Weltmeister sucht das Feuer
Deutschland testet heute in Kaiserslautern gegen Australien – Manuel Neuer fehlt verletzt – 45.000 Karten verkauft
VON UDO SCHÖPFER
Frankfurt/Kaiserslautern. Bundestrainer Joachim Löw lässt sich bei der Aufstellung nicht gerne in die Karten schauen. Gestern musste er aber eine Personalie für das Test-Länderspiel heute (20.30 Uhr) gegen Australien in Kaiserslautern schon verkünden: Torhüter Manuel Neuer fällt wegen einer Schleimbeutelentzündung aus. Im EM-Qualifikationsspiel am Sonntag (18 Uhr) in Georgien ist er aber dabei. Wegen des Flugzeugabsturzes wird das Team mit Trauerflor spielen und eine Schweigeminute abhalten.
Löw ließ offen, ob Roman Weidenfeller an alter Wirkungsstätte für Neuer zwischen die Pfosten rückt. Festgelegt hat sich der Bundestrainer gestern aber schon mal, dass die Rückkehrer Holger Badstuber und Ilkay Gündogan in der Anfangself stehen. Für das Spiel im Fritz-Walter-Stadion sind 45.000 Karten verkauft, es gibt noch rund 2000 Tickets. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft fährt mittags von Frankfurt nach Kaiserslautern, bezieht dann bis zum Anpfiff erst einmal Stellung in einem Hotel.„In dem Spiel gegen Australien wollen wir uns das Feuer holen für die Partie in Georgien“, unterstrich der Bundestrainer, er ließ keinen Zweifel daran, dass mit den Punkte-Präsenten in der EM-Qualifikation nun aber Schluss sein soll. In Georgien und gegen Gibraltar müssen zwei Siege her, um für den heißen Herbst mit den Partien gegen Irland, Schottland und Polen gerüstet zu sein – und da nicht noch mehr unter Druck zu geraten. „Das hat absolute Priorität“, sagte er. Für den Stotterstart auf dem Weg zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich hat Löw handfeste Gründe ausgemacht. „Die Mannschaft war bei der WM eine einmalige Einheit. Das sind wir im Moment nicht mehr“, erläuterte er. Der Teamspirit in Brasilien, der Zusammenhalt, das Niveau der Auswahl – das war das Ergebnis einer „zweijährigen Vorbereitungszeit“, wie Löw erklärte.
Die Mannschaft ist nicht mehr so eingespielt, weil a) Miroslav Klose, Philipp Lahm und Per Mertesacker nach dem Triumph von Rio ihren Rücktritt erklärten und
Verletzungen von Leistungsträgern die Mannschaft aus dem Tritt brachten. Zumal es ja nach dem Erfolg gegen Argentinien ohnehin nicht so einfach war, sich wieder neu zu besinnen.
Löw verdeutlichte gestern, dass es bis zum Sommer keine einschneidenden Veränderungen im Kader geben wird. Die emsige und vielversprechende nächste Generation, Löw nannte für sie beispielsweise Emre Can, Kevin Volland, Max Meyer oder Leon Goretzka, wird erst in der nächsten Saison ein Thema sein. „Es gibt eine klare Absprache mit Horst Hrubesch. Die Spieler sollen erst einmal die EM in Tschechien bestreiten, so ein Turnier wird die Spieler weiterbringen, das hat man 2009 bei Neuer, Höwedes, Khedira, Özil oder Höwedes gesehen“, meinte der Coach. Damals wurde die U21 Europameister ...
In Sachen Taktik geht es in diesem Jahr vor allem darum, neue Lösungen gegen „tief stehende“ Mannschaften zu erarbeiten. „Wir wollen unsere Offensive weiter verbessern, im Laufe des Jahres werden wir verschiedene Varianten ausprobieren, dabei ist klar, dass das Ganze nicht über Nacht funktioniert“, unterstrich der Bundestrainer. Selbstverständlich darf es 2015 auch mal die Dreierkette sein.
Das Spiel heute Abend in Kaiserslautern wertete Löw als „großartigen Test“. „Der Asienmeister trifft auf den Weltmeister. Die australische Spielweise ähnelt der von Schottland und Irland, wobei die Mannschaft ihren Stil etwas gewandelt hat. 2010 hat das Team noch extrem defensiv gespielt“, sagte der Bundestrainer. Auch gut.
So spielen sie
Deutschland: Weidenfeller (Borussia Dortmund/34 Jahre/4 Länderspiele) - Höwedes (Schalke 04/27/31), Mustafi (FC Valencia/22/6), Badstuber (Bayern München/26/30) - Khedira (Real Madrid/27/53), Schweinsteiger (Bayern München/30/108 ), Gündogan (Borussia Dortmund/24/8 ) - Bellarabi (Bayer Leverkusen/24/4), Özil (FC Arsenal/26/62), Podolski (Inter Mailand/29/121) - Kruse (Borussia Mönchengladbach/27/10)
Australien: Ryan (FC Brügge/22/19) - Elrich (Adelaide United/28/0), Sainsbury (PEC Zwolle/23/10), Wright (Preston North End/22/1), Behich (Bursaspor/24/10) - Milligans (Melbourne Victory/29/38 ), Jedinak (Crytale Palace/30/56), Mooy (Melbourne City/24/4) - Leckie (FC Ingolstadt/24/22), Burns (Wellington Phoenix/26/10), Troisi SV Waregem/26/21)
Schiedsrichter: Oliver (England).
Zur Sache:
Bastian Schweinsteiger will elf Kapitäne
Es waren (natürlich) die letzten Bilder, die bleiben. Wie Bastian Schweinsteiger nach dem Finale mit dem Pokal im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro feiert. Wie er eng umschlungen mit Joachim Löw verharrt und Tränen weint, Tränen des Glücks. Und davor: Wie er sich immer wieder, ohne Rücksicht auf eigene Belange, den argentinischen Spielern entgegenwirft. Der WM-Sieg an jenem 13. Juli 2014 – es war Bastian Schweinsteigers größer sportlicher Moment. Erstmals seit diesem 1:0 ist Schweinsteiger wieder für die deutsche Nationalmannschaft am Ball, heute Abend, beim Test gegen Australien in Kaiserslautern. Die Verletzungen sind ausgeheilt, der Körper macht wieder mit, die Auszeit ist vorüber.
Bastian Schweinsteiger ist zurück – der neue Kapitän der Mannschaft.
„Kapitän zu sein, das ist etwas ganz besonderes, es ist eine Ehre, es ist aber auch Pflicht, eine große Verantwortung und Herausforderung“, meinte der 30-Jährige, der auf Philipp Lahm folgt. „Ich war schon einige Male Kapitän, jetzt ist es offiziell. Es ändert sich nicht viel. Ich bin eh ein Spieler, der denkt, es müssen elf Kapitäne auf dem Platz stehen, um Erfolg zu haben“, sagte der Stratege des FC Bayern München. Heute bestreitet er sein 109. Länderspiel.
Trotz der Niederlage gegen Polen und dem Unentschieden gegen Irland in der EM-Qualifikation hat er Vertrauen in die Mannschaft. „Ich hoffe, dass wir die Aufgaben als Nummer 1 der Welt erfüllen. Das ist nicht ganz so einfach. Wenn wir uns noch ein bisschen verbessern, sieht es aber ganz gut aus“, meinte Schweinsteiger, für den nach dem WM-Titel in Brasilien nichts grundlegend anders ist, wie er herausstellte. „Groß geändert hat sich nichts. Auf der Autogrammkarte steht halt noch ein Titel mehr“, scherzte Schelm Schweinsteiger.
Übrigens: Auch für Bastian Schweinsteiger schließt sich in Kaiserslautern ein Kreis. Am 6. Juni debütierten zwei Lausbuben namens Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger bei der 0:2-Niederlage gegen Ungarn in Kaiserslautern.
Wer hätte das damals gedacht, das mit Rio de Janeiro und dem Kapitänsamt ... (öpf)
Quelle
Ausgabe Die Rheinpfalz - Pfälzische Volkszeitung - Nr. 71
Datum Mittwoch, den 25. März 2015