Die Spätzle-Kicker machen den Kiez-Klub stark
FUSSBALL: <strong>FC </strong>St. Pauli hofft gegen Bayern auf das Fußball-Wunder - Heute kommt der Weltpokalsieger-Besieger-Retter
Von unserem Mitarbeiter
Patric Seibel
HAMBURG. Weltpokalsieger-Besieger gegen Weltpokalsieger-Besieger-Retter: Heute (20.30 Uhr) erwartet der Kult-Klub <strong>FC </strong>St. Pauli im Halbfinale des DFB-Pokals den deutschen Meister und Pokalsieger FC Bayern München. Die Bayern retteten Pauli vor Jahren mit einem Benefizspiel vor der Pleite.
Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte hat der Klub vom Millerntor den Sprung unter die letzten Vier geschafft.· Mit dem Erfolg rückte auch der Trainer ins Rampenlicht: Andreas Bergmann, der Diplom-Sportlehrer aus dem Emsland. Seine erste wichtige berufliche Station war die des Jugendkoordinators beim Karlsruher SC. Bergmann arbeitete von 1997 bis 2001 als Cheftrainer der Jugend-Abteilung bei den Badenern. Heute hat er es wieder mit Baden-Württembergern zu tun: Fünf seiner Spieler kommen aus dem „Ländle". Alle haben sie einst bei den Amateuren des VfB Stuttgart gespielt.
Seit drei Jahren dabei ist Torhüter Achim Hollerieth. ·Beim sensationellen 3:1 im Viertelfinale gegen Werder Bremen parierte der· „Schneekönig" einen Strafstoß von Tim Borowski. „Ho-Ho-Hollerieth"·ruft··ihn die Besatzung der für· Revolutionslyrik bekannten Gegengerade. Und dann ist da Felix Luz, der· Angreifer aus Stuttgart-Esslingen. Er ist stark am Ball, beweglich, schnell und gefällt mit seinem sehr guten Kopfballspiel.·Er trifft allerdings·selten ins Tor.·Im Pokalwettbewerb aber wurde·Luz zum blonden Engel von St. Pauli: Es war im Achtelfinale gegen Hertha BSC. 1:2 lag St. Pauli zurück, es kam die 86. Spielminute und mit ihr ein Flankenball: Felix Luz stand· über der Berliner Abwehr in der Luft, wie ein Helikopter über einer sturmgepeitschten Nordsee-Bohrinsel und rammte den Ball mit Wucht zum Ausgleich in den Winkel. Spätestens jetzt war der 24-Jährige mit dem Boy-group-Appeal·der Teenie-Schwarm vom Millerntor.
·Mit Florian Lechner sorgte ein weiterer Schwabe in diesem Spiel für Furore: Der 25-jährige rechte Außenverteidiger traf in der Verlängerung mit einem Gewaltschuss aus 30 Metern zum· 3:3-Ausgleich. Wichtigster Mann in der Defensive der Hamburger ist Kapitän Fabio Morena. Der Abwehrchef kam von den Stuttgarter Kickers zum VfB und nach einer Zwischenstation im spanischen Alicante landete er im Norden. Das schwäbische Quintett wird von Benjamin Adrion komplettiert. Sein Vater ·Rainer· ist heute Amateurtrainer beim VfB Stuttgart. Benjamin Adrion macht mit einer besonderen Aktion von sich reden: Gemeinsam mit der Welthungerhilfe gründete er ein Hilfsprojekt für Kuba. Er engagiert sich dafür, dass Kindergärten und Schulen mit Trinkwasser versorgt werden.
Die·sympathische Truppe wäre nicht komplett ohne Ive „Johnny" Sulentic. Die ersten Trainingseinheiten absolvierte der kanadische Nationalspieler in der Pfalz. Sein Berater Andreas Kirsch aus <strong>Kaiserslautern </strong>·quartierte den dynamischen offensiven Mittelfeldspieler zunächst in Rockenhausen ein. Dann bat er einen Freund, „Andy" Seibel, den Trainer beim SV Imsweiler: „Guck der dänn emol aa, ob mer dänn uff Hamburg schicke kenne ..." Man konnte ...
Beim <strong>FC </strong>St. Pauli kommt Sulentic meist als Joker zum Zug. Gegen die Hertha schlug er mit einer präzisen Freistoßflanke zum 4:3-Siegtreffer zu.
Nicht nur auf dem Platz sind die Süddeutschen wichtig für St. Pauli. Auch beim Feiern macht ihnen keiner was vor. Am liebsten·in·ihrer ·Stammkneipe, dem „Olympischen Feuer". Der Grieche residiert nur wenige hundert Meter vom Millerntorstadion entfernt, ·mitten im szenigen Schanzenviertel. Nach dem Sieg gegen Bremen im Viertelfinale stand Felix Luz hinter dem Tresen, schenkte Bier aus. Vor dem·Tresen erzählte Mama Luz begeistert, dass sie zu jedem Spiel nach Hamburg kommt; auch der·Cousin und der beste Freund·waren ·aus dem Schwabenland angereist - nur die Freundin fehlte. „Die muss morge in "d Schul", schwäbelte Mama Luz. Auch wenige Meter weiter sprach man Schwäbisch. Verteidiger Florian Lechner hatte seine komplette Familie zu Besuch; Onkel Otto wollte später dann auch noch einen Bummel durch die Herbertstraße riskieren.
Wenn die Kiez-Kicker tatsächlich das ganz große Fußball-Wunder schaffen sollten und nach Burghausen, Bochum, Berlin und Bremen auch das fünfte und dickste „B", die Bayern, aus dem Pokal werfen, dann wird Jannis, der griechische Wirt, heute Abend seine Souvlaki höchstwahrscheinlich mit Spätzle servieren.
KONZOKH / KONZOKH
Quelle:
Publikation: DIE RHEINPFALZ
Regionalausgabe: Ludwigshafener Rundschau
Datum: Nr.87
Datum: Mittwoch, den 12. April 2006
Seite: Nr.11