Den Vorbehalten gegen Köhler muss meiner Meinung nach widersprochen werden. Wie ich schon geschrieben hatte, ist sein Rücktritt in meinen Augen nicht das Ergebnis mangelndes Verantwortungsgefühls, sondern der traurige Tiefpunkt einer Entwicklung, die schon vor mehr als 10 Jahren eingesetzt hat:
Der Verlust von Anstand und Respekt gegenüber dem Staatsoberhaupt, dem Amt und der Person. Amt und Person des BP wurden nicht erst seit der Wahl Köhlers von den Parteien - und hier sind alle angesprochen - für parteipolitische Muskelspielchen mißbraucht. Das setzte sich dann auch in den Amtsperioden fort. Wenn der jeweilige Bundespräsident für ungebundene, eigenwillige und kritische Äußerungen von allen Parteien und Medien in übelster öffentlich gebrandmarkt und wie die Sau durchs Dorf getrieben wird, ist das schonmal schlechter Stil und beweist wenig Benehmen und Respekt gegenüber seiner Funktion. Er ist nicht sakrosankt, aber für Kritik an ihm gelten meines Erachtens engere Grenzen als für in der tagespolitischen Arena um Wählerstimmen kämpfende Berufspolitiker.
Dazu kommt dann auch noch, dass speziell Köhler ohne eigenes Zutun für parteipolitische Diskussionen mißbraucht wurde. Wenn ich heute Gysi höre, wie er sich freut und sagt, dass der Rücktritt der Bundesregierung einen entscheidenden Schlag versetzt hat, dann frage ich mich ernsthaft, ob der Mann a) das GG gelesen hat und ob er sich
bewusst ist, dass mit Köhler auch
sein Bundespräsident zurückgetreten ist.
Köhler wurde ohne Schuld zwischen Parteipolitischen Zänkereien zerrieben und instrumentalisiert, und nicht erst seit dem Afghanistan-Interview.
Dabei hat er so viel Positives in weiten Teilen der Bevölkerung bewirkt, sich für Afrika vorbildlich engagiert, mit seiner Berliner Rede zur Finanzkrise den Finger in die offene Wunde gelegt. Seine Beliebtheitswerte kamen ja nicht von ungefähr.
All das hat man in Berlin nicht gesehen. Mal schön lieber ohne Rücksicht auf Amt und Person ihn mal in diese, mal in jene Ecke gestellt, um evtl. Äußerungen als Munition für den Angriff auf den politischen Gegner zu mißbrauchen.
Und das hat man nun davon. Köhler ist zurückgetreten, weil er diese Mißachtung und den mangelnden Respekt vor dem Amt des Staatsoberhauptes, die Zeugen für den politischen Verfall unseres Landes sind, nicht mehr mitmachen wollte. Weil am Ende nämlich auch auf seine Person keine Rücksicht mehr genommen wurde. Und deswegen verdient sein Schritt großen Respekt, weil er konsequent war und zeigt, das Köhler mehr war als nur ein Politiker. Er ist immer Mensch geblieben, und hat das auch als BP nicht vergessen.
Und wer sich aus parteipolitischen Gründen jetzt über Köhlers Rücktritt freut, der hat entweder so wenig Gespür bzw. Ahnung wie Gregor Gysi und Konsorten, oder begreift nicht, dass sein Rücktritt das Zeichen dafür ist, dass sich unser Land nicht nur in einer wirtschaftlichen, sondern auch einer tiefen politischen Krise befindet, die alle politischen Parteien betrifft und an der diese auch alle ohne Ausnahme mitbeteiligt sind.
Es gilt jetzt, schnellstens in Zusammenarbeit der vier demokratischen Parteien einen Nachfolger jenseits allen parteipolitischen Gezänks zu finden, damit unser Land nicht geistig und moralisch Führungslos bleibt, das wäre das Schlimmste, was momentan passieren kann.
Ein weiterer Kandidat, dem ich das genügende Format, unheimlich große Sachkenntnis und Integrationskraft zutraue, ist Paul Kirchhof. Zudem besitzt er durch seine Vergangenheit als Präsident des BVerfG genug Vertrauensvorschuss in der Bevölkerung und dazu noch eine unbezweifelte menschliche Integrität, die ihn für dieses Amt qualifiziert. Vielleicht macht er's ja.