Eine Systemumstellung wäre mittlerweile ja fast schon „logisch“. Allerdings sollte man dabei auch die Vorgaben bzw. Aussagen von TL im Hinterkopf behalten, der ja mehrfach davon gesprochen hat, „variabel“ auftreten zu wollen und die eigentliche Systemfrage eher süffisant als „nicht so wichtig“ deklariert hat.
Ich habe ehrlich gesagt schon im vergangenen Jahr teilweise nicht verstanden, wie wir uns auf dem Platz eigentlich formiert haben. Da tauchte Sirch in einigen Spielen nach dem zugesteckten "Taktikzettel" – selbst sichtlich irritiert – plötzlich auf der Position des RA auf, die es im nominellen 3-4-2-1 eigentlich gar nicht gibt. Ritter spielte, wie teilweise auch heute noch, nominell auf dem linken Offensivflügel, Sahin war phasenweise in einer offensiven Spielmacherrolle zu finden und Kunze wurde ebenfalls in Positionen eingesetzt, die zumindest mich nicht unbedingt überzeugt haben, wie bspw. in der Rolle des zentralen Innenverteidigers. „Wildes Spiel“ eben, oder Herr Lieberknecht?
Von offizieller Seite oder auch von unserem Trainer selbst hat man anschließend immer wieder kryptische Andeutungen gehört – insbesondere als Reaktion auf die durchaus kritischen und meiner Meinung nach auch völlig berechtigten Fragen, welche unterschiedlichen Systeme und „Schablonen“ man in seinen mittlerweile eineinhalb Jahren auf der Cheftrainerbank am Betzenberg mit durchwechselnden Protagonisten eigentlich eingeübt hat.
Lieberknecht hat sich meines Wissens dabei auffällig häufig in kryptische Aussagen geflüchtet und den geneigten Zuhörer derart in seinen trainerüblichen „Salmon“ gehüllt, dass ich persönlich anschließend keinen Deut schlauer war, welche verschiedenen taktischen Varianten während des eigentlichen Spielverlaufs überhaupt ausprobiert wurden.
Sicherlich kann man als Fan nicht für sich beanspruchen, sämtliche modernen taktischen Möglichkeiten zu kennen, mit denen ein Trainer seine Mannschaft innerhalb von 90 Minuten verändern kann. Aber man kommt eben auch nicht völlig auf der berühmten Brennsupp dahergeschwommen. Eine gewisse schematische Anordnung der Spieler und der eingewechselten Akteure sollte man als interessierter Fan durchaus erkennen können. Ich denke, den grundlegenden Unterschied zwischen einer Dreier- und einer Viererkette kennen hier die meisten.
Und genau deshalb komme ich zu dem Schluss, dass dieser vielbeschworene „Rock'n'Roll-Fußball“, den unser Trainer mit seinem Herzensverein spielen lassen möchte, zumindest in großen Teilen auch als Deckmantel für ein anderes Problem dient: Selbst nach mehr als einem Jahr haben sich kaum belastbare Automatismen, klare Lauf- und Passwege oder ein wirklich funktionierendes Laufspiel entwickelt. Spätestens mit dem Ausfall von Prtajin und dem damit verbundenen Wegfall des „Heroballs“ wurde dieses Problem in der Rückrunde noch einmal deutlich sichtbarer. Diese Offensichtlichkeit und gleichzeitige Limitiertheit in unserer Spielanlage abseits davon, war/ist jedenfalls nach meinem Dafürhalten eklatant.
Erinnert ihr euch noch an die Szene im Heimspiel gegen Elversberg, als sich Prtajin kurz vor der Halbzeit verletzte und Lieberknecht – von den TV-Kameras eingefangen – entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlug? Für mich hatte diese Szene im Nachhinein fast schon sinnbildlichen Charakter.
Auch bei den bisherigen Verpflichtungen entsteht deshalb bei mir zunehmend der Eindruck, dass wir nominell vielleicht nicht unbedingt darauf geachtet haben, Spieler zu holen, die in einem engeren Sinne zu einem klar definierten „System“ passen – vermutlich auch deshalb, weil es dieses klare System schlicht nicht gibt.
Stattdessen wirkt es auf mich teilweise nach dem Prinzip „Viel hilft viel“: RA, LA, noch ein zusätzlicher MS, dazu ein Ballschlepper/Achter wie Sauer, für den es selbst im aktuellen System eigentlich keine wirklich eindeutige Position gibt. Her damit! Auch der drastische Ausbau des Trainer- und Funktionsteams hinterlässt bei mir einen ähnlichen Eindruck. Irgendein zusätzlicher Lösungsansatz wird schon fruchten – so zumindest die Hoffnung.
Dass eine der größten Problemstellen aber nach wie vor auf unserer Trainerbank zu finden sein könnte, wir gleichzeitig offenbar nicht den Mut aufbringen, hier eine entscheidende oder endgültige Lösung zu schaffen, passt für mich irgendwie immer weniger zu dem FCK, den man über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte kennengelernt hat. Denn da wurde der berühmte "Hot Seat" deutlich schneller getriggert - in diesem Punkt darf,- nein muss sich auch unsere sportliche Leitung aber noch deutlicher hinterfragen, insofern hier überhaupt die notwendige Selbstreflexion besteht?
Aber zurück zum sportlichen: Selbst ein „ligafremder“ und noch unerfahrener Coach wie Senft vom KSC hat unserem „Trainer mit den Verdiensten“ vor rund drei Wochen nach gerade einmal 20 Minuten ziemlich deutlich die Grenzen aufgezeigt beziehungsweise ihn taktisch so ausgecoacht, dass wir über die folgenden 70 Minuten eigentlich nichts wirklich Entscheidendes mehr entgegenzusetzen hatten. Innerhalb weniger Wochen nach seiner Amtsübernahme einer Mannschaft die vorher sage und schreibe fast 6,5 Jahre von Christian Eichner trainiert wurde
Da fragt man sich unweigerlich schon, wie es möglich ist, dass ein Trainer innerhalb weniger Wochen eine derart klare taktische Handschrift entwickeln und seine Mannschaft entsprechend auf einen Gegner einstellen kann, während wir nach fast zwei Jahren noch immer darüber diskutieren, welches System wir eigentlich spielen, welche Automatismen vorhanden sind und welche taktische Grundidee hinter unserem Fußball steckt.
Edit: Entschuldigt den langen Beitrag.