauert für Klöß nämlich nur 45 Minuten - die zweite Hälfte übernimmt sein (Arbeits-)Kollege Conrads. „Jeder kommentiert etwa zehn Minuten, dann ist der andere dran", sagt Klöß.







Zehn sehbehinderte Menschen haben Klöß und Conrads Kommentare auf den Ohren, nehmen die kommentierten Eindrücke zusätzlich zur Stadionatmosphäre auf. Im Gegensatz zu seiner Kindheit - „als man mit einem Stift in der Hand als Mikro die Spiele kommentiert hat" - hat FCK -Fan Klöß nun ein echtes Mikro vor dem Mund und einen Kopfhörer auf den Ohren. Sein Publikum sitzt mit Kopfhörern, die über Infrarot-Schnittstelle mit dem Mikrofon verbunden sind, neben ihm. Die Zuhörerschaft der beiden Amateur-Kommentatoren wechselt - ähnlich wie die anderen Tickets sind auch die zehn Plätze für Sehbehinderten per Los verteilt worden.







Aufmerksam geworden auf die „Sehhunde" ist der 34-jährige Klöß aus Beindersheim bei Frankenthal bei einem Besuch der AOL-Arena in Hamburg. „Vor rund einem Jahr habe ich eine Führung dort gemacht und die fest installierten Plätze für blinde Fans gesehen", erzählt Klöß. Ungefähr zur gleichen Zeit las Arbeitskollege Conrads aus Freinsheim einen Artikel über den Verein und blinde Fußballfans. Zwei Kollegen - ein Gedanke: Das muss doch auch in Kaiserslautern möglich sein!







Ist es auch: Der Testlauf auf dem „Betze" folgte beim Heimspiel des FCK im Januar gegen Schalke 04. Die Zuhörer: zwei Damen aus dem Vorstand des Vereins „Sehhunde", beide blind. Anschließend gab es Feedback, und das war positiv. Es folgten zwei weitere Tests, bevor am 12. Juni der Ernstfall lief: „Unser erster Live-Einsatz war das Spiel Australien gegen Japan", sagt Klöß, der die letzten sieben Minuten des Spiels - mit drei Toren für Australien - kommentieren durfte. „Ich bin mehr fürs Rustikale zuständig", so Gladbach-Fan Conrads, der die drei Roten Karten aus dem Spiel Italien - USA „übernahm".







Schwierig wird es laut Klöß immer dann, „wenn das Spiel schnell wird". Dann müsse man auch mal nachkommentieren. Oder vielleicht sogar nachlesen. Vorbereitung gehöre nämlich dazu. Zwar bekommen die beiden Reporter knapp eine halbe Stunde vor dem Spiel die Mannschaftsaufstellungen, trotzdem sei das Studium der RHEINPFALZ und des „Kicker"-Sonderhefts vor dem Spiel ein Muss. „Die Spielernamen müssen sitzen, das ist ein bisschen wie Vokabeln lernen", sagt Conrads. Die Namen der saudi-arabischen Spieler beispielsweise habe er vor dem Spiel vorsichtshalber ein wenig geübt.







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Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Pfälzische Volkszeitung

Datum: Nr.146

Datum: Dienstag, den 27. Juni 2006

Seite: Nr.11
 
WM 2006



WM-Magazin





In Holland massenweise Antidepressiva verkauft







DEN HAAG (htz). Nach dem Ausscheiden der niederländischen Nationalmannschaft durch die 0:1-Niederlage gegen Portugal bei der WM herrscht in ganz Holland Katerstimmung. Am Tag nach dem von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführten Spiel setzte in den Niederlanden ein Sturmlauf auf Drogerien und Apotheken ein. Es wurden massenweise Antidepressiva gekauft.







Aber nicht nur die Pille gegen den Frust, sondern auch ein anderes Gegenmittel war gefragt: Die Flucht aus dem Land der Tulpen. Ab in den Urlaub wollen jetzt viele. Will van den Hoogen, Chef des Billiganbieters D-Reizen, berichtet: „Es setzt ein Sturmlauf auf kurzfristige Reisen in die Sonne ein. Es ist wie vor zwei Jahren nach dem Ausscheiden unseres Teams bei der Fußball-EM in Portugal. Die Leute wollen weg, um die Schmach der Niederlage schnell zu vergessen. Am liebsten irgendwo am Strand, in der Sonne." D-Reizen kommt dem entgegen: Es bietet seit gestern „Troostprijzen", eine Art Trost-Rabatt, für Fernreisen an.







Besonders groß ist der Kater nach dem Ausscheiden des Oranje-Teams bei den holländischen Händlern und Kleingewerbetreibenden, die sich mit unzähligen Oranje-Utensilien eine goldene Nase verdienen wollten. Winny Bogers von Euro Textile Nederland klagt nach dem frühen Aus: „Meine T-Shirts kann ich jetzt einstampfen lassen." Bogers hatte in China zehntausende orangefarbene T-Shirts mit der Aufschrift „Oranje Weltmeister" geordert. Aber auch viele Bäcker und Metzger bleiben nun auf Bergen von orangefarbenen Kuchen oder eingefärbten Würsten sitzen. Auch sie sind unverkäuflich. Sie schmecken einfach nicht mehr.







In den Supermärkten hat das große Aufräumen begonnen. Alle orangefarbenen Attribute, die noch an die Fußball-WM in Deutschland erinnern, werden in Windeseile aus den Regalen genommen. Die depressive Stimmung in Holland nach dem Ausscheiden bei der Fußball-WM „könnte nun zusätzlich zu einem Absatzrückgang führen", fürchten Marktforscher und Supermarktketten. Der Bierkonsum wird jedenfalls in den kommenden Tagen und Wochen deutlich zurückgehen. Marktführer Heineken wird dies voraussichtlich schmerzhaft zu spüren bekommen.







SCHOEPU / SCHOEPU



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Bad Dürkheimer Zeitung

Datum: Nr.146

Datum: Dienstag, den 27. Juni 2006

Seite: Nr.19
 
wm-Magazin



Zuversicht in Deutschland





sprengt derzeit alle Grenzen





BERLIN (sid). In Fußball-Deutschland sprengt die Zuversicht vor dem WM-Viertelfinale der Mannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann am Freitag gegen Argentinien fast alle Grenzen. Über die Hälfte der Bundesbürger glaubte in einer repräsentativen Umfrage durch das Marktforschungsinstitut promit (Dortmund) an den vierten WM-Titel für die Gastgeber.





Bei der grassierenden WM-Euphorie erwarten denn auch rund 87 Prozent der Befragten für das Duell mit den Südamerikanern einen Sieg. Mehr als neun von zehn Personen sprachen sich außerdem dafür aus, dass Klinsmann auch nach der WM Bundestrainer bleiben soll.





Der Achtelfinal-Erfolg von Michael Ballack und Co. gegen Schweden hat den WM-Optimismus bei den deutschen Fans enorm bestärkt. 53,3 Prozent tippen mittlerweile auf die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als Weltmeister. Das ist das bislang zweitbeste Ergebnis für einen WM-Teilnehmer seit Beginn der Erhebungen im Vorfeld der WM-Gruppenauslosungen im Dezember 2005. Vor der Partie gegen Schweden hielten 37,7 Prozent einen Heim-Erfolg der Klinsmann-Elf für möglich.





87,6 Millionen Deutsche





sehen DFB-Spiele im TV





BERLIN (sid). Die Einschaltquoten sind top, die Fußball-Weltmeisterschaft ist in Deutschland ein Hit: Nach Angaben des Rechteverkäufers Infront freuten sich ARD und ZDF bei den ersten vier WM-Spielen der Deutschen über 87,6 Millionen Zuschauer, was einen Schnitt von 21,9 Millionen ergibt. Vor vier Jahren in Südkorea und Japan wurden die ersten vier Spiele nur von 14,5 Millionen Zuschauern verfolgt.





Dieser Vergleich ist insofern ungerecht, da die asiatische WM in Europa unter der Zeitverschiebung litt. Die Referenzzahlen von der WM 1998 in Frankreich sind da schon aussagekräftiger. Damals schauten rund 500.000 Fans weniger als in diesem Jahr die ersten vier Spiele. Und: Ein Institut schätzt die Zahl der Fans, die allein in den zwölf WM-Städten die Spiele auf den öffentlichen Plätzen verfolgen, auf bislang über elf Millionen. Diese Menschen werden aber bei keiner Quotenerhebung erfasst.





Das letzte





Mit scharfer Kritik an Brasiliens führender Fernsehanstalt Globo hat Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira seinem Ärger über eine Reportage zu angeblichen Äußerungen seinerseits Luft gemacht. „Das war ein Eindringen in die Privatsphäre. Schlimmer ist jedoch, dass sie wieder mal danebenlagen", klagte der 63-Jährige, nachdem im TV-Magazin „Fantastico" Lippenleser Worte Parreiras während der Vorrundenpartie gegen Japan gedeutet hatten.





Dabei soll Parreira dem Technischen Koordinator Mario Zagallo unter anderem zugeflüstert haben, dass er vom Spiel Gilberto Silvas angetan sei, er aber den wegen seiner gelben Karte geschonten Emerson im Achtelfinale wieder bringen müsse. Schon während der WM 1994 hatte ein ähnlicher Zwischenfall für Ärger gesorgt. Der Sender entschuldigte sich noch am Montag in den Nachrichten.





wm-torjäger





4 Tore: Miroslav Klose (Deutschland) - 3 Tore: Hernan Crespo (Argentinien), Lukas Podolski (Deutschland), Maxi Rodriguez (Argentinien), Fernando Torres und David Villa (beide Spanien), Ronaldo (Brasilien).
 
KOMMENTAR

Chaotisches Strafmass

Von Oliver Sperk



Die Schiedsrichter stehen bei der WM 2006 besonders im Blickpunkt. Valentin Iwanow geriet für seine Entscheidungen beim äußerst aggressiv geführten Achtelfinale Portugal gegen die Niederlande übel in die Kritik.





Durch immer neue und kleinliche Anweisungen der Fifa, etwa für jedwedes Trikotzupfen Gelb zu zeigen, das Ausziehen des Trikots beim Torjubel konsequent zu ahnden, ist das Strafmaß völlig aus den Fugen geraten. Es muss nach der WM dringend überarbeitet werden.





Hätte Iwanow jedes Vergehen konsequent so bestraft, wie es die Fifa vorschreibt, hätte er am Ende allein auf dem Platz gestanden. Die verunsicherten Schiedsrichter haben Angst, Fehler zu machen und damit gnadenlos aus dem Turnier „auszuscheiden". Um so unverschämter ist es von Fifa-Boss Blatter, öffentlich so harte Kritik zu üben. Aber: Das Maß stimmt nicht; wenn Italiens Materazzi wegen seiner allerdings auch nicht harmlosen Grätsche Rot kassiert, ist Boulahrouz" Karatesprung dunkler als Dunkelrot.





Nach der WM müssen Fifa und Schiedsrichter den Strafenkatalog noch einmal überarbeiten.







SPERKO / SPERKO

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WM-tagebuch

Abschied mit Stil



Von Oliver Sperk





Jetzt ruht er. Der WM-Ball „Teamgeist" wird im Kaiserslauterer Fritz-Walter-Stadion nicht mehr bei einem Weltmeisterschaftsspiel rollen. Der Abschied war wahrlich einer mit Pauken und Trompeten. Die Ausführung eines unberechtigten Elfmeters als Schlusspunkt - Emotionen und vor allem viele Kängurus.





Für die Australier und ihre sympathischen Fans hat die WM 2006, ihre zweite nach 1974, in Kaiserslautern begonnen und in Kaiserslautern aufgehört. Vor zwei Wochen feierte die Mannschaft von Trainer Guus Hiddink mit dem 3:1 über Japan im Fritz-Walter-Stadion ihren ersten WM-Sieg überhaupt. Und die Anhänger in Dunkelgelb feierten kräftig mit in der pfälzischen WM-Stadt. Sie wurden so etwas wie ein Symbol für eine bislang rundum friedliche, fröhliche, ausgelassene WM-Stimmung.





Ihre Laune ließen sich die australischen Fans gestern nach dem so bitteren WM-Aus nur für einige Momente direkt nach dem ominösen Strafstoß Tottis nehmen.





Abends in der Lauterer Innenstadt zeigten sie zu Tausenden wieder ihren wahren Charakter. Ausgelassen feierten sie mit Deutschen, Japanern - und Italienern wieder diese riesige WM-Party nie für möglich gehaltenen Ausmaßes, die Kaiserslautern wie ganz Deutschland seit gut zwei Wochen in Atem hielt und hält. Nur an Joghurt, der auch auf der WM-Meile angeboten wurde, hatten einige Australier kein Interesse. „I prefer a beer", riefen sie im Vorbeigehen durch die unvorstellbar dicht gedrängten Menschenmassen („Ich würde lieber ein Bier trinken.").





Als es ganz langsam etwas ruhiger wurde auf der WM-Meile, kurz nach Mitternacht, treffe ich Michael Derek Rutter. Mister Rutter, Professor an der Fachhochschule Worms, hat vor fast fünf Jahren meine Diplomarbeit betreut. So lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Und eigentlich hat er mit Fußball rein gar nichts am Hut. Aber die unglaubliche Feierstimmung in der Stadt hat ihn dann doch rausgelockt. Auch er sagte mir gleich, wie nett und sympathisch er die Australier finde. Friedlich feierten sie trotz der unglücklichen Niederlage. Sie sehen eben das Positive - den bislang größten WM-Erfolg. Da kann man nur singen: „Stand up for the socceroos." Erhebt euch für die „Socceroos".







SPERKA / SPERKA

Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ
 
WM-Magazin



Pessottos versuchter





Selbstmord schockt Italiener





TURIN/DUISBURG (sid). Italiens Kapitän Fabio Cannavaro (Juventus Turin) hat gestern die Pressekonferenz der Squadra Azzura im Anschluss an den Viertelfinaleinzug seiner Mannschaft abgebrochen. Der Grund: Er war geschockt von der Nachricht, dass der neue Manager des italienischen Fußball-Rekordmeisters Juventus Turin, Gianluca Pessotto, gestern offenbar einen Selbstmordversuch unternommen hat. Der 35 Jahre alte ehemalige Nationalspieler sprang angeblich aus dem Fenster seines Büros im zweiten Stock der Geschäftsstelle. Er wurde mit Knochenbrüchen ins Molinette-Krankenhaus von Turin eingeliefert, schwebt aber nicht in Lebensgefahr. Nach Angaben der Turiner Polizei stieg Pessotto auf das Fensterbrett vor seinem Büro, sprang von dort rund 15 Meter in die Tiefe und prallte dabei auf zwei parkende Fahrzeuge. Er hielt einen Rosenkranz in der Hand. Der 22-malige Nationalspieler wurde noch an Ort und Stelle erstversorgt und dann ins Krankenhaus transportiert. Juve-Sprecher Marco Girotto bestätigte, dass Passotto nach seiner Einlieferung nicht in Lebensgefahr schwebte.





Pessotto hatte den Posten des Generalmanagers nach seinem Rücktritt als Aktiver am 27. Mai dieses Jahres übernommen, nachdem die Verstrickung seines Klubs in einen Manipulationsskandal bekannt geworden war. Sein zurückgetretener Vorgänger Luciano Moggi gilt als der Drahtzieher des italienischen Fußball-Skandals. Pessotto selbst ist in die Vorfälle offenbar nicht verwickelt. Im WM-Stammquartier der italienischen Nationalmannschaft in Duisburg löste die Nachricht am Mittag tiefe Bestürzung aus. Pessotto hatte bis zum Ende der abgelaufenen Saison elf Jahre lang für die „alte Dame" und damit mit fünf aktuellen WM-Teilnehmern gespielt.





WM dient Organisatoren





der EM 2008 als Vorbild





BERN (sid). Die Organisatoren der Fußball-EM 2008 in Österreich und der Schweiz wollen ihr Turnier anhand von erfolgreichen Beispielen bei der WM in Deutschland zu einem ebenso großen Erfolg für die Besucher machen. „Wir haben gelernt, dass die Austragungsorte eine sehr wichtige Rolle spielen, insbesondere weil sie den Fans sehr viele Aktivitäten bieten", erklärte Geschäftsführer Martin Kallen vom EM-Organisationskomitee. Der Schweizer kündigte auch in den acht EM-Städten Wien, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt (alle Österreich) sowie Bern, Basel, Zürich und Lausanne „Begegnungen" für Schlachtenbummler aus den 16 Teilnehmer-Ländern an.





Die effizienten Sicherheitsmaßnahmen an den Eingängen zu den zwölf WM-Arenen haben Kallen überzeugt: „Es ist für die Zuschauer sehr bequem, ins Stadion zu gelangen. Da gibt es überhaupt keine größeren Probleme. Das ist schon sehr beeindruckend." Insgesamt will der Eidgenosse die WM zum Maßstab für das EM-Turnier machen. „Das Turnier in Deutschland ist von allerhöchster Qualität. Deshalb stehen wir nun vor einer großen Herausforderung. Aber ich mir sicher, dass wir 2008 das gleiche Niveau erreichen können."





Kindermann: Weg von der





Regenerations-Mentalität





BERLIN (sid). Die temporeiche WM vor Augen, plädiert WM-Chefmediziner Wilfried Kindermann (65) für intensivere Trainingsmethoden im deutschen Profi-Fußball. In der Debatte über optimale Vorbereitung rät der Experte: Die Klubs sollen sich ein Beispiel am Nationalteam nehmen und von der weit verbreiteten Regenerations-Mentalität abrücken.





„Die Bundesliga-Vereine haben Nachholbedarf. Das Wort Regeneration wird mir zu oft in den Mund genommen. Auch hat sich eine Laktat-Angst breit gemacht, also eine Furcht vor einer Übersäuerung des Körpers", so Kindermann. „Es muss mehr Intensität ins Training. Die Spieler müssen bereit sein, hin und wieder Sonderschichten einzulegen. Sie müssen auch mal im Training an ihre Leistungsgrenzen gehen", fordert er. Er weiß, dass „der körperliche Zustand unserer WM-Kandidaten im April nur durchschnittlich war. Es war sonnenklar, dass etwas getan werden musste. Jürgen Klinsmann ist zum Glück ein Fitness-Freak."





WM-Spruch





„Ich ziele auf seinen Kopf. Entweder er fällt ab, oder der Ball geht rein."





Argentiniens Stürmer Carlos Tevez über die Aussicht, einen Elfmeter gegen Jens Lehmann zu schießen. (sid)







SCHOEPU / SCHOEPU

Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ
 
Gast-Kommentar „Schiedsrichter machen viele Fehler"



Die Schiedsrichterleistungen in den ersten WM-Spielen waren gut. Ich habe aber da schon gesagt, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben sollte. Denn die Spiele am Anfang waren doch harmlose Partien, wo es noch nicht um wichtige Entscheidungen ging. Die K.o.-Spiele sind etwas ganz anderes. Die Schiedsrichter haben da das Niveau der ersten Spiele nicht halten können. Sie sind ins Mittelmaß abgesackt und haben viele Fehler gemacht. Schiedsrichter Graham Poll ist gar ein Anfängerfehler unterlaufen, als er dem Kroaten Josip Simunic drei Mal die gelbe Karte gezeigt hat. So etwas darf nicht passieren. Ich war in Stuttgart selbst dabei, als dies geschah. Poll war direkt nach dem Spiel noch davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Erst eine Stunde nach dem Spiel erkannte er seinen Fehler nach der Video-Analyse. Es stellte sich heraus, dass er eine gelbe Karte für den Kroaten bei Australiern notiert hatte. Die Gründe für die vielen Fehler liegen meiner Meinung nach auf der Hand: Die Spiele sind in der entscheidenden Phase. Problem ist, dass ein Schiedsrichter eben seinen eigenen Stil über die Jahre hinweg pfeift und nun plötzlich anders pfeifen muss.





Der Russe Iwanow wurde nach seiner umstrittenen Leistung sogar von Fifa-Boss Sepp Blatter kritisiert. Er habe auch die gelbe Karte verdient, sagte Blatter. Wir wissen nicht, ob sich die Gemüter in der Partie Portugal gegen Holland beruhigt hätten, wenn Schiedsrichter Valentin Iwanow Khalid Boulahrouz nach seinem Foul an Cristiano Ronaldo gleich die rote Karte gezogen hätte. Das ist hypothetisch. Sicher war es rot. Aber die Spieler auf diesem Top-Niveau sind hell genug. Sich so gehen zu lassen, das rechtfertigt nichts. Die Schiedsrichter bei den Achtelfinal-Spielen am Montag Australien gegen Italien und Schweiz gegen Ukraine sind zunächst sparsam mit den gelben Karten umgegangen und die Spieler haben es ihnen gedankt.





Zu schaffen macht mir hauptsächlich die unterschiedliche Regelauslegung. Mir fehlt da die einheitliche Linie. In der Bundesliga werden wir ab August hoffentlich eine klarere Linie verfolgen. Die Anweisungen werden ähnlich der letzten Saison sein. Aber die Vorwürfe, die Bundesliga-Schiedsrichter würden zu kleinlich pfeifen, werden jetzt hoffentlich verstummen. Gegenüber der WM pfeifen sie ja ausgesprochen großzügig.





Sepp Blatter und der ehemalige Schiedsrichter Urs Maier haben nun wieder nach all den Diskussionen den Profi-Schiedsrichter gefordert. Das ist nicht die Lösung. Derjenige, der den größten Fehler gemacht hat, Graham Poll, ist ja Profi-Schiedsrichter in England. Er macht das wirklich hauptberuflich, wenn er ein halbes Jahr krank wird, bezahlt ihn der englische Verband weiter.





Gesehen habe ich bei dieser WM bisher fünf Spiele. Ich habe vor, mir noch ein Spiel anzuschauen. Die Euphorie, die super Stimmung in Deutschland, ist toll. Die deutsche Mannschaft hat mich überrascht. Die anderen Mannschaften haben noch keine Bäume ausgerissen. Da bin ich vom Niveau her eher enttäuscht. Das Niveau hatte ich höher eingeschätzt.





Eugen Strigel (56) ist Schiedsrichter-Lehrwart des Deutschen-Fußball-Bundes. Von 1987 bis 1995 leitete er in der Bundesliga 70 Spiele. Strigel war im ZDF-Sportstudio Experte für knifflige Schiedsrichter-Entscheidungen. Aufgrund der Problematik, eigene Schiedsrichter zu kritisieren, hat er den Job aufgegeben.



Eugen Strigel



Quelle: Die Rheinpfalz
 
WM-Leserforum

„Eine ärgerliche Holzerei"



Zu unserer Berichterstattung über das Spiel Niederlande - Portugal am Sonntag:





Als „hochdramatisch", „denkwürdig" und dergleichen habe ich das Spiel eigentlich nicht empfunden, eher als ärgerliche Bolzerei beziehungsweise Holzerei. Und wenn man an anderer Stelle liest, dass nach dem Ausscheiden jetzt in den Niederlanden vermehrte Nachfrage nach Antidepressiva herrscht, wirft das ein bezeichnendes Licht auf mindestens eines der Teilnehmerländer. Und wer Portugal kennt mit seinem seltsamen Gegensatz von scheinbarer Schwermut einerseits und gnadenloser Raserei auf portugiesischen Straßen andererseits, wundert sich über nichts mehr. (...) Es hat bereits so viele Partien gegeben mit gut aufgestellten, planmäßig arbeitenden Teams, deren Verlauf auch vom eher skeptischen Zuschauer als ästhetisches Erlebnis empfunden werden musste, und mit fairen Verlierern - zum Beispiel Australien - dass wir auf Begegnungen im Rugby-Stil (...) verzichten können. In diesem Zusammenhang kann man, ohne sich Chauvinismus vorwerfen lassen zu müssen, die deutsche Mannschaft als vorbildlich bezeichnen (...).





Dr. Helmut Mutzbauer,





Bad Dürkheim





„Die Bahn - nix





Gastfreundschaft"





Ein unerfreuliches Erlebnis mit der Bahn schildert diese Leserin:





Wie gut, dass die WM-Gäste wenigstens durch Werbeplakate versichert bekommen, dass sie „zu Gast bei Freunden" sind. Bei der Bahn werden sie eines Besseren belehrt: Am Montag wurde ein aus Asien stammender WM-Gast vom Kontrolleur der Regionalbahn nach Neustadt in Wörth ausgesetzt. Obwohl er beim Aussteigen seine Fahrkarten zeigte und auf Englisch fragte, ob er in Wörth bleiben müsse, verwies ihn der Bahnangestellte aus dem Zug mit den Worten „Only German - nix English", schloss die Tür und pfiff zur Weiterfahrt... (...) Ein solch abwertendes Verhalten darf einfach nicht sein. (...) Der Kontrolleur hat Recht: „Only Deutsche Bahn - nix Gastfreundschaft".





Lydia Martin, Landau





„Besser Saarländisch





als Englisch"





Von „Völkerverständigung" am Rande des letzten Kaiserslauterner WM-Spiels berichtet dieser Leser:





Unser saarländisches Fanclub-Mitglied Heike ließ sich vor dem Achtelfinalspiel Australien gegen Italien auf der WM-Meile ihr Gesicht mit der Flagge des fünften Kontinents bemalen. Jetzt fehlte mir zu meinem Fotografenglück nur noch ein passender Italiener. Und tatsächlich: Wie bestellt kam eine Gruppe junger Männer daher, allesamt im Gesicht grün-weiß-rot bemalt. Spontan stellte sich einer für das Bild zur Verfügung. Derweil ich die Kamera schussfertig machte, unterhielten sich die beiden in Englisch. Eher beiläufig bemerkte ich: „Die versteht viel besser Saarländisch als Englisch!" Erstaunt rief der „Italiener" aus: „Was...? Ei ich bin ah Saarlänner...!" Und sofort stimmte die Gruppe die saarländische Nationalhymne an: „Mer sinn Saarbrigger, un spiele Klicker...!"





Erich Huber, Landstuhl





FCK-Fanclub „Fairplay"





„Was ist mit





Mayer-Vorfelder?"





Zum WM-Grantler vom Dienstag:





Ihrem WM-Grantler muss ich absolut zustimmen. Der allgegenwärtige „Hubschrauber-Franz" und der herumhopsende „argentinische Mops" inklusive seiner mithopsenden Entourage gehen mir langsam aber sicher auch auf den Keks. Aber was ist eigentlich mit Gerhard Mayer-Vorfelder los? Die zweite Spitze des DFB habe ich seit Beginn der WM überhaupt noch nicht gesichtet.





Gerd Rehm, Landau





„Angetan von





Fähigkeiten"





Eine positive WM-Zwischenbilanz zieht dieser Leser:





Die Fußball-WM 2006 hat mich in mancherlei Beziehung überrascht. Eine solche Begeisterung unter der Bevölkerung und den Fans hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich muss auch ehrlich gestehen, dass ich bezüglich des Leistungsvermögens unserer Nationalmannschaft eher skeptisch war und nun sehr angetan bin von deren spielerischen Fähigkeiten. Auch der Rheinpfalz muss ich ein Kompliment zu ihrer Berichterstattung machen (...). Ganz besonders habe ich mich aber über die Weltmeister-Impressionen von Ottmar Walter gefreut (...).





Jürgen Beierle, Eisenberg





„Stadt hat gezeigt,





was sie drauf hat"





Diese Leserin lobt Kaiserslautern:





Ich muss Kaiserslautern mal ein dickes Lob aussprechen. Bis jetzt war das, was während der WM geboten wurde, spitze. (...) Alle Leute sind gut drauf und feiern, was das Zeug hält (...). Hoffentlich bleibt es so friedlich wie bisher und man kann die letzten Tage der WM noch so richtig ausgelassen feiern. Die Stadt hat gezeigt, was sie drauf hat. Vielleicht ist das eine Anregung, mal öfter etwas zu veranstalten.





Heike Mages, Kaiserslautern







SCHOEPU / SCHOEPU

Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Pfälzer Tageblatt

Datum: Nr.148

Datum: Donnerstag, den 29. Juni 2006

Seite: Nr.22

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Lokal



„Ich leugne jede Verwandtschaft" mit Fifa-Präsident



Mareike Blatter aus Thaleischweiler-Fröschen schildert Erfahrungen als Volunteer am WM-Standort Kaiserslautern





Während der Fußballweltmeisterschaft besuchten bis zu 100.000 Fußballfans aus aller Herren Länder die Kaiserslauterer WM-Meile, die beiden großen Public-Viewing-Plätze am Bosch- und Stiftsplatz und das Stadion, wenn der Ball rollte. Einen wesentlichen Beitrag dafür, dass „die Welt zu Gast bei Freunden" ist, leisteten die rund 1400 Volunteers. Die Thaleischweilerin Mareike Blatter war eine der Fifa-Volunteers, die an allen Spieltagen im Geschäft war.







„Für mich ist die Tätigkeit als Volunteer ein Praxispart fürs Studium", sagt die 23-Jährige. „Interkulturelle Kommunikation" studiert sie in Saarbrücken. Wann und wo kann man mehr interkulturelle Kompetenz live erleben als bei der Fußball-WM? „Wir kommen mit den allermeisten Fans super ins Gespräch", ist sie vom internationalen Flair inmitten der Pfalz begeistert. Die Fremdsprachkenntnisse kommen ihr dabei zugute, fließend englisch und französisch spricht sie und ganz gut spanisch.







Eine der am häufigsten gestellten Fragen sei die nach dem Verwandtschaftsverhältnis zum Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. „Ich leugne jede Verwandtschaft", meint sie schmunzelnd. Wann immer in Kaiserslautern gespielt wurde, war auch Blatter im Volunnteer-Einsatz. An den Spieltagen begann der Dienst der Volunteers immer vier Stunden vorm Anpfiff. Treffpunkt war das Volunteer-Center am Fuß des Betzenbergs. Zum Aufgabenbereich Blatters gehörte das Catering. „Wir kontrollierten beispielsweise, ob die Kinder, die die beiden Teams beim Einlauf begleiteten, auch ordnungsgemäß ihren Lunchbeutel erhielten und ob die Verpflegung mundet; einen Beitrag zum Qualitätsmanagement also", erläutert sie. Während des Spiels verlagerte Blatter den Arbeitsplatz ins Stadion, dort in den „Public Bereich". Bewaffnet mit Stift und Block wurden die Fans zur Qualität der Imbissstände im Stadionbereich befragt. „Die meisten waren begeistert von der Qualität, aber auch davon, dass es im Fritz-Walter-Stadion kaum Wartezeiten gibt", erzählt sie.







Es sind die kleinen Geschichten am Rande des Geschehens, die Mareike Blatter nicht missen möchte. So hat sie beispielsweise ein langes Gespräch mit einem älteren amerikanischen Ehepaar geführt, das beim Spiel der US-Boys gegen Italien zum ersten Mal deutschen Boden betrat. „Wir wussten ja gar nicht, dass die Deutschen gar nicht so verkrampft sind, wie wir uns das vorstellten und wir sind auch überrascht, wie schön Heidelberg ist und wie viel Wald es in der Pfalz gibt", befanden die beiden Texaner - für die Thaleischweilererin ein Beleg dafür, dass die Weltmeisterschaft tatsächlich als Werbung für „Germany" erfolgreich genutzt werden könne.







Geld gab"s übrigens für den Volunteer-Einsatz nicht, es handelt sich ausnahmslos um ehrenamtliche Helfer. „Die Organisatoren taten aber einiges, um den ohnehin guten Zusammenhalt noch zu fördern", sagt die 23-Jährige. Beworben hat sie sich via Internet bereits im Herbst 2004. „Ich bin beeindruckt, es stimmt alles, die Verbindung zu meinem Studium ist da und als bekennender FCK -Fan bin ich natürlich besonders stolz, im eigenen Stadion arbeiten zu können". Mit einem heiteren Ausblick schließt sie ab: „Falls wir nochmal eine WM nach Deutschland kriegen, ich bin wieder mit dabei als Volunteer." (elim)







PFEIFFW / PFEIFFW



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Pirmasenser Rundschau

Datum: Nr.148

Datum: Donnerstag, den 29. Juni 2006

Seite: Nr.9
 
Lokal



„Lautern plötzlich eine Weltstadt"



René C. Jäggis WM-Bilanz





„Kaiserslautern war zwar eine kleine, aber eine sehr feine WM-Stadt", schwärmt René C. Jäggi, der Geschäftsführer der Fifa-OK-Außenstelle Kaiserslautern, beim Rückblick auf die fünf Spiele der Weltmeisterschaft und das farbenfrohe Drumherum.







Die Bilanz des 57-jährigen Schweizers fällt durchweg positiv aus. Organisatorisch sei letztlich „alles wie am Schnürchen gelaufen", von Seiten der Fifa gab es dafür Anerkennung. Die Verantwortlichen außerhalb Kaiserslauterns haben laut Jäggi aber auch die Euphorie gespürt, die in der Stadt herrschte. Das friedliche Miteinander der Fangruppen und die Offenheit der Einheimischen haben selbst erfahrene Leute wie den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter und den deutschen „Mister WM" Franz Beckenbauer gleichermaßen überrascht wie begeistert. Über deren „ernstgemeintes Lob" hat sich Jäggi sehr gefreut. „Kaiserslautern war plötzlich eine Weltstadt", betont der scheidende FCK -Vorstandsvorsitzende, wozu auch die Verantwortlichen der Stadt viel beigetragen hätten: „Was die Stadt auf die Beine gestellt hat, war gewaltig." (ffg/Foto: view) WM-Sonderseiten







REDZIMH / REDZIMH



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Pfälzische Volkszeitung

Datum: Nr.148

Datum: Donnerstag, den 29. Juni 2006

Seite: Nr.9
 
WM 2006





„Wir haben ganz Fußball-Deutschland überrascht"



René C. Jäggi zieht positives Fazit für den WM-Spielort Kaiserslautern - Lob von Sepp Blatter und Franz Beckenbauer





Von unserem Redakteur







Steffen Gall







KAISERSLAUTERN . Die WM-Spiele im Fritz-Walter-Stadion und das bunte Spektakel in der Stadt haben nicht nur die „normale" Bevölkerung begeistert, sondern auch den Geschäftsführer des Organisationskomitees der Fifa-WM-Außenstelle Kaiserslautern : „Die Welt hat uns zur Kenntnis genommen", sagte gestern der zufriedene René C. Jäggi in einem Bilanzgespräch mit der RHEINPFALZ.







Jäggi hat schon viele Rückmeldungen erhalten - und zwar ausnahmslos positive. Fifa-Präsident Sepp Blatter gratulierte den Machern in Lautern ebenso wie Franz Beckenbauer. Darauf ist Jäggi stolz. Vor allem weil es im Vorfeld der Weltmeisterschaft doch einige Zweifler gab, die der kleinsten WM-Stadt die reibungslose Durchführung dieses Großereignisses nicht so ganz zugetraut hatten. „Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass es Momente gab, in denen manche nicht mehr daran geglaubt haben, dass alles fertig wird", erzählt Jäggi. Tatsächlich glich das Fritz-Walter-Stadion noch wenige Tage vor dem ersten Spiel einer Baustelle. Doch davon war am 12. Juni, als Japan und Australien als erste von acht WM-Teams ihren Auftritt in Lautern hatten, nichts mehr zu sehen.







„Sensationell. Wir haben alle überrascht, ganz Fußball-Deutschland", schwärmt Jäggi von wunderschönen Tagen in der Pfalz. Damit meint er nicht nur sein Team, das organisatorische Wertarbeit ablieferte. Sondern auch die Stadt Kaiserslautern : „Was sie auf die Beine gestellt hat, war gewaltig!" Und natürlich die vielen Menschen, die sich von der prächtigen Stimmung anstecken ließen, in Massen nach Lautern strömten: „Die Freundlichkeit der Leute war wunderbar. Die Pfälzer haben sich in die Internationalität hineinziehen lassen. Und Kaiserslautern war plötzlich eine Weltstadt. Das Motto ,Die Welt zu Gast bei Freunden" haben wir hier gelebt!"







Das konnte man auch außerhalb der Pfalz spüren. Jedenfalls hat Jäggi viel Lob in dieser Richtung erfahren. Die Fifa ist rundum zufrieden: „Alle sind begeistert, weil sie gespürt haben, welche Euphorie hier geherrscht hat", betont der Lauterer OK-Geschäftsführer, der sich vor allem bei Hans-Peter Schössler, dem Vorsitzenden der WM-OK-Außenstelle Kaiserslautern , für die Unterstützung seiner Person bedankt: „Er hat 100 Kilo Herz für die Pfalz, sein Vertrauen ehrt mich. Ich glaube, ich habe es nach bestem Wissen und Gewissen zurückgegeben."







Zweieinhalb Wochen Weltmeisterschaft in Kaiserslautern waren auch für einen Weltmann wie Jäggi etwas Einmaliges. Ein „absoluter Höhepunkt" in der Karriere des Kosmopoliten aus der Schweiz. „In der Kompaktheit habe ich so etwas auch noch nicht gemacht. Das waren fünf Champions-League-Finals in zweieinhalb Wochen. Oder auch ein bisschen wie Olympische Spiele. Es war schon gewaltig", schwärmt der 57-Jährige, dem vor allem das Abspielen der Nationalhymnen unter die Haut ging.







Nicht mit Lob sparen will Jäggi bei der Bewertung seines Teams, eines „tollen Teams", wie er betont. Nach dem ersten Spiel hatte der Kopf der Truppe bei einem Besuch im WM-Café der RHEINPFALZ-Lokalredaktion Kaiserslautern von Verbesserungswünschen im organisatorischen Bereich gesprochen. Mit der Zeit lief dann aber „alles wie am Schnürchen".







So wird Jäggi, der Ende Juli auch als Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern ausscheidet, die Pfalz mit einem guten Gefühl verlassen. „Ein schöner Abschluss dieses vierjährigen Kapitels. Ich gehe erhobenen Hauptes, werde gerne zurückblicken und auch immer gerne zurückkommen."







EINZMAD / EINZMAD



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Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Ludwigshafener Rundschau

Datum: Nr.148

Datum: Donnerstag, den 29. Juni 2006

Seite: Nr.20
 
Gastkommentar „Klose ist der Star der Mannschaft"



Ich bin bei der Weltmeisterschaft laufend unterwegs, habe 15 Spiele gesehen. Ich werde auch nach Berlin fliegen, mir das Viertelfinale unserer Mannschaft gegen Argentinien anschauen. Die Karten fürs Viertelfinale in Frankfurt überlasse ich meiner Frau. Pilar wollte eigentlich ihre Spanier sehen ...





Am 17. Juni war ich in Kaiserslautern, habe das neue, das ausgebaute Fritz-Walter-Stadion beim Spiel der Italiener gegen die USA gesehen, erlebt. Das Stadion: toll, ganz toll! Es ist wirklich sensationell schön. Deswegen muss der FCK so schnell wie möglich wieder in die Bundesliga. Das hat die ganze Region verdient. Sie lechzt ja nach Fußball! Aber den Aufstieg sofort zu schaffen, das ist schwer. Man darf nicht sagen, wir müssen es sofort schaffen. Das Ziel haben viele - jedes Jahr. Wolfgang Wolf, mein alter Kollege und Freund, will es schaffen, er ist auch sehr angespannt. Aber man darf den Druck nicht zu groß machen. Auch nicht für ihn!





Ich bin mit dem Herzen noch immer eng beim FCK. Es war aber unheimlich traurig, wie das damals abgelaufen ist. Nach drei Spielen war ich im August 2002 weg, weil der Aufsichtsrat glaubte, mit Bayern mitspielen zu können. Ich habe als Trainer 56 und 50 Punkte geholt, sehr gut mit „Atze" Friedrich zusammen gearbeitet. Diese Leute aus dem Aufsichtsrat aber haben mir gesagt, das wäre mit dieser Mannschaft zu wenig. Ich habe schon damals entgegnet, wenn ein Trainer kommt und mit der Truppe mehr holt, dann gratuliere ich ihm. Es kam keiner, der es geschafft hätte. Man sieht heute, was passiert ist! Fritz Walter hätte das Stadion auch im Grab verkaufen können. Dafür lassen sich jetzt andere Leute als Retter feiern. Sie haben dem FCK den Abstieg gebracht.





Fritz war mein väterlicher Freund. Ich war an seinem Todestag in seinem Haus dabei, das Bernd Lutzi zu einem wunderbaren Museum in Alsenborn gemacht hat. Ich war am Grab, ich habe mich vor Fritz verneigt ...





Gerade in diesen Tagen werde ich immer und immer wieder auf das Finale 1990, auf meinen Elfmeter angesprochen. Ich muss aber ganz klar sagen: Die heutige Mannschaft der Argentinier ist auf alle Fälle stärker als unser Endspielgegner. Das war kein schönes Finale, weil die gar nicht mitgespielt haben.





Heute haben sie eine spielerisch sehr gute Mannschaft. Aber: Unsere Nationalmannschaft hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. So wie sie gegen Schweden drauf sind, mit dem Tempo, hat die Mannschaft eine Chance, ins Halbfinale zu kommen. Ein Riesenkompliment für Jürgen Klinsmann. Er hat etwas bewegt, er geht konsequent seinen Weg. An dieser Einschätzung ändert auch eine Niederlage nichts; gegen Argentinien kann man ausscheiden.





Der Star unserer Mannschaft ist „Miro" Klose. Es macht Spaß zu sehen, wie er sich speziell in Bremen weiter entwickelt hat. Ich habe ihn ja von Oktober 2000 bis August 2004 trainiert, er hatte schon damals eine tolle Einstellung, einen super Charakter. Er ist zum Weltklassespieler geworden. Wenn er nicht WM-Torschützenkönig wird, und wir werden trotzdem Weltmeister, dann ist es auch in Ordnung.





Enttäuscht bin ich - trotz ihrer Weltklasseabwehr - von den Italienern. Enttäuscht bin ich auch von vielen Schiedsrichterleistungen. Das Spiel der Italiener gegen Australien hat der Schiedsrichter entschieden. Ich mag die Italiener, freu" mich deshalb, dass sie weiter sind. Aber verdient war es nicht!





Andreas Brehme (45) schoss Deutschland 1990 zum WM-Titel. Brehme, damals für Inter Mailand aktiv, verwandelte einen Elfmeter zum 1:0. Der Linksverteidiger war 1986 Vize-Weltmeister, beendete nach dem WM-Aus 1994 seine internationale Karriere. Brehme spielte insgesamt zehn Jahre beim 1. FC Kaiserslautern, außerdem als Profi beim 1. FC Saarbrücken, Bayern München und Real Saragossa.



Andreas Brehme





SCHOEPU / SCHOEPU

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Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Pfälzer Tageblatt

Datum: Nr.149

Datum: Freitag, den 30. Juni 2006

Seite: Nr.9

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„Etwas Bemerkenswertes passiert in Deutschland"



In den USA wird das Bekenntnis der Deutschen zu ihrem Land und zu nationalen Symbolen meist positiv registriert



Noch ist die Fußball-Weltmeisterschaft nicht zu Ende. Aber schon jetzt steht fest: In den vergangenen Wochen hat die Welt ein anderes, unverkrampftes, fröhliches Deutschland erlebt. Hat dieses „neue" Deutschland im Ausland Spuren hinterlassen, werden nun alte Vorurteile und Klischees über „die Deutschen" in Frage gestellt? Dieser Frage sind unsere Korrespondenten in England, Frankreich, den Niederlanden, Polen, der Türkei und in den USA nachgegangen.





Die Welle des Patriotismus - oder jedenfalls die ungewohnte Präsenz deutscher Fahnen und Fangesänge während der WM - wird auch in den US-Medien lebhaft diskutiert: Mal mit Begeisterung („Ein ganzes Land ist hier in Freude vereint"), mal mit subtiler Skepsis („Deutschland will nicht zu stolz auf sich selbst sein, und dafür gibt es gute Gründe"), und immer mit dem Hinweis, dass es einen solchen Fahnenkult auf deutschem Boden „seit den Tagen Hitlers nicht mehr gab".







Böswillig sind solche Kommentare nur in den seltensten Fällen gemeint. Im Gegenteil, über die Fußball-WM wird in den USA sehr positiv berichtet, und das Phänomen Patriotismus fasziniert die meisten Kommentatoren auf positive Weise. Hinweise auf die Geschichte dienen eher dazu, den Lesern klarzumachen, warum es überhaupt etwas Besonderes ist, dass nun allenthalben deutsche Fahnen zu sehen sind. „Nicht einmal in den großen Städten, in der Hauptstadt, in Firmen oder in Orten mit vielen Militärfamilien sieht man hier üblicherweise viele deutsche Fahnen", berichtet der Korrespondent der Salt Lake Tribune.







Das muss man Amerikanern durchaus erst einmal erklären, denn in den USA hängt die Nationalflagge ganzjährig sogar in vielen Vorgärten und Büros, in jedem Klassenzimmer zudem. Auch dass man in Deutschland üblicherweise nicht sagt „Ich liebe mein Land" oder „Ich bin stolz auf Deutschland", erfahren viele Amerikaner erst im Zuge der WM-Berichterstattung.







„Warm und flauschig" nennt Nancy Armour, Korrespondentin der Nachrichtenagentur AP, die WM-Stimmung in Deutschland. Der Fußball scheine die Deutschen in diesen Tagen „frei zu machen dazu, die Liebe zu ihrem Land zu zeigen".







Da Fußball in den USA besonders im Süden und Westen populär ist, haben auch Zeitungen aus dem amerikanischen Hinterland Korrespondenten nach Deutschland geschickt, die jetzt voller Staunen über die Stimmung berichten: „Etwas Bemerkenswertes passiert in Deutschland", schreibt Steve Davis, Korrespondent der Dallas Morning News, „Wellen des Patriotismus spülen über das ganze Land hinweg. In diesem Augenblick müssen sich die Deutschen nicht mehr schämen, wenn sie stolz sind auf ihr Land. Plötzlich ist es okay, Patriot zu sein." Dabei sei die „hässliche Geschichte" Deutschlands nicht etwa vergessen, aber sie sei nicht mehr übermächtig. „Einen reinigenden Augenblick" in der deutschen Geschichte glaubt Mariah Blake vom Christian Science Monitor mitzuerleben. Es sei nicht nur die Fußballstimmung, die Deutschland verändere, sondern der Wende- und Schlusspunkt einer langen Entwicklung: „Der Wunsch der Deutschen, sich mit ihrer Nazivergangenheit abzufinden, bricht jetzt hervor."







Keine Rückkehr zur Normalität, sondern eher ein vorübergehendes Phänomen beobachtet die Zeitung Boston Globe, die darauf hinweist, es handele sich hier vielleicht einfach um eine Mischung „aus gutem Wetter und der Tatsache, dass Deutschland alle Spiele gewonnen hat".







Nicht als deutsches, sondern als europäisches Phänomen interpretiert dagegen die Los Angeles Times die Patriotismus-Welle. „Die Nationen Europas haben in den vergangenen Jahren Teile ihrer Identität für die Europäische Union opfern müssen", heißt es in der kalifornischen Zeitung, deshalb breche jetzt der politisch unterdrückte Nationalismus nicht nur der Deutschen, sondern vieler Europäer, neu hervor. Die Europäer sähen sich selbst in Wahrheit gar nicht als Europäer, sondern eben als Deutsche, Schweden oder Kroaten: „All das Geschwätz von europäischer Identität und Einheit ist vergessen, sobald der Fußball rollt." (müx)







JOASR / JOASR



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Bad Dürkheimer Zeitung

Datum: Nr.153

Datum: Mittwoch, den 05. Juli 2006

Seite: Nr.3
 
„Polnische Wunderwaffe"



Podolski versöhnt die Polen





„Bierhalle" heißt Warschaus neue Kultkneipe. Hier guckt man Fußball, trinkt deutsches Bier - und freut sich über jedes Tor, das die Deutschen kassieren. Das schwarz-rot-goldene Flaggenmeer, die überbordende Freude der deutschen Fans wecken bei den meisten Polen eher Unbehagen. „Deutsche Elfmeter", titelte die liberale Gazeta Wyborcza nach dem Deutschland-Argentinien-Spiel. „Präzise, kraftvolle Elfmeter, die eiserne Waffe der Deutschen, haben sie wieder gewinnen lassen." Rafal Stec kommentierte: „Diese Explosion des Spielerpotentials der deutschen Mannschaft kam so plötzlich wie die Explosion des bislang schamhaft versteckten deutschen Patriotismus."







Die konservative Rzeczpospolita fragte den neuen deutschen Patriotismus-Guru Matthias Matussek, ob er mit seinem Buch „Wir Deutschen" den Schlussstrich unter die Nazi-Geschichte Deutschland ziehen wolle. „Ich will nur sagen, dass ich und meine Generation keine Schuld an den Verbrechen der Nazis haben. Wir können keine Verantwortung und Scham für etwas fühlen, was wir nicht getan haben", erklärte Matussek. Die Deutschen hätten Pech gehabt, dass so jemand wie Hitler in ihrem Land auftauchte. Für die meisten Polen sind solche Sätze unerträglich. „Fußball im Dienst der Politik" titelt denn auch das katholische Nachrichtenmagazin „Ozon" und zeigt dazu deutsche Fußballer in den dreißiger Jahren, die die Hand zum Hitlergruß strecken.







Doch Grund zum Jubeln gibt es auch für polnische Fans. Wann immer nämlich Lukas Podolski ein Tor schießt, wird gefeiert. Weil die Deutschen den aus dem schlesischen Gliwice (Gleiwitz) stammenden Polen ebenfalls in ihr Herz geschlossen haben, ist es für die Polen in Ordnung, dass Podolski - die „polnische Wunderwaffe" - die Tore für Deutschland schießt. Ganz anders beim in Opple (Oppeln) geborenen Miroslav Klose. Der gilt in Polen bei vielen als Verräter. (lrg)







JOASR / JOASR



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Bad Dürkheimer Zeitung

Datum: Nr.153

Datum: Mittwoch, den 05. Juli 2006

Seite: Nr.3
 
Die Franzosen wundern sich über ihre Nachbarn







Christophe sitzt im Café „Les Phares" am Rand der Pariser Place de la Bastille und wundert sich. Nicht über die eigenen Landsleute, die hupend und Fahnen schwingend ihre Runden drehen und sich an Zidane und den Blauen berauschen. Die Deutschen versetzen den Rechtsanwalt in Erstaunen. „Woher kommt eure unerklärliche Leichtigkeit, diese während der WM aufgebrochene Lebenslust?" fragt er.







Europaweit tätige Meinungsforscher haben herausgefunden, dass die Deutschen jenseits ihrer Landesgrenzen als arbeitsam und schrecklich ernst gelten. Ein geschichtskundiger Korrespondent der Tageszeitung Le Monde hat seine Landsleute über die Schwierigkeit des rechtsrheinischen Nachbarn aufgeklärt, 60 Jahre nach Hitlers nationalistischem Wahn in so etwas wie kollektiven Freudentaumel zu verfallen.







Sollte das alles falsch gewesen sein? Angesichts der nicht nur Christophe überkommenden Ratlosigkeit hat das Magazin Le Point den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk konsultiert. Geholfen hat es nichts. Der 58-jährige Experte hat sich der Meinung des Le-Monde-Korrespondenten angeschlossen und versichert, dass sich seine Landsleute nicht recht an sich selbst berauschen könnten, dass sie kollektiver Erregung misstrauten.







Aber alle graue Theorie ändert nichts daran: Die Deutschen freuen sich ihres Lebens, begeistern sich an ihrer Mannschaft, ihrer WM. Nach ein paar Gläsern Rosé beantwortet sich Christophe seine Frage selbst. „Ich weiß, wieso ihr schwerfälligen Deutschen auf einmal abhebt", sagt er. „Im tiefsten Innern wollt ihr so sein wie wir, leichtfüßige Lebenskünstler, Südländer eben." (vex)







Für die Türken lenkt die WM von Integrationsproblemen ab







Mit ernsten Mienen sitzen die Spieler der türkischen Fußball-Nationalmannschaft in einem Schulungsraum und blicken auf eine Tafel mit der Zahl 2006, an der ein kleiner Junge steht. Entschlossen streicht der Knirps die Sechs aus und malt eine 2008 - das Datum der nächsten Europameisterschaft zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Stars. Auch in der Türkei ist die Fußball-WM in den TV-Spots allgegenwärtig.







Als fußballverrücktes Volk können die Türken überhaupt nicht anders, als sich die Fußball-WM auch ohne Beteiligung ihrer Mannschaft ausführlich zu Gemüte zu führen. Das Interesse der türkischen Medien und Fans galt bisher den großen Favoriten wie Brasilien und jenen Spielern der diversen Nationalteams, die in der Türkei spielen oder möglicherweise in der neuen Saison bei türkischen Clubs spielen werden: Der Ghanaer Stephen Appiah von Fenerbahce Istanbul gehört dazu, und auch der Brasilianer Roberto Carlos von Real Madrid, dem ebenfalls Kontakte zu Fenerbahce nachgesagt werden.







Mehr und mehr rückt für die Türken nun aber die deutsche Mannschaft in den Blickpunkt. Der frische Angriffsfußball der Deutschen ringt den Türken Respekt ab, zumal die damals sehr schwache deutsche Mannschaft noch im vergangenen Jahr von der türkischen Elf in Istanbul abserviert wurde.







„Jetzt drücke ich Euch die Daumen", sagt etwa der Istanbuler Herrenfrisör und Fußballfan Hüseyin. Mit Genugtuung nimmt die türkische Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass viele Türken in Deutschland nach jedem Sieg der Klinsmänner zusammen mit ihren deutschen Mitbürgern jubeln und Fahnen schwenken, und dass so viele Probleme bei der Integration in den Hintergrund treten. Stolz druckten türkische Zeitungen Bilder von Deutschtürken in der Bundesrepublik ab, die die deutsche und die türkische Fahne zu einer neuen Flagge vereint haben. Viele Türken würden gerne einen deutschen Triumph sehen - solange dieser Triumph im Jahr 2006 gefeiert wird, und nicht 2008. (tüs)







JOASR / JOASR



Quelle:

Publikation: DIE RHEINPFALZ

Regionalausgabe: Bad Dürkheimer Zeitung

Datum: Nr.153

Datum: Mittwoch, den 05. Juli 2006

Seite: Nr.3
 
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