Und keinen Titel gewonnen haben....
Ich seh das Ganze so:
Es gibt auf der Welt eigentlich vom Potential her nur eine Mannschaft, die aufgrund des vorhandenen fußballerischen Potentials grundsätzlich immer den Anspruch erheben kann, Weltmeister zu werden: Brasilien.
Wenn die Brasilianer mit ihren Millionen begnadeten Fußballern den WM-Titel mal nicht holen, dann liegt es entweder an Pech, der falschen Taktik/der falschen Aufstellung oder an Überheblichkeit und Arroganz. Die Brasilianer können sich mit dem immensen Hintergrund, der dort vorhanden ist, eigentlich nur selbst schlagen bzw. es liegt bei ihnen eigentlich nur daran, ob sie diesen Hintergrund mit der Selecáo so auf den Platz bringen, dass es zum Titel reicht. Der WM-Titel geht nur über Brasilien. Nur wenn sie vor dem Finale rausfliegen, hat man eine realistische Titelchance. Natürlich kommt jetzt "Halt Stop, Frankreich 1998", aber auch hier gilt s.o. Wenn Brasilien ernst macht und seine Gegner auch ernst nimmt, können sie grds. jedesmal Weltmeister werden.
Neben den Brasilianern gibt es dann immer ein oder zwei Mannschaften, die aufgrund ihrer "Jahresform" oder weil halt alles passt, realistische Ansprüche aufs Finale erheben können. Das ist zurzeit eigentlich nur Spanien.
Hinter diesen Beiden Mannschaften gibt es dann eine "zweite Reihe" von Mannschaften, die es - wenn wirklich alles zusammenpasst - eine echte Konkurrenz darstellen können. Dazu zählen für mich Italien, Argentinien, Deutschland, Frankreich, Portugal und - mit Abstrichen - England.
Was bei der ganzen Hochjubelei von "Jogis Jungs" in den letzten Jahren in meinen Augen etwas in den Hintergrund geraten ist, ist die Tatsache, dass man nicht schön spielen muss, um ins Finale zu kommen oder Titel zu gewinnen. Wir ergötzen uns an schönen Spielzügen, Boygroup-Berichten aus dem Traingslager, lustigen Nutella-Werbespots, Dokus mit Xavier-Naidoo-Untermalung, die eine positive, moderne Stimmung erzeugen und wenn man souverän durch die Qualifikation wandert und gegen Kasachstan das 6:0 schießt, singen im Stadion alle zusammen Sportfreunde-Stiller und der "Fan-Club Nationalmannschaft" zieht schön brav die Blockfahne hoch.
Aber bei einer EM oder WM bist du nicht mehr zu Hause in diesem künstlichen Fußball-Biotop der Qualifikation, in der man die Gruppe mit Moldawien, Kasachstan und Konsorten nach Belieben dominiert und dieser ganze Wohlfühl-Mist immer so schön funktioniert. Bei einem Turnier warten spätestens nach der Gruppenphase ernstzunehmende Gegner, die uns immer noch als das wahrnehmen, was wir spätestens seit 2002 nicht mehr sind: Eine Fußballnation, die sich im Turnier im Zweifelsfall immer darauf verlassen kann, dass bei einem schlechten Spiel Kampf, Kraft, Beißen und Grätschen als Exit-Option bleiben, die einem in vielen Fällen doch noch den Erfolg bringt und den Gegner verzweifeln lässt.
Aber unseren Spielern wurde das in den letzten Jahren konsequent ausgetrieben. "Match-Pläne", sich am Gegner ausrichten und sich nicht mehr auf die eigenen Stärken verlassen, sobald die Mannschaft Italien oder Spanien heißt. 2010 gegen Argentinien waren alle - ich auch - überrascht, dass es gegen Argentinien dann trotzdem ein 4:1 wurde. Aber das war nur der Fall, weil bei Argentinien außer Messi nichts gestimmt hat, genauso wenig wie bei England.
Der Erfolg ist zwar nach wie vor das prinzipielle Ziel, aber es ist nicht mehr egal, wie man ihn erreicht. Schön muss das Spiel sein, der Ball ins Tor getragen werden, fair müssen die Spieler sein und nicht fies. Scheinbar fröhlich lächelnd wie für den Nutella-Spot müssen alle leichtfüßig über den Platz huschen und den Gegner mit rein spielerischen Mitteln überlisten. Und wenn dann Cassano kommt und haut dir auf die Socken, bist du auf einmal ratlos. Das hat alles sowas von "Political Correctness-Fußball" (nicht politisch gemeint), von Waffenstillstand und von "wir sind alle nett zueinander". Aber so wirst du weder Europa- noch Weltmeister.
Denn Brasilien, Italien und wie sie alle heißen, wollen bei dieser Sportfreunde-Stiller-Nutella-Public-Viewing-Duselei nicht mitmachen, sondern sie wollen den Titel, und zwar um jeden Preis. Wir nicht. Wir wollen ihn schön, wir wollen ihn fair und wir wollen nicht mehr als die häßlichen Deutschen dastehen, die eigentlich nicht hätten gewinnen dürfen, weil sie nicht am schönsten gespielt haben.
Solange man beim DFB nicht kapiert, dass es - wenn wir Weltmeister sind - egal ist, wie wir das gemacht haben und ob die anderen uns trotzdem mögen, werden wir keinen Titel mehr gewinnen. 2002 im Finale und auch nach dem Finale war ich stolz auf unsere Mannschaft. Sie waren fußballerisch schlechter und sie wussten das. Aber sie haben alles in die Waagschale geschmissen. Es hat trotzdem nicht gelangt, aber mit unseren ureigenen Tugenden hätten wir es damals fast gepackt. Die haben wir mittlerweile vergessen, weil wir nur noch schön spielen wollen. Aber nur allein dafür war diese Nationalmannschaft noch nie gemacht.