Alle am Ball
Bei der Edenkobener Familie Stulin dreht es sich den ganzen Tag nur um ein Thema. Fußball, Fußball und noch einmal Fußball. Papa Slawomir ist Trainer, Sohn Alan Profi beim FCK und Tochter Natalia spielt beim FFC Niederkrichen. Von Christine Kamm
VERRÜCKTE FAMILIE - FCK-Profi Alan Stulin (links) mit der beim FFC Niederkirchen spielenden Schwester Natalia und Papa Slawomir, der den Landesligisten ASV Fußgönheim trainiert. Gespielt hat er in Edenkoben und Hauenstein, danach war er Spielertrainer in Gommersheim. (foto: kunz)
Fußball, Fußball und noch einmal Fußball. Um nichts anderes dreht es sich bei den Stulins zuhause in Edenkoben. Kein Wunder, ist Papa Slawomir Trainer, Sohn Alan Profi und Tochter Natalia (18 ) auch auf dem besten Weg, sich beim Zweitligisten FFC Niederkirchen als Stammkraft zum empfehlen. „Platzwart, der Rasen ist zu hoch”, ruft Slawomir seiner Frau Grazyna beim Fototermin zu, als es in den Garten geht. Ja, die Wiese hat schon gelitten unter den Kindern. Und die Nachbarn fanden es auch nicht immer so lustig, wenn der Fußball zu ihnen rüberflog. Aber was will man da schon machen bei einer so fußballverrückten Familie.
Es ist sozusagen ein Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Slawomir, der in Polen Drittliga-Profi war und vor 18 Jahren erst allein in die Pfalz kam - die Familie folgte wenig später -, hat die Weisheiten seines Vaters verinnerlicht. Und gibt sie weiter an die nächste Generation, allerdings an einen Jungen und ein Mädchen.
Natalia Wanda war als kleines Kind im Kindergarten schon dabei, wenn die Jungs Fußball gespielt haben. Im Tor wie die meisten Mädels? „Nein, ich durfte mitspielen, ich war gut genug”, sagt das blonde Mädchen und lacht. Fußballspielen war für sie das Normalste auf der Welt. An jedem Wochenende ging es mit den Eltern auf den Sportplatz. Und im Kindergarten hat sie dann eben selbst gespielt - mittags, und auch nur wenn's nicht geregnet hat, damit ja keine Mutter ein durchweichtes Kind mit nach Hause nehmen musste ... Auch bei den Bambini war sie später im Verein in Edenkoben das einzige Mädchen. Und auch da nicht im Tor.
Mit sieben ging es dann auch regelmäßig nach Herxheim ins Training zu den Mädchen, was aber lange nicht so viel Spaß gemacht hat wie die Kickerei mit den Jungs. Bis zur C-Jugend führte sie das fußballerische Doppelleben, dann ging's nur noch nach Herxheim, bis sie 2009 nach Niederkirchen geholt wurde. Dort hat sie ein Jahr lang U17 und ein Jahr lang in der zweiten Mannschaft gespielt, zwischendurch auch mal eine schöpferisch Pause eingelegt, aber nicht lange, weil es ihr dann doch wieder zu langweilig daheim wurde. Ihre Feuertaufe in der 2. Fußball-Bundesliga hat sie beim FFC in der vergangenen Spielzeit mit Bravour bestanden, als sie im Saisonendspurt gebraucht wurde und beim SC Sand, so lange es die Kräfte hergaben, gut mitgemischt hat. Unter Trainer Torben Meyer hat sie es in dieser Saison noch nicht zur Stammspielerin geschafft, was aber ganz normal ist für eine junge Spielerin. Im Training sorgt sie mit sehr überraschenden Aktionen für Belebung.
Ihr erstes Zweitliga-Tor würde im Internet wahrscheinlich sehr oft angeklickt werden, wenn es einen Filmchen davon geben würde. Es war kurios. Aus dem Gewühl an der Strafraumgrenze heraus schickte sie im Spiel gegen den FV Löchgau eine Bogenlampe Richtung gegnerisches Tor und erwischte die verdutzte Torhüterin auf den falschen Füßen. Tanja Arnold hatte nicht mit einem Schuss gerechnet und zu weit vor dem Tor gestanden. Der Ball war drin und das Spiel hatte mit Natalia Stulins 2:1 (49.) eine entscheidende Wende genommen. Die Partie endete 4:2.
Fußball bestimmt das Leben der Familie. Während die kleine Schwester darauf hinarbeitet, in der 2. Liga Fuß zu fassen, geht es für ihren großen Bruder um ganz andere Dinge. Er träumt schon lange und immer noch von der Europameisterschaft im Heimatland seiner Eltern - und zwar als Spieler, zumal seine Position links hinten noch vakant zu sein scheint.
Als der 21-Jährige vor zwei Jahren einen Profi-Vertrag in Kaiserslautern erhielt, schien er nahtlos an seine Erfolge als Jugendlicher anknüpfen zu können. Als Spielmacher und Kapitän der A-Junioren hatte der Linksfuß auf sich aufmerksam gemacht. Der Profivertrag schien die Anerkennung für seine Leistungen als Nachwuchsspieler nach einem Jahr im Regionalligateam. Doch kaum bei den Profis angekommen, war der polnische Juniorennationalspieler auch schon wieder draußen. Auf seiner Position spielen Alexander Bugera und der praktisch gleichzeitig mit ihm verpflichtete Däne Leon Jessen.
Der ruhige und freundliche Junge aus Edenkoben hatte damals die Vorbereitung mitgemacht und kam im Testspiel gegen den FC Liverpool zum Einsatz, bekam eine positive Rückmeldung von Cheftrainer Marco Kurz, wie er erzählt. Und dann war er, ohne dass groß einer mit ihm gesprochen hätte, wieder bei den Amateuren, für die er bis heute spielt. Und zwar gerne. Weil nach Hause kommen und irgendeinem Schuld an irgendwas geben, das gibt es bei den Stulins nicht.
„Der Trainer entscheidet nicht, wie du spielst, sondern du selbst. Profi sein zu dürfen, ist Motivation genug. Da kann man auch um vier Uhr morgens aufstehen. Andere müssen das auch und gehen aber auf der Baustelle arbeiten”, lautet eine der Weisheiten des Vaters und auch des Großvaters. Dass Alan es nicht auf Anhieb geschafft hat, wird in der Familie nicht auf die Goldwaage gelegt. „Du träumst von der ersten Mannschaft, aber das funktioniert nicht immer”, sagt Slawomir Stulin, der sich ganz bewusst fernhält. Der Sohn hat einen Berater, der nun das Kunststück fertigbringen soll, in Deutschland oder Polen einen Verein zu finden für die Rückrunde. Was allerdings nur dann möglich ist, wenn der FCK sein Talent ziehen lässt. Ein Angebot Paderborns vor einem Jahr war am FCK-Veto gescheitert.
Bei den Stulins wird das Positive gesehen. Für die Eltern der beiden fließend Polnisch sprechenden Kinder war es eine ideale Lösung, dass Alan in der unmittelbaren Umgebung einen so tollen Verein wie den FCK hatte. Nun ist der Junge flügge und muss bereit sein, mit seiner Tasche im Auto dorthin zu gehen, wo es dann eben passt. Änderungen stehen 2012 an. Aber erst einmal ist die Familie am vergangenen Mittwoch früh morgens heimgefahren - 700 Kilometer nach Boleslawiec zu den Großeltern. „Die Oma kocht schon”, erzählte Mama Grazyna am Dienstag, wenige Stunden vor der Abfahrt. Das fußballverrückte Trio läuft allerdings keine Gefahr über die Feiertage Weihnachtsspeck anzusetzen. Sie gehen, so oft es das Wetter zulässt, auf dem Platz eines Onkels kicken.
Hans-Peter Briegels Co-Trainer bei der SV Edenkoben, Michael Braun, hatte Slawomir Stulin anno 1993 in die Pfalz gelotst. Und vom ersten Tag an hat er sich wohlgefühlt: „Die Mentalität der Pfälzer hat mich an unsere erinnert, sie sind freundlich und immer hilfsbereit.”
DIE RHEINPFALZ
Ludwigshafener Rundschau