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Zeitreise WM

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Teil 1

WM-Premiere in Winterpullovern



Von Christian Eichler



Die Zeitreise beginnt 1930 in Uruguay.



Gäbe es die Fußball-Weltmeisterschaft nicht, man müßte sie erfinden. Das dachte man schon vor 100 Jahren. Vor 76 Jahren tat man es dann endlich: 1930 in Uruguay. Man mußte sie einfach erfinden, schon wegen dieser tollen Überraschungen. Zum Beispiel: Ein erstes Tor, das im Schneetreiben fällt und im Bordell gefeiert wird. Ein letztes Tor, das ein Einarmiger schießt. Ein Spiel, das der Schiedsrichter nach 84 Minuten abpfeift. Ein Elfmeter, der mindestens ein Vierzehnmeter war. Ein Halbfinale, bei dem ein Betreuer protestierend auf den Platz rennt, seine Tasche fallen läßt, dabei ein Chloroformfläschchen zerbricht und in Ohnmacht fällt.



Und ein Finale, bei dem beide Mannschaften wie im Sandkasten verlangen, mit ihrem eigenen Ball zu spielen, bis der Schiedsrichter, der Knickerbocker und Krawatte trägt, die Streithähne beruhigt, indem er allen ihr Spielzeug gibt: der eine Ball wird in der ersten Hälfte benutzt, der andere in der zweiten.



1905 wollte noch keiner mitspielen



Die gute Nachricht: All das kann eine Fußball-WM bieten. Die schlechte: Die WM 2006 wird es wohl nicht schaffen. Man muß dafür bis zur Premiere vor 76 Jahren zurückgehen. Es hätten auch über hundert Jahre sein können. Denn schon beim zweiten Kongreß des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), 1905 in Paris, schlug der Niederländer Carl Hirschmann ein Weltturnier vor. Man besorgte eine Trophäe, organisierte Spielstätten in der Schweiz, teilte die zwölf Teilnehmer ein - nur leider wollte dann von denen keiner teilnehmen. Man war der Geschichte noch ein paar Jahrzehnte voraus.

93.000 Zuschauer kamen ins Stadion Centenario



Ende der zwanziger Jahre aber war Fußball zum Weltereignis geworden. Die Fifa sah mit Argwohn, daß die olympischen Fußballturniere eine Art Ersatz-WM wurden. In Paris 1924 und Amsterdam 1928 hatten besonders die Uruguayer und Argentinier einen Zuschauerboom ausgelöst. So beschloß die Fifa 1928, endlich eine Weltmeisterschaft auszurichten. Aber wo? Deutschland, dem die Fifa gern die Ausrichtung übertragen hätte, hielt anders als die meisten Nachbarn am Amateurprinzip fest und bestand darauf, keine Partien gegen Profiteams zu bestreiten - also auch keine WM mit Profis auszurichten. Österreich, ein weiterer Favorit der Fifa, lehnte mangels geeigneter Spielstätte ab (der Bau des Praterstadions wurde erst 1929 genehmigt). Von den sechs verbleibenden Kandidaten sprangen Holländer und Schweden ab, als sie erfuhren, daß der Ausrichter Reise und Unterkunft der Teilnehmer übernehmen sollte. Gegen die verbliebenen Europäer Italien, Ungarn und Spanien setzte sich Uruguay durch, das zum hundertjährigen Staatsjubiläum ein gewaltiges Stadion baute.



15 Tage Anreise mit dem Schiff



Dann kam die Weltwirtschaftskrise, und keiner wollte nach Uruguay. Aus Europa jedenfalls lag bis zwei Monate vor dem Turnier keine einzige Meldung vor. Die Briten waren nicht in der Fifa, die Deutschen beharrten auf ihren Amateurregeln, andere begründeten Absagen mit der langen Reise und dem Problem, die Spieler monatelang von ihren Arbeitgebern loszueisen. Die aufgebrachten Südamerikaner drohten mit Austritt aus der Fifa. Der alarmierte Fußball-Präsident Jules Rimet schaffte es, wenigstens sein Heimatland Frankreich zu gewinnen, indem er bei den Peugeot-Werken die Freigabe für die Spieler von Sochaux und zweier anderer bei der Armee erreichte. Dann meldeten auch Belgien und Jugoslawien, und in Rumänien erwies sich als glückliche Fügung, daß König Carol II. Generalsekretär des Fußballverbandes gewesen war: Er befahl die Teilnahme.

Uruguay setzt sich im Finale der ersten WM gegen Argentinien durch



Franzosen, Belgier und Rumänen schifften sich nach umständlichen Zugreisen auf demselben Schiff ein, der „Conte Verde“. Mit an Bord Jules Rimet und der kleine, goldene WM-Pokal, der später nach ihm benannt werden sollte. Unterwegs nahm man in Rio die Brasilianer auf. Nach 15 Tagen mit gelegentlicher Deckgymnastik kam Montevideo in Sicht - und damit die nächste Überraschung: Dort war Winter. Als erstes wurden Pullover gekauft.



Erstes WM-Tor im Schneeregen



So war das, als die WM laufen lernte. Der Peugeot-Automechaniker Lucien Laurent erzielte am 13. Juli 1930 im Schneeregen per Volleyschuß das erste Tor der WM-Geschichte. Die Mannschaft, deren Kapitän Alex Villaplane 14 Jahre später als Kollaborateur hingerichtet wurde, feierte ihren 4:1-Sieg gegen Mexiko in einem französischen Bordell in Montevideo. Noch mit über neunzig Jahren erinnerte sich Laurent, der vor wenigen Monaten mit 97 starb, an die kraftspendenden Details der Feier: „Es gab ein gigantisches Sauerkraut mit Speck und Würsten, dazu Champagner.“ Laurent hatte Glück, daß er sich mit den Kollegen Chantrel und Pinel gut verstand. Sonst stünde als erster WM-Torschütze vielleicht ein anderer in den Büchern. Die beiden erledigten die Presseberichte für die Heimat. In denen tauchte etwa der Mittelläufer Delmer nicht in den Spielberichten auf - weil sie ihn nicht leiden konnten. Mit gerade mal 19 Spielen war eine WM damals einem heutigen Confederations Cup vergleichbar. Nur daß noch keine Pressekonferenzen von Vorbereitungsturnieren live im Fernsehen liefen; sondern daß Spieler (jedenfalls solche, die lesen und schreiben konnten) die WM-Berichte selber verfaßten.



Abpfiff nach 84 Minuten

Eines von vier Toren gegen Argentinien im Finale



Damit weitgereiste Gäste nicht nach nur einer Partie schon draußen sein konnten, hatten die Uruguayer vom geplanten K.-o.-System abgesehen. Es gab vier Vorrundengruppen, aber weil nur 13 Teams da waren, fielen sie entsprechend übersichtlich aus. Von den Europäern qualifizierte sich nur Jugoslawien fürs Halbfinale. Die Franzosen verpaßten den Gruppensieg mit einem 0:1 gegen Argentinien - wobei der brasilianische Schiedsrichter das Spiel gleich nach dem Tor für den Favoriten abpfiff. Dabei waren erst 84 Minuten gespielt. Die Spieler mußten wieder aus der Kabine und die Zuschauer vom Platz geholt werden, um die Partie regulär zu beenden. Auch ein bolivianischer Schiedsrichter meinte es gut mit den Südamerikanern. Er verlegte einen Elfmeter gegen Argentinien nach raumgreifendem Nachmessen bis fast an die Strafraumgrenze - im neuerbauten Stadion war kein Elfmeterpunkt markiert. Der Mexikaner Rosas traf aber auch von dort.



Im Halbfinale kamen die Argentinier ohne höheren Beistand aus. Sie gewannen 6:1 gegen die Vereinigten Staaten. Der Ohnmacht seiner Elf schloß sich der Betreuer an, dem das Chloroformfläschchen kaputtging. Mit demselben Ergebnis besiegte Uruguay Jugoslawien (es war, wegen Ärgers mit den Kroaten, ein reines Serbenteam).



Einarmiger Spieler entscheidet Finale

Uruguays Team vor dem Finale



Während das Endspiel vor rund 90.000 Zuschauern im Estadio Centenario das öffentliche Leben von Uruguay und Argentinien zum Stillstand brachte - es gab keine freien Boote mehr über den Rio de la Plata -, waren die europäischen Teams schon wieder auf der Schiffspassage in die Heimat, die von ihren Taten praktisch keine Notiz genommen hatte. In den meisten Ländern Europas erschienen von der WM nur dürre Ergebnismeldungen. Dabei waren die Uruguayer auch in Europa ein Begriff. Bei ihren olympischen Auftritten hatten sie eine neue Art von Fußball vorgeführt: Kombinationsspiel, Doppelpässe, Finten, Tricks.



Ihr großer Star war Jose Leandro Andrade, der im WM-Finale 1930 sein letztes großes Spiel bestritt. Bejubelt als erste „schwarze Perle“, war er nach den Olympischen Spielen 1924 monatelang in Paris geblieben und hatte sich als exotische Attraktion in den Show-Lokalen und Nachtklubs von Paris feiern lassen (später vergaß man ihn, er starb als Bettler mit 55 Jahren). Für die Entscheidung im Finale sorgte mit dem 4:2 in der 89. Minute ein anderer Spieler, der bestaunt wurde wie ein Weltwunder: Hector Castro hatte nach einem Unfall als Kind nur einen Arm.

Fifa-Präsident Jules Rimet organisierte die erste WM



Einen ausführlichen WM-Bericht veröffentlichte das deutsche Fachblatt „Kicker“ erst drei Wochen später. Noch lag eine Fußball-WM am entferntesten Rand des öffentlichen Interesses. Der Bericht hatte übrigens eine ebenso lange Schiffsreise hinter sich wie die Spieler. Der Autor John Langenus soll sich darin nicht sehr negativ über den Final-Schiedsrichter geäußert haben. Er war es nämlich selber.

Text: F.A.Z.
 
Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1934 in Italien.



Italien durfte die erste WM in Europa ausrichten - und nutzte den Vorteil zum Titelgewinn. Für die Faschisten um „Duce“ Mussolini eine willkommene Propaganda. Der Sportjournalist Vittorio Pozzo hatte aus Individualisten ein Team zusammengeschweißt, das auf dem Feld keine Gnade kannte und sich der Unterstützung der Schiedsrichter gewiß sein konnte.



Für den bösen Ruf der Squadra Azzurra war vor allem ein Spieler verantwortlich: Luis Monti, der Argentinien nach dem verlorenen WM-Finale 1930 verlassen und die Staatsbürgerschaft seiner italienischen Eltern angenommen hatte. Monti war zum eisenharten Stopper umgeschult worden. Als er gegen Österreich den glänzenden Sindelar krankenhausreif trat, schrien die neutralen Beobachter empört auf. Doch der schwedische Schiedsrichter Eklind wagte es in Mailand nicht, einen Platzverweis auszusprechen.



Ungesunde Härte



Zum Eklat aber kam es im Wiederholungsspiel gegen Spanien. Die erste Viertelfinal-Partie hatte beim 1:1 nach Verlängerung keine Entscheidung gebracht. Im zweiten Versuch, den die Spanier ohne sieben Opfer der italienischen Härte bestreiten mußten, gab der von den Italienern angeforderte Schweizer Schiedsrichter Mercet einen irregulären Treffer der Azzurri, versagte den Iberern auf der anderen Seite aber die Anerkennung des korrekten Ausgleichs. Als der Unparteiische später lebenslang gesperrt wurde, war Italien durch ein 2:1 gegen das bessere Team der Tschechoslowakei längst Weltmeister.



Deutsche Elf mit englischem System



Deutschland feierte beim ersten Turnier im K.o.-System sein Debüt unter Reichstrainer Otto Nerz. Der Doktor und sein Assistent Sepp Herberger hatten das Team „englisch“ eingestellt, mit einem hängenden Mittelläufer Fritz Szepan aus Schalke, der glänzend Regie führte, und Größen wie Paul Janes, Reinhold Münzenberg und Karl Hohmann. Dennoch drohte gegen Belgien bereits in der Vorrunde das Aus. Doch der Lauterer Mittelstürmer Conen machte mit einem Hattrick aus einem 1:2 zur Pause noch einen 5:2-Sieg. Als Deutschland in der Zwischenrunde in Mailand Schweden 2:1 besiegte, war ein neuer Geheimtip entdeckt.



Daß aus dem Finale Italien gegen Deutschland nichts wurde, lag an der Tschechoslowakei, die das Halbfinale 2:1 gegen die Nerz-Schützlinge gewann. Einen Trost aber hatte die Mannschaft dennoch: Durch ein 3:2 gegen den Erzrivalen Österreich sprang zumindest Platz drei heraus. Ein Ergebnis, mit dem vorher niemand gerechnet hatte. Die deutschen Amateure hatten es den Profis gezeigt.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
 
Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1938 in Frankreich.



Nach dem unrühmlichen Titelgewinn vier Jahre zuvor polierte Italien bei der Fußball-WM in Frankreich 1938 sportlich gesehen seinen Ruf auf und gewann zum zweiten Mal den „Coupe Jules Rimet“.

Deutschland schlug dagegen ein düsteres Kapitel seiner Geschichte auf. Ein Vierteljahr nach der Annexion Österreichs durch Hitler blamierte sich Nerz-Nachfolger Sepp Herberger zudem mit der neu formierten deutschen Mannschaft, in der acht Spieler aus dem Nachbarland standen. Die erzwungene Fusion der erfolgreichen „Breslauer-Elf“ mit dem „Wiener Wunderteam“ wurde zum Flop auf der ganzen Linie.



Die Welt lachte über die „häßlichen Deutschen“



Zwei Jahre nach der Niederlage bei Olympia in Berlin gab es im Eröffnungsspiel im Pariser Prinzenpark für „Großdeutschland“ gegen die Schweiz ein 1:1 nach Verlängerung. Schon beim zweiten Duell kam im Achtelfinal- Wiederholungsspiel das Aus - die Welt lachte über das 2:4 der „häßlichen Deutschen“. Im Finale trafen Italien und Ungarn aufeinander. Die Magyaren hatten Niederländisch Indien (6:0), die von den beiden Deutschland-Spielen ausgelaugten Schweizer (2:0) und Schweden (5:1) besiegt. Italien, das nur noch Meazza und Ferrari aus dem 34er-Team aufgeboten hatte, setzte sich mit 2:1 Toren nach Verlängerung gegen Norwegen durch, besiegte Frankreich 3:1 und die Ballartisten aus Brasilien 2:1.



Haß gegen Italiener



Als die verhaßten Nazi-Deutschen ausgeschieden waren, entlud sich der ganze Widerwillen der Zuschauer am italienischen Team, das sich der Unterstützung von „Duce“ Mussolini „erfreute“. Beim Halbfinale in Marseille zwischen Italien und Brasilien ergoß sich eine unglaubliche Welle des Hasses der 35.000 Zuschauer über dem Titelverteidiger. Doch die Truppe von Erfolgstrainer Vittorio Pozzo blieb dank eines umstrittenen Strafstoßes 2:1 erfolgreich. Brasiliens Protest schmetterte der Weltverband ab, die Südamerikaner mußten die Heimreise antreten. Da nutzte es auch nichts, daß sie in Leonidas da Silva - den sie „Schwarze Perle“ tauften - den erfolgreichsten Torschützen (sieben Treffer) und überragenden Spieler des Turniers hatten.



Im Finale am 19. Juni wurden die Italiener von den 60.000 Zuschauern im Stade de Colombes reserviert bis ablehnend empfangen. Doch die von Pozzo glänzend vorbereiteten, in kein Schema gepreßten Azzurri begeisterten. Mit 4:2 schlugen sie Ungarn, weil sie einfach noch besser waren als die Fußball-Künstler des Gegners. Das erkannten am Ende auch die Zuschauer an. Und als der greise Staatspräsident Lebrun dem alten und neuen Weltmeister den „Coupe Jules Rimet“ überreichte, brausten Beifallstürme durchs Stadion, als hätte Frankreich den Titel geholt.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
 
Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1950 in Brasilien.



Fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde wieder WM-Fußball gespielt. Die erste Nachkriegs-Weltmeisterschaft hatte 1950 nur einen Favoriten: Gastgeber Brasilien. Doch die erwartete Fußball-Samba wurde nicht getanzt - Brasilien trug nach dem entscheidenden letzten Spiel der Endrunde gegen Uruguay Trauer. Der Außenseiter aus dem Nachbarland hatte den designierten Weltmeister vom Sockel gestoßen. Weit mehr als 200.000 Zuschauer im riesigen Maracana-Stadion weinten - wie die ganze Nation.



Feuerwerkskörper und Freudentänze



Später entlud sich der Zorn der Masse an Trainer Flavio Costa. Fast beschwörend hatte Uruguays Coach Juan Lopez vor der Partie auf Verteidiger Varela eingeredet. Ademir, sagte Lopez immer wieder, Ademir müsse er an die Kette legen: „Er darf nicht zum Schuß kommen.“ Und tatsächlich war Brasiliens Mittelstürmer, ein Dribbelkönig wie 1938 Leonidas da Silva, ein Totalausfall. Das sollte spielentscheidend sein, obwohl die Brasilianer zwei Minuten nach der Pause durch Rechtsaußen Friaca 1:0 in Führung gingen.



Das Stadion glich einem Tollhaus. Feuerwerkskörper wurden abgeschossen und Freudentänze aufgeführt. Die überfüllten Tribünen drohten einzustürzen. Die Katastrophe auf den Rängen blieb aus. Doch auf dem Feld geschah Fürchterliches. Juan Schiaffino leitete mit dem 1:1 die Wende ein. Das Fußball-Drama nahm seinen Lauf. Als Rechtsaußen Ghiggia Torhüter Barbosa zum 2:1 überwand, war Brasiliens Schicksal besiegelt und Uruguay zum zweiten Mal nach 1930 Weltmeister.



Deutschland blieb von der WM ausgeschlossen



England war 1950 zum ersten Mal dabei. Insgesamt aber nahmen an der ersten WM nach dem Krieg wie schon bei der allerersten WM 1930 in Uruguay nur 13 Länder teil. Deutschland blieb ausgeschlossen, andere - Schottland, Frankreich, Portugal - scheuten die weite Reise. Besonders groß war deshalb der Jubel, daß Titelverteidiger Italien antrat, obwohl im Jahr zuvor die halbe Nationalmannschaft mit dem AC Turin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Für die „Azzurri“ war in der Vorrunde ebenso Endstation wie für den „ungekrönten Weltmeister“ England, der gegen die Vereinigten Staaten sensationell 0:1 unterlag.



Brasilien in tiefer Depression



Nach einem ersten Warnschuß zum Auftakt der WM beim 2:2 gegen die Schweiz lief es für Brasilien in der Endrunde der besten Vier glänzend. Dank Torschützenkönig Ademir (neun Treffer) wurden Schweden (7:1) und Spanien (6:1) in Grund und Boden gespielt. Uruguay dagegen verlor nach dem 3:2 gegen Schweden gegen Spanien (2:2) einen Punkt. Brasilien brauchte zum ersten Titelgewinn also im letzten Spiel gegen die „Urus“ nur noch ein Unentschieden. Das ganze Land war siegessicher - und wurde in tiefe Depression gestürzt.

Text: dpa
 
Der fünfte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1954 in der Schweiz, mit den Erinnerungen von Horst Eckel an die Stunden rund um das „Wunder von Bern”.



Ob Werktag oder Sonntag, jedes Jahr am 4. Juli telegraphierte Kapitän Fritz Walter an die Weltmeister: „Männer, denkt dran, heute ist unser Feiertag.” Er ließ die Anrede, wie der damalige Hörfunkreporter Rudi Michel beschreibt, bewußt im Plural stehen. Für Walter eine Selbstverständlichkeit. Auf diese Weise vermittelte er jedem einzelnen das Gefühl der Zugehörigkeit und des Zusammenhalts.



Eckel - Eckpfeiler in der deutschen Elf

Horst Eckel: Die Welt hatte sich verändert



Der Kontakt blieb bestehen, besonders dann, wenn einer aus der verschworenen Gemeinschaft Schwierigkeiten hatte, privat, finanziell, gesundheitlich. Dann war auch Hilfe zu finden in der Sepp-Herberger-Stiftung, die bis heute unverschuldet in Not geratenen Nationalspielern zur Seite springt. „Wer oben ist, darf die unten nicht vergessen”. lautete das Motto des „Chefs”.



Horst Eckel, der Kaiserslauterer Jahrgang 1932, bestritt 32 Länderspiele, das erste 1952. „Windhund” des Weltmeisters wurde er genannt; Techniker, Dribbler, Renner - und im Endspiel dann als rechter Läufer taktischer Eckpfeiler in der deutschen Elf, denn er störte entscheidend den ungarischen Spielaufbau.



Unaufgeregt wie Urlauber

Fifa-Präsident Jules Rimet überreicht Fritz Walter die "Goldene Göttin"



Der Tag fängt grau an. Es ist 14 Grad kühl, und die Wolken über dem Thuner See verheißen auch den Gästen des Hotels „Belvedere” in Spiez nicht das, was unter Sommerfrische zu verstehen ist. Doch die Delegation aus Deutschland, die hier seit drei Wochen im Namen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) logiert, ist nicht zum Vergnügen hier. Egal, welche Kapriolen das Wetter an diesem Sonntag, dem 4. Juli 1954, noch schlagen wird: Es wird sie nach draußen drängen, gen Bern, wo der englische Schiedsrichter Willy Ling um 16.50 Uhr im Wankdorfstadion das Endspiel um die Weltmeisterschaft anpfeift.



In einem der vom DFB gebuchten Zimmer wachen Hans Schäfer, der Kölner Linksaußen, und Horst Eckel, der Kaiserslauterer Außenläufer, auf. Beide werden am Nachmittag in jener Mannschaft stehen, deren Spieler vom frühen Sonntag abend an Helden sind. Bern ist noch weit, und Toni Turek, Jupp Posipal, Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich, Karl Mai, Helmut Rahn, Max Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter, Hans Schäfer und Horst Eckel sitzen unaufgeregt wie Urlauber, die sich noch ein Bild von diesem diffusen Tag machen wollen, am Frühstückstisch. Eckel erinnert sich:

Helmut Rahn trifft in der 84. Minute zum 3:2



So überheblich, daß wir gesagt hätten, heute werden wir Weltmeister, waren wir nicht. Unsere Gefühlslage war ganz normal. Wir hatten Selbstvertrauen und wußten, daß wir gut aussehen konnten, wenn wir ein bißchen Glück hätten. Wenn wir viel Glück hätten und das Spiel ungefähr so gut liefe wie beim 6:1 im Halbfinale gegen Österreich, würden wir sogar die Chance haben, gegen die seit viereinhalb Jahren ungeschlagenen Ungarn Weltmeister zu werden.



Ein Schlüssel zum Sieg



Beim gemeinsamen Frühstück mit Bundestrainer Sepp Herberger und den Betreuern merkt Eckel, mit 22 der jüngste Spieler der deutschen Elf, nur seinem Kapitän Fritz Walter eine gewisse Nervosität an - wie immer vor großen Länderspielen. Eckels Kölner Zimmerkumpel Schäfer und der zu flotten Sprüchen neigende Essener Rechtsaußen Helmut Rahn lockern die ruhige Atmosphäre mit ein paar vorlauten Bemerkungen auf. Herberger dagegen sagt nichts, worauf die Mannschaft geschlossen hören müßte. Horst Eckel zum Beispiel, der nimmermüde Anschaffer im Mittelfeld, weiß längst, daß er es im Wankdorfstadion mit Nandor Hidegkuti zu tun haben wird.

Anschlußtreffer durch Max Morlock - 1:2



Herberger hat mit uns alles am Tag vor dem Endspiel abgeklärt. Mir hat er gesagt, daß ich diesen Weltklassespieler, den Kopf der ungarischen Mannschaft, so gut wie möglich decken soll. Er war ein ganz gefährlicher Stürmer und Torschütze, der aus dem Mittelfeld heraus kam. Herberger hat ihn ein-, zweimal beobachtet. Und wenn Herberger einen Spieler ein- oder zweimal gesehen hat, konnte er ihn auch mit seinen Stärken und Schwächen genau schildern. Mir hat er gesagt, der Hidegkuti ist sieben oder acht Jahre älter, so daß ich ihm auf Dauer von der Kondition und der Wendigkeit her überlegen sein müßte. Eigentlich war der Mittelstürmer Hidegkuti eine hängende Spitze und dazu der Spielmacher der Ungarn so wie Fritz Walter bei uns. Das aber haben die anderen Trainer nicht erkannt. Nur Herberger hat darauf reagiert, indem er mich auf Hidegkuti und unseren Mittelläufer Werner Liebrich auf den ebenso brandgefährlichen Puskas abstellte. Damit waren die beiden wichtigsten Spieler der Ungarn zwar noch nicht ganz ausgeschaltet, aber doch eingeengt in ihren Entfaltungsmöglichkeiten. Das war vielleicht ein Schlüssel zum späteren Sieg.



Den Regen habe ich gar nicht gespürt



Beim Frühstück an diesem 4. Juli und danach, als ein Teil der Spieler entlang des Thuner Sees spazierengeht, ein anderer Teil sich lesend abzulenken versucht, werden keine taktischen und strategischen Fragen mehr erörtert. Der Stundenplan des 4. Juli erinnert an die Tage davor, da die deutsche Mannschaft spielend gefordert war. Um 13 Uhr wird zu Mittag gegessen, es folgt eine kurze Bettruhe - und dann geht's per Bus zum Stadion. Eckel sitzt wie immer in der dritten Reihe am Fenster - neben ihm der robuste Schäfer.

Hand in Hand - Fritz Walter mit dem Jules-Rimet-Pokal



Bei der Busfahrt hat sich das Wetter eingetrübt, und es begann, zuerst leicht, während des Spiels wie aus Kübeln, zu regnen. Als wir gegen 15 Uhr am Stadion ankamen, waren noch nicht viele Zuschauer da. Wir sind sofort in unsere Kabine gegangen und haben uns danach hinter der Tribüne in einem abgeschirmten Bereich aufgewärmt. Den Rasen haben wir erst kurz vor dem Anpfiff betreten, die Ungarn, die sich auf einem Nebenplatz aufwärmten, erst dann gesehen. Für die Arena, in der wir zum ersten Mal bei der Weltmeisterschaft spielten, hatte ich keinen Blick; die Stadien waren doch irgendwie alle ähnlich. Kurz vor Spielbeginn hat uns Herberger noch einmal mit wenigen Worten gesagt, was jeder gegen die Ungarn zu tun habe. Ich hatte ein gutes Gefühl vor dem Finale, war voll austrainiert und konditionell auf der Höhe. Mir ging es sogar von Spiel zu Spiel und den damit gewonnenen Erfahrungen besser. Das Endspiel konnte kommen. Den Regen, der nun schon prasselte, habe ich gar nicht gespürt. Ich weiß aber noch, daß mir bei der Hymne ein Schauer über den Rücken lief, denn wir alle wußten: Wir sind die Elf, die für Deutschland spielt. Uns guckt eine ganze Nation, ja sogar die ganze Welt zu.



„Wir packen das noch”



Dann endlich, nachdem die Deutschen, um sich letztmals auf ihr größtes Abenteuer einzuschwören, einen Kreis gebildet haben, pfeift Ling ein Spiel an, das in die deutsche Geschichte eingehen wird. Schon nach sechs Minuten führen die favorisierten Ungarn 1:0. Liebrich spielt Hidegkuti den Ball in den Lauf, der paßt weiter zu Kocsis, und dessen Schuß prallt von Eckel ab zu Puskas. Der „Major”, wie er genannt wird, hat keinerlei Mühe, den Ball zum 1:0 ins lange Eck zu schießen. Zwei Minuten später müssen die Deutschen für ein paar Momente befürchten, daß sie wie bei der 3:8-Niederlage in der Vorrunde aufs neue zum Spielball der Ungarn werden. Kohlmeyers Rückgabe ist zu kurz, Turek wehrt den glitschigen Ball so ab, daß er Czibor vor die Füße rollt, der ihn nur noch ins leere Tor zu schieben braucht. 0:2 - auch der meist unbekümmerte Horst Eckel braucht etwas Zeit, um sich von diesem Schreck zu erholen.

Jubeln im Wankdorfstadion



Danach war die Moral für einen Augenblick nicht gut. Wir haben uns aber vom Torwart bis zum Linksaußen wieder Mut gemacht und uns gesagt: „Wir packen das noch.” Nachdem der erste Schreck vorbei war, hat man unserer Körpersprache angemerkt, daß da niemand war, der den Kopf hängenließ. Und dann hat Max Morlock ja schon hundert Sekunden später eine von Zakarias abgefälschte Hereingabe Rahns ins ungarische Tor gespitzelt. Als dann noch Helmut Rahn in der 18. Minute aus kurzer Entfernung nach einer Ecke von Fritz Walter mit einem wuchtigen Schuß aus kurzer Entfernung das 2:2 erzielt hatte, haben wir gemerkt, daß an diesem Tag noch mehr gegen die Ungarn drin war. Die haben miteinander geschimpft und sind danach ganz unruhig geworden. Wir aber wurden nicht zu euphorisch, denn Herberger hatte uns immer wieder eingetrichtert, nie überheblich zu werden.
 
5/2

„Jetzt wollen wir Weltmeister werden”



Bei Halbzeit ist es nahezu still in der deutschen Kabine, nachdem Herberger einen aufflammenden Disput zwischen Kohlmeyer und Turek - wer war der Schuldige am 0:2? - unterbindet. Der „Chef”, wie sie den Bundestrainer nennen, sagt nur soviel: „Männer, es ist großartig, was ihr bisher geleistet habt. Gebt auch in der zweiten Halbzeit keinen Millimeter Boden preis. Spielt weiter so, dann kann kommen, was mag. Selbst wenn ihr jetzt verliert, wird euch niemand einen Vorwurf machen.” Das Spiel geht weiter, und der junge Eckel sieht den Ungarn an, wie ihre Kräfte auf dem durch den Regen aufgeweichten, tiefen Boden nachlassen.

Vor dem Spiel: Ferenc Puskas (r.) und Fritz Walter mit Schiedsrichter Ling



Sie waren nicht mehr so beweglich, ihre Pässe kamen nicht mehr wie gewohnt an. Und dann, es war die 84. Minute, hatte Rahn auch noch seinen Auftritt, den er mit dem 3:2, einem gewaltigen Flachschuß mit links, krönte. Diesen unvergeßlichen Augenblick aber konnten wir nur kurz genießen, dann hieß es für uns bei aller Begeisterung aufpassen, daß nicht noch was passiert. Wir mußten das Letzte aus uns rausholen, da auch die Ungarn zurückkamen und beinahe den Ausgleich geschossen hätten. „Komm, es sind noch ein paar Minuten”, so haben wir uns gegenseitig angefeuert, „jetzt wollen wir Weltmeister werden.” Und dann hat Ling endlich nach einem Einwurf der Ungarn abgepfiffen. Wir waren nur noch glücklich, durften aber, so hat es uns der Pädagoge Herberger beigebracht, nicht überschwenglich feiern. Als Deutsche sollten wir, der Zweite Weltkrieg war erst neun Jahre vorbei, nicht übermäßig jubeln, zumal die ganze Welt auf uns schaute. Es mit der Begeisterung ein wenig zu übertreiben war aber sowieso nicht die Mentalität unserer Mannschaft. Wir waren gut erzogen und fast ein bißchen demütig. Unsere gute Kameradschaft und unsere Kondition hat uns zum Titelgewinn verholfen.



Für die Ungarn war der zweite Platz ein Albtraum



Die Spieler laufen zu den deutschen Fans, wo schwarzrotgoldene Fahnen geschwenkt werden. Der Regen hat aufgehört. Kurz darauf nimmt die Elf Aufstellung vor Jules Rimet, dem Ehrenpräsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes. Der übergibt nach einer kurzen Ansprache Fritz Walter, dem Kapitän des Weltmeisters, den Jules-Rimet-Pokal. Der Kaiserslauterer bedankt sich mit einer Verneigung und unternimmt auch sonst nichts, was nach deutschem Triumphalismus aussehen könnte. Die Mannschaft erlaubt sich, ihren Trainer, der in seinem vom Regen aufgeweichten langen Trenchcoat wie eine trotzige Vaterfigur die Ikonographie der Gewinner abrundet, auf Schultern zu tragen. Der junge Eckel, der mit dem 1. FC Kaiserslautern schon zweimal deutscher Meister geworden war, sieht Tränen in den Augen so manchen Mitspielers und auch Tränen in den Augen einiger Ungarn.

Vor dem Anpfiff



Wir wußten in diesem Moment zwar, daß wir Weltmeister geworden waren, doch wir wußten nicht, was das für uns, aber auch für unser Land bedeutete. Die Ungarn, das sah ich ganz deutlich, waren am Boden zerstört. Hidegkuti hat mir im Vorübergehen die Hand geschüttelt. Man konnte sehen, was in ihm vorging. Wenn wir Vizeweltmeister geworden wären, es wäre ein Triumph gewesen; für die Ungarn aber war der zweite Platz ein Albtraum.



Ehrenrunde, Siegerehrung, ein letzter Gruß an die Zuschauer - es dauerte nur rund eine halbe Stunde, da saß die neue Weltmeistermannschaft wieder in der Kabine beisammen. Und es war fast so still wie vor dem Spiel und bei Halbzeit.

Herberger hat uns gern singen gehört





Der Chef hat sich kurz bei uns bedankt, es schauten ein paar Gäste und Freunde vorbei, doch Champagner, wie das heute üblich ist, wurde keineswegs getrunken. Statt dessen Wasser. Vor dem Bankett gab es keinen Tropfen Alkohol für uns, während des Spiels im übrigen auf Anweisung von Herberger, der damit im Einklang mit den Ratschlägen der Mediziner zu jener Zeit war, nicht mal einen Tropfen Wasser. Unter der Dusche haben wir dann schon mal ein Lied angestimmt, „Hoch auf dem gelben Wagen”. Herberger hat uns gern singen gehört. Manchmal hat er im Bus den Text vorgelesen, und wir haben ihn dann nachgesungen.



Auf der Rückfahrt vom Stadion zum Hotel sitzt Eckel wieder neben Hans Schäfer. Die Straßen auf dem Weg zum Hotel „Belvedere” sind keineswegs gesäumt von siegestrunkenen Fans.

Kein überschwenglicher Jubel, hatte der Trainer angeordnetEs hatte ja kaum jemand ein großes Auto oder ein Motorrad. Am Hotel standen ein paar Menschen, die uns gratuliert und zugewinkt haben. Wenige Journalisten waren abends beim Bankett da, dazu vielleicht zwei Kameraleute. Überhaupt wurde ich nach dem Endspiel von niemandem interviewt. So erging es auch anderen in unserer Mannschaft. Eine Pressekonferenz gab es nicht. Wenn überhaupt, ist Herberger vor den Spielen und nach den Spielen auf die Presse zugegangen, aber ohne Spieler. Die drei Wochen in Spiez blieben wir nahezu ungestört unter uns, es war sehr angenehm. Beim Bankett nach dem Endspielsieg waren dann auch unsere Frauen dabei.



Man hat gemerkt, daß sich die Welt verändert hat



Dort haben der Fritz, Herberger und DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens kurze Reden gehalten. Zu essen gab es endlich mal kein Hühnerfrikassee wie vor fast jedem Spiel. Gefeiert wurde nicht allzu lange. Gegen Mitternacht oder kurz danach lagen fast alle Spieler schon im Bett. Beim Bankett wurde auch die Prämie bekannt, die der Fritz für uns ausgehandelt hatte: 1.000 Mark für alle 22 Spieler und 200 Mark pro Einsatz. Da ich neben Fritz Walter alle Spiele mitgemacht hatte, kam ich am Ende auf 2.200 Mark. Das war damals viel Geld. Doch über Geld geredet haben wir nicht. Wer mit dem Thema vor Turnierbeginn gekommen wäre, hätte die Reise in die Schweiz wohl gar nicht mitgemacht. Ich behaupte heute, daß mit der Schweiz und uns zwei echte Amateurmannschaften bei der WM 1954 dabei waren.



Am Morgen nach dem denkwürdigen Finale machen sich Trainer, Mannschaft und Offizielle um sieben Uhr in der Frühe auf den Weg zu einem Sonderzug, der den neuen Weltmeister nach Deutschland zurückbringt. Erste Station auf deutschem Boden ist Singen, wo Massen das Team um Fritz Walter und Sepp Herberger empfangen. Jetzt weiß auch einer wie Horst Eckel, was am Abend zuvor in Bern tatsächlich passiert ist.



Egal, wo man auf der Fahrt nach München hinkam: Man hat gemerkt, daß sich die Welt verändert hat. Die Menschen haben ja nicht gesagt, die elf Spieler und Herberger sind Weltmeister geworden. Sie haben immer wieder gesagt, wir sind Weltmeister geworden. Leider wurde immer nur über die elf Leute gesprochen, die gegen die Ungarn auf dem Platz gestanden haben. Aber es gab ja noch elf andere. Spieler, die genauso ihren Anteil am großen Erfolg hatten und unheimlich viel dazu beigetragen haben, daß wir am 4. Juli 1954 den Weltmeistertitel gewonnen haben.

Text: F.A.Z.
 
Der sechste Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1958 in Schweden.



In Schweden 1958 war die Sache wirklich klar. Noch nie in der 28jährigen Geschichte der Weltmeisterschaft hatte sich ein Team den Titel so ungefährdet und so verdient geholt wie Brasilien, das dem Rest der Fußball-Welt in allen Belangen überlegen war.

Brasiliens Trainer Feola freut sich mit Kapitän Bellini (l.) und Keeper Neves



Die Mannschaft vom Zuckerhut kam mit Zauberern und Tänzern wie Didi, Zito oder Garrincha, mit einem 17jährigen Wunderknaben namens Pele und einer Taktik, die auf einen Schlag das vertraute WM-System mit Außenläufer und Halbstürmer ablöste.



Wegweisende Spielweise



Nach Schweden spielte alle Welt das brasilianische 4-2-4-System, das später, weil es andernorts an Stürmern wie Vava, Zagalo, Pele und Garrincha mangelte, zu einem 4-3-3 und schließlich zu einem 4-4-2 wurde. Nachdem die Brasilianer förmlich durch ihre Gruppe förmlich getanzt waren, erwies sich Wales beim 1:0 im Viertelfinale als harte Nuß. Im Halbfinale waren dann die - für europäische Maßstäbe - brillanten Franzosen ebenso wenig ein ernsthafter Gegner wie Schweden im Finale. Beide wurden 5:2 abgefertigt. Vava, Pele (je zwei) und Zagalo waren die Torschützen beim bis heute höchsten Endspielsieg der WM-Geschichte.



Deutsches Mittelmaß

Stolze Sieger



Aus der Elf, die vier Jahre zuvor Ungarn geschlagen hatte, waren nur Fritz Walter, Rahn, Schäfer und Eckel dabei. Um sie herum hatte Sepp Herberger eine Mannschaft geformt, die nach einer Serie herber Niederlagen wieder gehobenes Mittelmaß darstellte und deren Hoffnungen auf der Schußkraft von Helmut Rahn und einem jungen Hamburger namens Uwe Seeler ruhten.



Die Hoffnungen waren berechtigt. Rahn (zwei) und Seeler schossen im ersten Gruppenspiel das 3:1 gegen Argentinien heraus. Dann holten Rahn und Schäfer einen 0:2-Rückstand gegen die CSSR auf, das Tor ins Viertelfinale öffnete Seeler. Im dritten Gruppenspiel, als die Deutschen an Nordirlands Torwart Harry Gregg verzweifelten, gelang dem Hamburger das 2:2 - zum 1:1 hatte Rahn ausgeglichen.



„Hammer“ Juskowiak flog vom Platz

Jubel um das Wunderkind Pele



Wie vier Jahre zuvor hieß der Gegner in der Runde der letzten Acht Jugoslawien. Und wieder war es Rahn, der das entscheidende Tor zum 1:0 erzielte. Im Göteborger Halbfinale war durch ein 1:3 gegen Gastgeber Schweden Endstation. Dabei wurde Verteidiger Erich „Hammer“ Juskowiak von Kurre Hamrin derart gepeinigt, daß er sich in der 55. Minute zu einem Revanchefoul hinreißen ließ und vom Platz flog.

Auf der anderen Seite beharkte Parling Fritz Walter gnadenlos. Der deutsche Spielmacher beendete mit seinem 61. Länderspiel seine internationale Laufbahn. Ohne ihn sowie Seeler, Eckel und Juskowiak gab es im Spiel um Platz drei eine deftige 3:6-Niederlage gegen Frankreich.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
 
Der siebte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1962 in Chile.



Die Titelkämpfe 1962 in Chile wurden zu einer „vergessenen Weltmeisterschaft“. Das lag einerseits an Deutschland, das so früh wie zuvor nur 1938 ausschied, aber auch am Fernsehen, das noch nicht live aus Südamerika übertragen konnte.

„Brasiliens Singvögelchen”: Garrincha am Ball



Vergessen konnte und sollte man diese WM aber vor allem wegen der ermüdenden Defensiv-Taktik, der bis auf Brasilien alle Teams huldigten. Der Weltmeister aus Südamerika konnte seinen Titel so auch ungehindert verteidigen.



Pele schied verletzt aus



Brasiliens Trainer Vincente Italo Feola hatte gegenüber 1958 nur drei Spieler ausgetauscht. Im Vergleich zur WM vier Jahre zuvor in Schweden wirkten einige Dreißiger wie Nilton Santos, Didi, Vava und andere schon reichlich antiquiert, trotz ihrer immer noch hohen Kunst am Ball.

Auf Händen getragen: Brasiliens Torwart Gylmar nach dem Finale



Brasilien schlug in der Vorrunde Mexiko (2:0) und Spanien (2:1), dessen Star Di Stefano nach einem Streit mit Trainer Herreira als Tourist nach Chile gekommen war. Nur gegen den späteren Finalgegner CSSR mußten die Brasilianer ein 0:0 hinnehmen, weil sich Pele, der „Halbgott in Fußballschuhen“, einen Muskelriß zuzog und für den Rest des Turniers ausfiel.



Brasilien spazierte durch das Turnier



Andere schlüpften in seine Rolle - die Experten stritten, ob es die WM Garrinchas oder die von Zagallo war. Nach den „Spaziergängen“ gegen England (3:1) im Viertelfinale und gegen Chile (4:2) im Halbfinale traf der Titelverteidiger auf eine Tschechoslowakei, die sich nur dank ihres alle überragenden Torwarts für das Endspiel qualifiziert hatte.

Garrincha muß im Halbfinale vom Platz



Doch ausgerechnet dieser Schroiff sollte das Finale für seine Mannschaft verlieren. Beim 1:1 ließ er sich von Amarildo verladen, das 2:1 legte er Vava vor die Füße, und bei Zitos Kopfball zum 3:1 wirkte er ebenfalls ratlos. Da half es auch nicht, daß Masopust die CSSR in Führung gebracht hatte. Ihrer 1:0-Führung konnten sie sich nur 100 Sekunden erfreuen.



Taktische Fehler von Herberger



Deutschland folgte dem Trend der Zeit und entschied sich für eine defensive, manchmal sogar destruktive Taktik. Herbergers Elf und Italien neutralisierten sich beim 0:0 zum Auftakt. Danach langweilten die Deutschen beim glücklichen 2:1 gegen die Schweiz; in Erinnerung blieben nur die Tore von Brülls und Seeler sowie ein Foul, mit dem Szymaniak das Bein des Schweizers Eschmann brach. Das 2:0 gegen Chile bedeutete den Gruppensieg.

Mußte den WM-Sieg von außen betrachten: Pele



Die Deutschen waren mit „bescheidenen Mitteln“ im Viertelfinale und trafen auf Jugoslawien - zum dritten Mal hintereinander. Fünf Minuten vor Schluß paßte Galic auf Radakovic, und der überwand Fahrian. Deutschland mußte nach dem 0:1 die Heimreise antreten. Damit nahmen die Blauhemden aus Belgrad und Zagreb Revanche für ihre Niederlagen 1954 (0:2 in Genf) und 1958 (0:1 in Malmö), wo sie trotz teilweise überlegenen Spiels den Kürzeren gezogen hatten.



Nach Chile streikte die halbe Nationalmannschaft



Das hatte sich der legendäre Sepp Herberger sicher ganz anders gedacht: Nach seiner vierten und letzten Weltmeisterschaft als Reichs- bzw. Bundestrainer gab es ganz erheblichen Ärger. Im deutschen Lager schlug das 0:1 gegen die Jugoslawen hohe Wellen. Zwar waren die Deutschen lange die bessere Elf, schossen aber keine Tore. Im vielgerühmten Sturm mit Albert Brülls, Helmut Haller, Uwe Seeler, Horst Szymaniak und Hans Schäfer brachte nur Seeler Normalform.

Bobby Charlton muß warten, ein streundender Hund verhindert den Eckstoß des Engländers



Hinterher wurde offen Kritik geäußert. Haller, schon in Italien, ließ Luft ab: In Chile habe es innerhalb der Mannschaft eine Menge „Hochradfahrer“ gegeben, die zwar weniger trainiert, dafür aber Herberger um so mehr Honig ums Maul geschmiert hätten. Dabei habe der alte Fuchs Herberger diesmal eine Menge taktischer Fehler gemacht. In der Vorrunde seien die Deutschen mit einem blauem Auge davongekommen. Haller: „Aber gegen die cleveren Jugoslawen mußte unsere betonte Defensivtaktik schief gehen.“



In der T-Frage wurde der Jüngere bevorzugt



Auch Torwart Hans Tilkowski war stocksauer. Ihn hatte Herberger in Chile überhaupt nicht aufgestellt, sondern den Neuling Wolfgang Fahrian vorgezogen, der allerdings auch kaum Fehler machte. Tilkowski beklagte sich und zog Konsequenzen: „Erst eine Stunde vorher habe ich erfahren, daß ich nicht spiele. Fahrian aber wußte es immer schon früher. Ich bin schließlich kein kleiner Junge mehr, sondern spiele seit sechs Jahren im Nationalteam. Herberger wußte, daß er offen mit mir reden konnte, hat sich aber gedrückt. Für mich ist Schluß - bis er weg ist!“

Tor für Brasilien: 3:1 im Finale gegen die CSSR



Enttäuscht war man auch, weil Herberger bis zum Schluß am Weltmeister Schäfer festgehalten hatte, obwohl der Kölner offensichtlich völlig außer Form war. Dagegen blieben Jüngere wie Heinz Strehl oder Günter Herrmann nur auf der Ersatzbank. Kurzum: Nach Chile streikte die halbe Nationalmannschaft. Herberger mußte seine restlichen zwei Jahre als Bundestrainer ohne Tilkowski, Haller, Brülls, Szymaniak und Herrmann auskommen, die alle erst unter seinem Nachfolger Helmut Schön wieder mitmachten.



„Weltkrieg der Fußtritte“



Herberger nahm 1964 nach dem Tod von DFB-Präsident Peco Bauwens seinen Hut. Schließlich stand der „Bundes-Sepp“ schon im Rentenalter. Viele hätten dem verdienten und erfolgreichen Mann einen besseren Abschluß gewünscht. Denn gerade auch Herberger sah Weltmeisterschaften als absolute Höhepunkte an. Da schmerzte ein frühes Aus wie in Chile besonders.

Umschwärmt: Brasiliens Weltmeister



Für die größten Schlagzeilen aber sorgte jenes Spiel in der deutschen Gruppe, in dem Chile und Italien aufeinander trafen. In der Partie, die später als „Weltkrieg der Fußtritte“ bezeichnet wurde, zertrümmerte Leonel Sanchez ungestraft dem Italiener Maschio mit einem Fausthieb das Nasenbein. Der englische Schiedsrichter Ken Aston drückte beide Augen zu - auch als die Chilenen serienweise ihre Gegenspieler bespuckten, mit Drohgebärden provozierten und mit Füßen traten. Vom Platz schickte er nur die Italiener Ferrini und David.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
 
Schon vor dem ersten Anstoß stand die Fußball-WM 1970 in der Kritik. Die Schreckensbilder von den Olympischen Spielen 1968 in der Höhe Mexikos waren allgegenwärtig - Athleten unter Sauerstoffmasken, Sportler mit hohlen Wangen, von der Darmgrippe „Montezumas Rache“ geschwächt.



Die FIFA hatte eigens die Regeln geändert und ließ erstmals zwei Auswechslungen zu. Und trotz der geographischen und klimatischen Erschwernisse gab es eine Renaissance des Angriffsfußballs und der großen Individualisten: Pele, Riva, Bobby Charlton und Gerd Müller, der mit zehn Toren Schützenkönig wurde. Und nicht zu vergessen: Franz Beckenbauer.



Renaissance des Angriffsfußballs



Lange wurde kontrovers über den Nord-Süd-Gipfel im deutschen Sturm gestritten. Das Tandem Müller/Seeler gab die Antwort und harmonierte prächtig. Hamburgs Uwe Seeler spielte zurückgezogen und ackerte unermüdlich, Münchens Müller stand im Zentrum meist goldrichtig. Zwar klappte es zum Auftakt gegen Marokko (2:1) noch nicht wie gewollt, doch schon gegen Bulgarien (5:2) und Peru (3:1) lief es glänzend.



Im Viertelfinale stand die Wembley-Revanche gegen England an. High Noon. Die Mittagssonne brannte erbarmungslos, als England schnell 2:0 durch Peters und Mullery führte. Auch Beckenbauers 1:2 ließ die Briten noch nicht nervös werden. Bis Seeler einen frechen Kopfball mit dem Hinterkopf zum 2:2 ins Netz zauberte. Müller machte in der Verlängerung alles klar: 3:2 - Deutschland war im Halbfinale.



Zweistündige Hitzeschlacht



War diese Dramatik noch zu überbieten? Bis heute gilt die zweistündige Hitzeschlacht gegen Italien als eines der besten und spannendsten Länderspiele der Geschichte. Italien spielte offensiv statt „Catenaccio“ und führte durch Boninsegna. Seeler & Co. kämpften gegen vielen Fouls an und wurden belohnt. Schnellinger traf in der Nachspielzeit zum 1:1: Verlängerung. Die Elf von Trainer Schön spielte wie aufgedreht; Held gelang das 2:1. Die Entscheidung? Nein. Erst knallte Burgnich den Ball zum 2:2 ins Tor, dann war Riva erfolgreich. Aber das DFB-Team, wegen des an der Schulter lädierten Beckenbauer stark gehandicapt, wehrte sich. Vergeblich. Nach Müllers Ausgleich gelang Rivera der 4:3-Siegtreffer.



Als schwacher Trost wurde Uruguay im Spiel um Platz drei bezwungen. Das Halbfinale gegen Italien überstrahlte alles. Sogar Weltmeister Brasilien mit Pele, Rivelino und Dribbelkünstler Jairzinho stand im Schatten dieses Jahrhundertspiels. Dabei bezwangen sie Italien glatt 4:1, wurden zum dritten Mal Weltmeister und durften den „Coupe Jules Rimet“ endgültig behalten.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa und sid

Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa
 
Vom Fall der Mauer abgesehen, hat die Nation niemals mehr eine ähnliche Woge der Begeisterung erfaßt wie 1954, als Deutschland gegen die ungarische Wundermannschaft Fußball-Weltmeister wurde. Daran reichte auch der Enthusiasmus nicht heran, mit dem 1990 die deutsche Elf für ihren Erfolg von Italien gefeiert wurde. Und schon gar nicht der eher angestrengte Jubel, als die Deutschen 1974 im WM-Finale von München die starken Holländer 2:1 bezwangen. Die Nationalelf löste damit nur ein, was hierzulande allgemein von ihr erwartet wurde. 1954 hieß es: „Wir sind wieder wer.” 1974 gehörten „wir” längst wieder zu den Großen, im Fußball wie in der Politik und in der Wirtschaft. Und so wurde der Erfolg nur als standesgemäß empfunden.



Doch der Weg zu diesem Ziel war steiniger als gedacht. In den Vorrundenbegegnungen gegen Chile (1:0) und Australien (3:0) schimmerte nur ein matter Abglanz von jener strahlenden Elf, die zwei Jahre zuvor Europameister geworden war und immer noch als die spielerisch beste deutsche Mannschaft gilt. Das 0:1 gegen die DDR durch Jürgen Sparwassers berühmtes Tor war ein doppelter Glücksfall. Als Gruppen-Zweiter blieben Helmut Schöns Auswahl in der zweiten Finalrunde die Kraftproben mit Weltmeister Brasilien und Argentinien, aber vor allem der Gang mit den Holländern erspart, die zu diesem Zeitpunkt für die Deutschen wohl noch zu stark gewesen wären.



Heilsamer Schock



Der heilsame Schock führte den Spielern vor Augen, daß sie mit ihrer bis dahin laschen Einstellung niemals Weltmeister werden würden. Die Wende erfolgte anschließend in jener legendären Nacht von Malente. „Da sind wir aus einem zerstrittenen Haufen zu einer Einheit geworden”, wie Franz Beckenbauer heute feststellt. Der Münchner Kapitän wetterte als Wortführer am heftigsten gegen die Egoisten und Selbstdarsteller, die lieber mit dem Deutschen Fußball-Bund um die WM-Prämien (60.000 Mark vom DFB plus 10.000 Mark von Adidas) pokerten, als sich auf dem Spielfeld füreinander einzusetzen. „Und es war wichtig, daß wir uns nach dem fünften oder sechsten Glas Wein die Wahrheit gesagt haben”, meint Berti Vogts, der sich erinnert, „daß wir dann morgens das Spiel gegen die DDR 5:1 gewonnen hatten.”



Am Tag danach konnten die Spieler Malente endlich hinter sich lassen. Vier lange Wochen waren sie in der schleswig-holsteinischen Sportschule kaserniert. An die 40 Mann in winzigen Zimmern, Toiletten und Waschräume außerhalb. „Stellen Sie sich mal vor, wir würden das unsern Spielern heute noch zumuten”, sagt Vogts, der spätere Bundestrainer. Knapp zwei Jahre nach dem Olympia-Attentat von München herrschte zudem wegen der Anschläge der Baader-Meinhof-Gruppe höchste Sicherheitsstufe. Die Nationalmannschaft und ihr Troß lebten wie in einer Festung hinter Stacheldraht, beschützt von Polizei und der Sondereinheit GSG 9. Offiziell durfte niemand das Gelände verlassen. „Doch der eine oder andere nächtliche Ausflug mußte sein”, gibt Beckenbauer heute zu, „sonst wären wir wahrscheinlich verrückt geworden.” Die Bewacher hatten jedenfalls Mitleid „und haben uns rausgelotst”.



Laufburschen und Inspiratoren



Mit dem Umzug in den Westen in die Sportschule Kaiserau schüttelten die Deutschen den bisherigen WM-Frust ab. Frische Kräfte wie die Gladbacher Rainer Bonhof und Herbert Wimmer - sonst der „Laufbursche” des genialen Günter Netzer, der nach einer Verletzung wegen Formschwäche nur kurz gegen die DDR zum Einsatz kam - stärkten in der Zwischenrunde den Kampfeswillen. Mit 2:0 wurden in Düsseldorf die ballgewandten Jugoslawen besiegt. Beim 4:2 über Schweden begeisterten die Deutschen wiederum im Rhein-Stadion erstmals mit einer Mischung aus Einsatzwillen und Spielvermögen. Bei strömendem Regen wirkten in der packenden Begegnung, in der erst ein 0:1-Rückstand und später der 2:2-Ausgleich zu verkraften waren, vor allem Beckenbauer und Wolfgang Overath als kämpferische Antreiber und spielerische Inspiratoren.



Unvergessen die „Wasserschlacht” von Frankfurt, als nach zwei Wolkenbrüchen der Ball mal im Morast stecken blieb, mal plötzlich von Wasserlachen wegfitschte. Dabei war es für die Deutschen ein Vorteil, daß die Polen, die mit Spielmacher Deyna und den Spitzen Lato und Gadocha den schönsten Fußball der WM boten, durch die Umstände gebremst wurden. Und doch war eine überdurchschnittliche Leistung, dazu das vielleicht beste Spiel in der Karriere von Torwart Sepp Maier und wieder einmal ein „goldenes” Tor von Gerd Müller notwendig, um mit 1:0 ins Finale einzuziehen.



Der „Fall Hölzenbein”



Für das Endspiel waren die Holländer, die nach Ansicht Beckenbauers „über das gesamte Turnier hinweg die stärkste Mannschaft” waren, die Favoriten. Und das, obwohl sie, wie Jupp Derwall, damals Assistent und später Nachfolger von Bundestrainer Helmut Schön, ins Gedächtnis ruft, „ein ziemlich lockeres Leben führten. Die hatten ihre Frauen dabei und haben auch schon mal 'ne Flasche aufgemacht. Da war jede Nacht trallala.” Doch wer gedacht hatte, die asketischen Deutschen putzen die Leichtfüße nun weg, sah sich getäuscht. Ohne daß sie überhaupt den Ball berührten, stand es in der ersten Minute durch einen Foulelfmeter von Neeskens 1:0 für die Niederlande. Doch wie der Schock des Sparwasser-Tors „war das”, wie Beckenbauer heute glaubt, „auch wieder gut für uns. Dadurch haben sich die Holländer zurückfallen lassen, haben uns ins Spiel gebracht. Dann ist es schwierig, wenn man die Zügel schleifen läßt, selbst wieder die Initiative zu ergreifen.”



So, als es nach dem „Fall Hölzenbein” und Paul Breitners Elfmetertor (25. Minuten) plötzlich 1:1 und erst recht, als es nach Gerd Müllers unnachahmlichem Treffer zwei Minuten vor der Pause 2:1 stand. Die optische Überlegenheit der Holländer trog. Vogts hatte ihnen als unerbittlicher Bewacher des genialen Johan Cruyff „das Herzstück herausgeschnitten” (Beckenbauer). Und mit ihren Kontern erspielten die Deutschen sogar die besseren Torchancen. Nach dem Urteil von Vogts „hatten die Holländer die besseren Einzelspieler. Doch die bessere Mannschaft ist Weltmeister geworden. Damit haben wir Helmut Schön etwas zurückgezahlt, was er uns menschlich gegeben hat.”



Die größte Leistung des Bundestrainers und seiner Stützen Beckenbauer, Breitner, Overath und Vogts bestand darin, während der WM den verfahrenen Karren wieder flott zu machen. Und dies unter dem Druck einer Öffentlichkeit, für die alles andere als der Titel eine Blamage gewesen wäre. Das Feuer der zweiten Finalrunde schmiedete eine Mannschaft zusammen, die beherzt zu kämpfen und gut zu spielen verstand. Eine Weltmeister-Elf, die besser war als ihr Ruf.

Text: F.A.Z.
 
Sorry, hatte 1966 vergessen

Bei der Weltmeisterschaft 1966 in England fielen insgesamt 89 Tore - das vorletzte machte Geschichte der besonderen Art. Das „Wembley-Tor“ zum 3:2 für England im Finale gegen Deutschland.

Aufstellung zum Finale: Deutschland gegen England



Es war die 11. Minute der Verlängerung. Ein Schuß von Englands Stürmer Geoff Hurst, vom deutschen Torwart Hans Tilkowski mit den Fingerspitzen noch berührt, war von der Latte nach unten auf die Torlinie geprallt und von Wolfgang Weber dann über den Querbalken ins Aus geköpft worden.



Tofik Bachramow entschied die WM



Die Gastgeber jubelten, die Deutschen winkten ab. Keiner aber hatte es in dem Moment wirklich richtig gesehen: nicht die 97.000 Zuschauer im Stadion, nicht die Millionen an den TV-Schirmen und Schiedsrichter Gottfried Dienst auch nicht. Der Schweizer stand knapp daneben, war aber dennoch unschlüssig: Hatte der Ball die Torlinie komplett überschritten?

Dramatik im Finale: Weber (l.) trifft in der 90. Minute zum 2:2



Der Referee lief zum 40 Meter entfernten Linienrichter. Tofik Bachramow aus der Sowjetunion, der nur Russisch und Türkisch sprach, also Dienst nicht verstanden haben konnte, nickte mit dem Kopf, zeigte mit der Fahne zur Mittellinie: Tor für England. Erstmals entschied ein Schiedsrichter-Assistent über die Vergabe des wichtigsten Titels im Welt-Fußball.



Nur Lübke war sicher: „Der Ball war drin“



Zig Millionen Worte sind von Tausenden Journalisten über dieses Tor geschrieben worden. Fernsehstationen in aller Welt haben in pausenlosen Wiederholungen die Bilder vom ab- und aufspringenden Lederball gesendet. Mathematiker, Physiker und sonstige Wissenschaftler wurden bemüht, Naturgesetze sollten erklären, bestätigen oder ablehnen.

Englands Bobby Moore auf den Schultern seiner Mitspieler



„Ich weiß auch heute noch nicht, ob der Ball drin war. Und wenn sie mich nach 100 Jahren wieder ausgraben und ich komme neu auf die Welt, weiß ich es immer noch nicht“, sagte der inzwischen verstorbene Gottfried Dienst fast 30 Jahre danach. Nur ein Deutscher wußte es genau. „Der Ball war drin“, war sich Bundespräsident Heinrich Lübke absolut sicher.



Das Fußball-Mutterland war erstmals Weltmeister



Mit einer Energieleistung hatte die deutsche Elf während der regulären Spielzeit die schon verloren geglaubte Partie noch einmal umgebogen. Helmut Haller hatte das 1:0 erzielt, aber die Engländer glichen durch Hurst aus und standen nach Martin Peters' 2:1 kurz vor dem Triumph. Doch der Kölner Wolfgang Weber machte ihnen kurz vor Schluß mit dem Ausgleich noch einen Strich durch die Rechnung.

Halbfinale: Deutschland bezwingt die UdSSR trotz Torwart Jaschin



In der Verlängerung war die glücklose Truppe von Helmut Schön aber mit ihren Kräften am Ende. Geoff Hursts Tor in der Schlußminute war nur noch der traurige Schlußpunkt. Mit 4:2 gewannen die WM-Gastgeber das Finale. Und auf diesen Moment am 30. Juli 1966 im Londoner Wembley-Stadion hatten Millionen englischer Fußball-Fans lange warten müssen: Königin Elizabeth II. überreicht Englands Mannschaftskapitän Bobby Moore den Coupe Jules Rimet. Das Fußball-Mutterland war erstmals Weltmeister!



Beckenbauer trat ins Rampenlicht



Schlagzeilen machte noch ein anderes Tor. Aus unmöglichem Winkel traf der Bundesliga-Rekordschütze Lothar Emmerich beim 2:1-Erfolg in der Vorrunde gegen Spanien fast von der Torauslinie ins Netz. Ins Rampenlicht trat in England freilich ein anderer: Der 20-jährige Franz Beckenbauer.

Kopf an Kopf im Halbfinale: England schlägt Portugal mit Eusebio (r.) 2:1



Als in der Qualifikation in Schweden das Aus drohte, hatte Helmut Schön Mut bewiesen. Der Sachse, der den „Chef“ Sepp Herberger nach 162 Länderspielen im Juni 1964 abgelöst hatte, brachte den jungen Bayern und hatte Glück. Beckenbauer feierte gegen die Skandinavier ein ausgezeichnetes Debüt; das 2:1-Siegtor erzielte der von einer Achillessehnen-Operation in Rekordzeit genesene Uwe Seeler.



Blamagen für Brasilien und Italien



Ein anderer Stern verlosch. Edson Arantes do Nascimento - kurz Pele - ging mit Brasilien unter und schied gegen Ungarn und Portugal schon in der Vorrunde aus. Den Rest gaben ihm viele häßliche Fouls. Star der WM wurde der Portugiese Eusebio, der für einen Höhenflug der Spieler aus Lissabon und Porto bis auf Platz drei sorgte.

Diskussionen nach Platzverweis: Argentinien wollte gegen England (0:1) das Spielfeld verlassen



Nordkorea war das Überraschungs-Team des Turniers, und scheiterte erst im Viertelfinale mit 3:5 an Portugal. Die Asiaten hatten in der Vorrunde Italien eine bittere Schmach bereitet. Nach dem 0:1 mußten Mazzola, Facchetti und Co. vorzeitig nach Hause. Die Tifosi bereiteten ihrer Mannschaft einen unvergeßlichen Empfang und bewarfen ihre Helden mit Südfrüchten.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
 
Der elfte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1978 in Argentinien.



Die Fußball-WM vom 1. bis 25. Juni 1978 war ein Politikum. Seit dem Militärputsch am 24. März 1976 regierte General Jorge Videla Argentinien, das sich am Rande des wirtschaftlichen Ruins bewegte.

Argentinien mit Kempes (unten Mitte), noch ohne Maradona



Folter, Verschleppungen und Mord bestimmten den Alltag; Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. Letztlich sprach sich aber auch die Menschenrechtsorganisation „amnesty international” mit dem Slogan „Fußball ja - Terror nein” gegen einen Boykott aus. Die Guerilla- Gruppe „Montoneros” versprach für die Zeit der WM eine Waffenruhe, und „El Mundial” nahm den von der Militärjunta gewünschten Lauf. Argentinien wurde erstmals Weltmeister; das sportliche Spektakel lenkte von den innenpolitischen Skandalen ab.



Vier Unentschieden, nur ein Sieg und dann Österreich



Aus deutscher Sicht wurde die Endrunde zu einer Enttäuschung. Ohne den in die US-Profiliga abgewanderten Franz Beckenbauer waren die Weltmeister von 1974 nur ein Schatten ihrer selbst. Nach torlosen Enttäuschungen gegen Polen und Tunesien sowie einem 6:0-Erfolg gegen die schwachen Mexikaner erreichte die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön die zweite Finalrunde. Doch gegen Italien (0:0) und in der Neuauflage des 74er Endspiels gegen die Niederlande (2:2) kam das Team um Kapitän Berti Vogts ebenfalls nicht über ein Remis hinaus.

Ungeschlagen, aber nur Dritter: Brasilien



Es folgte die „Schmach von Cordoba”, eine der peinlichsten Niederlagen in der deutschen WM-Geschichte. Seit 1938 hatten die oft belächelten Kicker aus Österreich nicht mehr gegen den großen Nachbarn gewonnen. Nach Niederlagen gegen Italien (0:1) und die Niederlande (1:5) war die für sie abschließende WM-Partie ohne Bedeutung. Nur der Wunsch, den mit theoretischen Chancen aufs Finale angetretenen Deutschen die Tour zu vermasseln, trieb Pezzey, Prohaska & Krankl an jenem 21. Juni an.



Eigentor von Vogts, Abgang von Schön



Zunächst ging alles den gewohnten Gang. Karl-Heinz Rummenigge sorgte für das 1:0 (19.). Doch dann unterlief Vogts in seinem 96. und letzten Länderspiel sein einziges Eigentor (59.). Den Rest besorgte Hans Krankl. Der Stürmer von Rapid Wien erzielte zunächst das 2:1 für Österreich (66.), das Bernd Hölzenbein noch ausgleichen konnte (68.). Drei Minuten vor dem Ende gelang Krankl dann das 3:2, und Österreichs Radioreporter Edi Finger schickte sein legendäres „I wer' narrisch!” über den Sender.

Vor dem Finale: Niederlande gegen Argentinien



Für Krankl, Europas Torschützenkönig 1978, hatte der meistgezeigte Treffer seiner Karriere nicht nur schöne Folgen. Eine große deutsche Boulevard-Zeitung rächte sich mit der Veröffentlichung seiner Telefonnummer, was Krankl wüste Schmäh-Anrufe einbrachte. Für Bundestrainer Schön indes ging nach der Blamage nichts mehr. Nach fast 14 erfolgreichen Jahren, gekrönt vom Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 und dem EM-Titel 1972, nahm der „Mann mit der Mütze” seinen Hut.



Volksheld Mario Kempes



Mit Cordoba muß man auch Mario Kempes in Verbindung bringen, der mit sechs Treffern zum Torschützenkönig und Volkshelden aufstieg. Der damals 24-Jährige wurde in Bel Ville geboren und begann bei Instituto Cordoba mit dem Fußballspielen. Später wechselte der Mittelstürmer zum FC Valencia, wo er in den zwei Spielzeiten vor der WM jeweils die spanische Torjägerkrone holte. Argentiniens Trainer Cesar Luis Menotti bestand darauf, „Super-Mario” bei der WM im eigenen Land stürmen zu lassen. Zum Mißfallen der heißblütigen Fans verzichtete er dafür auf Jahrhundert-Talent Diego Armando Maradona. Letztlich durfte sich „El Flaco” („Der Dürre”), ein erklärter Gegner der Militärjunta, in seiner Arbeit jedoch bestätigt fühlen.

Die Entscheidung in der Verlängerung



Der heute als Fußball-Philosoph angesehene Kettenraucher gab für die Titelkämpfe ein Motto aus: „Adelante! - Vorwärts!” Schon vor dem ersten Spiel gegen Ungarn (2:1) hatte Menotti in der Kabine auf eine Tafel geschrieben: „Noch 23 Tage, bis wir Weltmeister sind.” Am Ende ging die Rechnung aber nur auf, weil die Gastgeber jede Unwägbarkeit ausschlossen und das letzte Spiel der zweiten Finalrunde gegen Peru erst zweieinhalb Stunden nach der Partie des großen Rivalen Brasilien gegen Polen (3:1) ansetzten. Damit wußte die Menotti-Elf, daß sie einen Sieg mit vier Toren Unterschied benötigte. Das 6:0 hat seinen faden Beigeschmack bis heute nicht verloren. Das betrogene Brasilien wurde ungeschlagen durch ein 2:1 gegen Italien Dritter.



Neuberger und der Nazi-General



Im Endspiel gelang den Argentiniern in der Verlängerung ein verdienter 3:1-Erfolg gegen die Niederländer, die wie vier Jahre zuvor den großen Wurf verpassten, obwohl sie für den Kampf um die WM- Krone in dem Österreicher Ernst Happel einen der größten Trainer seiner Zeit als Bondscoach verpflichtet hatten. Kempes brachte die „Gauchos” vor 77.260 Zuschauern im ausverkauften Estadio Monumental in Buenos Aires in Führung (38.), Dick Nanninga (81.) erzwang die Verlängerung für die „Oranjes”, die ohne den großen Johan Cruyff antraten. Kempes (105.) und Daniel Bertoni (115.) ließen es nicht auf ein Elfmeterschießen ankommen und machten alles klar für „Argentina”.

Gewünschtes Ende. Argentinien setzt sich durch



Cruyff war nicht dabei, weil er sich geweigert hatte, vor den Augen der Militärs zu spielen. Alle Niederländer blieben der offiziellen Siegesfeier am Abend des 25. Juni aus Protest gegen das Videla-Regime fern. Hermann Neuberger, zum ersten Mal auch als Chef des FIFA-Organisationskomitees eingesetzt, warf ihnen deshalb schlechten Stil vor. Der DFB-Präsident spielte 1978 eine zweifelhafte Rolle. Er neigte dazu, die Zustände in Argentinien zu verharmlosen und sorgte für einen Skandal, als er den früheren Nazi-General Hans- Ulrich Rudel ins deutsche Trainings-Quartier einlud.

Text: dpa
 
Zitat:

"Doch der Lauterer Mittelstürmer Conen machte mit einem Hattrick aus einem 1:2 zur Pause noch einen 5:2-Sieg." (WM 1934)



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:shock:
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Hat schon jemals jemand hier im Forum von dem gehört?



Edit: War wohl dann doch eher ein Saarbrücker - sorry wg. der Unterbrechung
 
Vizeweltmeister mit ramponiertem Ansehen



Der zwölfte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1982 in Spanien.



Als Europameister gehörte die unter Bundestrainer Jupp Derwall in 23 Spielen in Serie unbesiegte deutsche Nationalmannschaft zu den Mitfavoriten der Fußball-Weltmeisterschaft vom 13. Juni bis 11. Juli 1982 in Spanien. Schumacher, Rummenigge & Co. wurden tatsächlich Vizeweltmeister, doch ihr Ansehen war nach der Endrunde ramponiert. Enttäuscht vom schwachen Auftreten und zornig über den Skandal von Gijon gingen die Fans in der Heimat nach der 1:3-Pleite im Endspiel gegen Italien schnurstracks zur Tagesordnung über.

Torwart Dino Zoff: Mit 40 Jahren Weltmeister



Vor allem der „Nichtangriffspakt“ im letzten Vorrundenspiel gegen Österreich wurde der Derwall-Mannschaft nicht verziehen. Nach dem blamablen 1:2 gegen Algerien und dem 4:1 gegen Chile hatte das 1:0 gegen Österreich, das Horst Hrubesch in der 10. Minute erzielte, zum Weiterkommen gereicht. Schon vor dem Anstoß war klar, daß auch der Nachbar bei diesem Ergebnis in die Zwischenrunde einziehen würde.



„22 sportlichen Ganoven“



Die „stille Übereinkunft von 22 sportlichen Ganoven“, wie der 66er Vize-Weltmeister Willi Schulz den bilateralen Verrat an der Fairness bezeichnete, empörte den Sport und die Fußball-Welt, die erstmals eine WM mit 24 Teilnehmern sah. Mit Banknoten wedelnd quittierten die Zuschauer den Standfußball, der als „Skandal von Gijon“ in die Geschichtsbücher einging.

Breitners (nicht im Bild) Treffer im Finale gegen Italien



Zum Skandal nach dem Skandal wurden die Kommentare von manchen Beteiligten. „Was interessiert mich das, wenn Tante Frieda zu Hause Zirkus macht“, sagte Uwe Reinders. Er hatte die Tragweite der als Betrug empfundenen Darbietung ebenso nicht erkannt wie Österreichs Delegationsleiter Hans Tschak, der so zitiert wird: „Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier 10.000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, daß die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können.“



Das „Drama von Sevilla“



Jupp Derwall hatte 1978 Helmut Schön, den Trainer mit den bis heute meisten WM-Einsätzen (25), abgelöst. Ohne den „blonden Engel“ Bernd Schuster, aber mit dem viel gepriesenen Geist von Schluchsee - bald in „Schlucksee“ umbenannt - mogelte sich seine Mannschaft in die Zwischenrunde. War der sportliche Ruf nach den ersten Auftritten schon angekratzt, war es nach Gijon auch der moralische.

Das WM-Plakat kam von Miro



Doch die DFB-Auswahl konnte auch anders. Einem torlosen Spiel gegen England und einem 2:1 gegen Spanien folgte ein Halbfinale, das nicht nur Klasse und Rasse hatte, sondern auch unglaubliche Dramatik bot. Gegen Frankreich zeigte sich die verunsicherte und teilweise zerstrittene Derwall-Elf von ihrer besten Seite und gewann das „Drama von Sevilla“ mit 8:7 nach Elfmeterschießen - dem ersten der WM- Geschichte.



Schumachers brutales Foul



Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Fischer per Fallrückzieher hatten in der Verlängerung den 3:1-Vorsprung Frankreichs ausgeglichen, nachdem es am Ende der ersten 90 Minuten 1:1 gestanden hatte. Den entscheidenden Elfmeter schließlich verwandelte Hrubesch. Als Matchwinner durfte sich aber der wegen einer Oberschenkelzerrung gehandicapte Rummenigge fühlen. Der erwartete Glanz ging freilich weder von ihm aus, noch vom Argentinier Maradona oder dem Brasilianer Zico, die beide mit ihren Teams in der Zwischenrunde an Italien scheiterten.

Hans-Peter Briegel (r.) und Manfred Kaltz versuchen Italiens Stürmer Bruno Conti zu stoppen



Derwalls Mannschaft zog zwar ins Endspiel ein, aber der Jubel hielt sich in Grenzen. Die Wogen nach dem Skandal von Gijon waren längst noch nicht geglättet, da sorgte Torhüter Harald Schumacher im Halbfinale mit einem brutalen Foul gegen den Franzosen Patrick Battiston für einen weiteren Aufschrei der Fußball-Gemeinde. Das Wort vom „häßlichen Deutschen“ machte abermals die Runde. Mit Arroganz und obszönen Gesten hatte es sich „Kumpel Toni“ schon zuvor mit den deutschen Schlachtenbummlern verscherzt, die er als „arme Irre“ bezeichnete.



„Ich zahl' ihm die Jacketkronen“



Nach seinem üblen Luftangriff auf den Franzosen, der drei Zähne verlor und ohnmächtig liegen blieb, protzte der Kölner zynisch: „Ich zahl' ihm die Jacketkronen.“ Auf Drängen seines Clubs, dem 1. FC Köln, fuhr Schumacher Wochen nach der WM zu Battistons Hochzeit und entschuldigte sich zähneknirschend. „Bis jetzt wußte ich nicht, daß man auf dem Fußballplatz sterben kann“, sagte Battiston mit einer Gips-Manschette um den Hals bei dieser Verbrüderungs-Show.

Kein Durchkommen für Breitner und Littbarski im Finale



Für die beste Leistung der WM sorgte Paolo Rossi mit Eleganz, Gewandtheit und gerissenem Zweikampfverhalten. Dabei sollte der Stürmer von Juventus Turin ursprünglich gar nicht mitfahren, weil er 1980 in einen Bestechungsskandal verstrickt und für zwei Jahre gesperrt worden war. In den ersten vier Spielen ging Rossi leer aus. Doch in der Finalrunde erzielte er gegen Brasilien drei Tore, schoß beim 2:0 gegen Polen im Halbfinale beide Treffer und beim 3:1 im Finale gegen Deutschland das erste Tor. Mit sechs Treffern holte er sich die Torjägerkrone der WM, bei der Torhüter Dino Zoff mit 40 Jahren und 133 Tagen zum bis heute ältesten Weltmeister wurde.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
 
WM-Serie: 1986



Beckenbauers Debüt und die „Hand Gottes“



Der dreizehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1986 in Mexiko.

r feierte bei der Fußball-Weltmeisterschaft vom 31. Mai bis 29. Juni 1986 in Mexiko

Franz Beckenbauer feierte bei der Fußball-Weltmeisterschaft vom 31. Mai bis 29. Juni 1986 in Mexiko auch ohne Trainerschein ein traumhaftes Debüt als Teamchef.



Der „Kaiser“ hatte nach allerlei Querelen den glücklosen Bundestrainer Jupp Derwall abgelöst und wurde als Retter gepriesen. Zwar reichte es wie vier Jahre zuvor in Spanien wieder zur Vize-Weltmeisterschaft. Doch diesmal war es weit mehr, als selbst kühnste Optimisten zu hoffen gewagt hatten. Die Endrunde war kurzfristig nach Mexiko vergeben worden, weil Kolumbien das Championat aus wirtschaftlichen Gründen nicht ausrichten konnte. So wurde Mexiko nach nur 16 Jahren als erstes Land zum zweiten Mal WM-Ausrichter.



Aus dem „Messias“ Maradona wird ein Betrüger



„Erstens wirst' nicht Weltmeister, zweitens wirst' in zwei Jahren auch nicht Europameister. Das kannst sowieso schon vergessen“, hatte Beckenbauer vor dem Turnier provokant verkündet und den betulichen Deutschen Fußball-Bund (DFB) damit ziemlich verschreckt. Doch mit Geschick und Gespür für das Machbare stellten Beckenbauer und sein Assistent Horst Köppel ein Team zusammen, das ohne spielerischen Glanz zu versprühen zu einer großartigen Turniermannschaft wuchs.



Im Finale allerdings erwies sich Argentinien mit Diego Armando Maradona, der „Messias des runden Leders“ und „Betrüger mit der Hand Gottes“ zugleich war, als eine Nummer zu groß. Nach 90 Minuten stand es im Glutofen Aztekenstadion 3:2 für die Südamerikaner, die nach 1978 zum zweiten Mal Weltmeister wurden.



„Danish Dynamite“ überrascht die Deutschen



Mit der Entscheidung hatten Dänemark - mit dem ehemaligen Bremer Sepp Piontek als Trainer - und die UdSSR nichts mehr zu tun. In der Vorrunde mauserten sich beide Teams jedoch zu Geheimfavoriten. Der sowjetische Nationaltrainer Waleri Lobanowski hatte acht Spieler aus seinem Heimat-Verein Dynamo Kiew nominiert. Nur wenige Kilometer von der Hauptstadt der Ukraine entfernt war es einen Monat vor der WM zum Super-GAU im Atomreaktor von Tschernobyl gekommen. Und in Moskau schickte sich Michail Gorbatschow an, mit Perestroika und Glasnost die kommunistische Welt zu verändern.



Dänemark begeisterte mit Hurra-Fußball. Das bekam auch die deutsche Elf zu spüren. Am Ende hieß es 2:0 für „Danish Dynamite“ - aber auch die Deutschen waren im Achtelfinale. Und sie kamen weiter, während die Dänen und die mit einer unglaublichen Rasanz kombinierenden Russen ausschieden.



„Es war ein bißchen die Hand Gottes“



„Wenn man Wunderdinge von mir erwartet, dann hätte man besser einen vom Zirkus Krone holen sollen. Ein Zauberer bin ich nicht“, sagte Beckenbauer, der als Trainer noch gar keine Erfahrung hatte und mutig auf junge Leute baute. Auf den Frankfurter Thomas Berthold und den Schalker Olaf Thon etwa oder die Gladbacher Uwe Rahn und Michael Frontzeck. Er vertraute im Mittelfeld Felix Magath an Stelle des immer wieder mal zurückgetretenen Bernd Schuster und verstärkte die Defensive mit den Bayern Norbert Eder und Klaus Augenthaler.



Gegen die Sensationself von Marokko (1:0) reichte ein Tor des jungen Lothar Matthäus, gegen Mexiko das Glück im Elfmeterschießen (4:1), und im Halbfinale gegen Frankreich (2:0) sicherten Andreas Brehme und Rudi Völler den fünften Einzug in ein WM-Endspiel. Ein Weltrekord wie schon die achte Halbfinalteilnahme. Gegner Argentinien hatte in Maradona einen Kapitän, der auf dem Zenit seines Könnens auch vor Dreistigkeiten nicht zurückschreckte. So erzielte er im Viertelfinale gegen England (2:1) ein irreguläres Tor und brüstete sich: „Es war ein bißchen die Hand Gottes und ein bißchen Maradonas Kopf.“ Doch die Bilder bewiesen: Es war allein Maradonas Hand.



„Unmenschliches“ Elfmeterschießen



Höhepunkt der WM war das atemberaubende Viertelfinale zwischen Frankreich und Brasilien. Erst im Elfmeterschießen fiel die Entscheidung zu Gunsten des Europameisters (4:3). „Es ist unmenschlich“, meinte Zico nach zwei Fehlschüssen des bis dato dreimaligen Weltmeisters. Trainer Tele Santana trat sofort zurück.



Zum Sündenbock wurde jedoch Julio Cesar gestempelt, der nach Michel Platinis Fehlversuch nur den Pfosten traf. Am Boden zerstört mußte er mit ansehen, wie Frankreichs Torwart Joel Bats, der den ersten Elfmeter gegen Socrates gehalten hatte, als Held gefeiert wurde.



„Ich habe gehalten wie ein Arsch“



Im Semifinale erlebten die Franzosen eine deutsche Elf, die erstmals Klasse zeigte. Das Team, das durch die Erzfeinde Harald Schumacher und Karl-Heinz Rummenigge sowie den Eklat um den Hamburger Uli Stein entzweit war, hatte sich zusammengerauft und bot beim 2:0 eine Topleistung. Stein hatte sich mit der Rolle des Ersatzkeepers nie abfinden können. Als er Beckenbauer einen „Suppenkasper“ nannte, der einer „Gurkentruppe“ vorsteht, mußte er heimfliegen.



So konnte er nur am Fernseher miterleben, wie sein Rivale im Finale gegen Argentinien versagte. „Ich habe gehalten wie ein Arsch, sonst wären wir Weltmeister“, meinte Schumacher nach seinem letzten WM-Spiel. Kapitän Rummenigge und Rudi Völler hatten zwar zum 2:2 ausgeglichen, doch Jorge Burruchaga besiegelte nach Maradonas Traumpaß sechs Minuten vor Schluß den 3:2-Endstand. Demoralisiert trat Rummenigge, der seine Klasse wieder nicht beweisen konnte, nach 95 Länderspielen ebenso zurück wie unter anderen auch Dieter Hoeneß und Felix Magath.
 
WM-Serie: 1990

Des „Kaisers” zweite Krönung





Der vierzehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1990 in Italien.



Im Halbdunkel des Olympiastadions von Rom schlendert ein Mann in eleganter Clubjacke, die Hände tief in der Hosentasche vergraben, mutterseelenallein über den Rasen. Fernab seiner feiernden Spieler ließ Franz Beckenbauer am späten Abend des 8. Juli 1990 die Fußball-WM und den hart erkämpften 1:0-Finalsieg gegen Argentinien Revue passieren. Der 103malige deutsche Fußball-Nationalspieler ließ sich von der allgemeinen Euphorie nicht anstecken, kapselte sich im Mittelkreis ein wenig ab und wollte den Augenblick des Triumphes trotz der 73.607 Zuschauer für sich allein genießen. Der „Kaiser” war zum zweiten Mal gekrönt worden. Weltmeister als Spieler (1974) und jetzt als Teamchef - das hatte zuvor nur Brasiliens Mario Zagallo geschafft.



Der Sieg über Titelverteidiger Argentinien, den Andreas Brehme per Foulelfmeter sicherstellte, bedeutete den dritten WM-Titel für Deutschland nach 1954 und 1974. Beim zuvor letzten Titelgewinn in München 16 Jahre zuvor (2:1 gegen die Niederlande) hatte Beckenbauer noch als Kapitän und Weltstar den WM-Titel erobert und das Duell gegen „König” Johan Cruyff zu seinen Gunsten entschieden. Nach sechs Jahren als verantwortlicher Coach trat Beckenbauer nun als Weltmeister-Macher ab, unterstrich einmal mehr seinen Ruf als Sieger-Typ und Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Mit seiner Prognose, die deutsche Mannschaft werde nun auf Jahre hinweg unschlagbar sein, lag er allerdings weit daneben, wie die kommenden Turniere beweisen sollten.



Qualifikation schwieriger als das Turnier



Der WM-Sieg in Italien während der historischen Phase der Wiedervereinigung entfachte in Deutschland eine Fußball-Euphorie, wie sie das Land seit 1954 nicht mehr erlebt hatte. Dabei war der Weg nach Italien für die deutsche Elf fast beschwerlicher als das Turnier selbst. Erst ein Treffer von Häßler im letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Wales zum 2:1 verschaffte der Beckenbauer-Truppe das Ticket zur Fahrt über den Brenner.



Dort erwischte Deutschland, angeführt von einem überragenden Matthäus, in Mailand gegen Jugoslawien beim 4:1 einen WM-Start nach Maß. „Am wichtigsten für den Titel war der gute Auftakt gegen die Jugoslawen”, erklärte Beckenbauer später rückblickend. Ein 5:1 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und ein 1:1 gegen Kolumbien bedeutete den ersten Rang in der Vorrundengruppe für das deutsche Team.



Klinsmanns Spiel gegen Holland



Gleich im Achtelfinale wartete dann der wohl dickste Brocken: Europameister Niederlande. Aber nach einem phantastischen Spiel, in dem die Emotionen auf beiden Seiten hochschlugen, setzte sich Deutschland mit 2:1 durch. Eine Weltklassepartie lieferte vor allem Jürgen Klinsmann. Der unrühmliche Höhepunkt der Begegnung war der Doppel-Platzverweis für Rudi Völler und den niederländischen Star Frank Rijkaard, der den deutschen Mittelstürmer angespuckt hatte.



Im Viertelfinale mußten sich die deutschen Asse mit der Auswahl der damaligen CSFR auseinander setzen und gewannen in ihrem schwächsten Spiel durch einen Foulelfmeter von Matthäus mit 1:0. Wie schon bei den WM-Turnieren 1982 und 1986 blieb Deutschland danach ein Elfmeterdrama nicht erspart. Im Halbfinale gegen England avancierte Torhüter Illgner zum Helden, als er den Elfmeter von Pearce mit dem Knie abwehrte. Mit 4:3 setzte sich das Beckenbauer-Team durch und erreichte zum sechsten Mal ein WM-Endspiel.



„Jetzt sind wir dran”



Als Endspielgegner der Deutschen hatten viele mit Gastgeber Italien gerechnet. Doch die Azzuri kassierten eine unnötige Halbfinal-Pleite mit 3:4 im Elfmeterschießen gegen Argentinien. Erstmals in der 60jährigen WM-Geschichte trafen damit zwei Länder zum zweiten Mal im Finale aufeinander: Argentinien und Deutschland in der Neuauflage des 86er-Endspiels. Und Beckenbauer war sicher: „Jetzt sind wir dran.”



Ohne vier gesperrte Stammspieler gelang den Südamerikanern in den 90 Endspiel-Minuten nichts. Diego Armando Maradona, vier Jahre zuvor noch gefeierter Sportheld, blieb gegen Guido Buchwald zweiter Sieger und vergoß Tränen. Brehmes Elfmetertor fünf Minuten vor Schluß war zwar ein Geschenk, aber der Sieg verdient. Rudi Völler war im Strafraum gefallen, der Pfiff des Schiedsrichters „eine Konzessionsentscheidung”, wie Pierre Littbarski später treffend beschrieb.



Überraschungen durch Kamerun



Argentinien war mehr schlecht als recht durchs Turnier gestolpert. Gleich beim Eröffnungsspiel hatte sich der Titelverteidiger gegen Kamerun mit 0:1 blamiert. Im Achtelfinale gaben die „Gauchos” dann völlig überraschend ihrem südamerikanischen Erzrivalen und Titelfavoriten Brasilien in Turin mit 1:0 das Nachsehen. Im Viertelfinale gegen Jugoslawien waren die Mannen um Maradona im Elfmeterschießen mit 3:2 erfolgreich. Und schließlich stürzten sie auch das WM-Gastgeberland Italien in ein Tal der Tränen.



Zu den Positiverscheinungen der WM zählte fraglos Kamerun. Als erste afrikanische Mannschaft erreichte das Team um den Lambada tanzenden Oldtimer Roger Milla ein WM-Viertelfinale. Erst in der Verlängerung zogen die Engländer den „Löwen” mit 3:2 die Zähne. Gleichwohl stand Kameruns Erfolg als Zeichen für den Aufstieg des afrikanischen Fußballs in die Weltspitze.
 
Dopingsünder, „Stinkefinger“ und Brasiliens Rekord



Jürgen Klinsmann war der beste Deutsche bei der WM 1994

08. Mai 2006

Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der fünfzehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1994 in den Vereinigten Staaten.



Brasilien schlug der alten Welt bei der Weltmeisterschaft in der neuen Welt ein Schnippchen. Die Ballzauberer vom Zuckerhut waren bei der Fußball-WM 1994 in den Vereinigten Staaten zwar der einzige Südamerika-Vertreter im Viertelfinale. Doch trotz der Übermacht von sieben Europäern errangen die Brasilianer zum vierten Mal nach 1958, 1962 und 1970 den Titel und avancierten damit zum alleinigen Rekordtitelträger.



Lothar Matthäus trifft per Elfmeter zum 1:0 gegen Bulgarien



Doch den Glanz vergangener Triumphe hatte der Erfolg der Selecao nicht. Es reichte aber, um in einem der wohl langweiligsten Endspiele der WM-Geschichte in der Rose Bowl von Pasadena Italien mit 3:2 im Elfmeterschießen niederzuringen. Weder in der regulären Spielzeit noch in der dreißig Minuten dauernden Verlängerung wollte den beiden besten Mannschaften der Welt ein Tor gelingen. Ausgerechnet „Azzurri“-Star Roberto Baggio setzte dann den entscheidenden Elfmeter über das Tor.



„Gute Resultate sind wichtiger als guter Fußball“



Damit blieb dem europäischen Fußball auch im siebten Anlauf ein WM-Titel auf dem amerikanischen Kontinent versagt. Umgekehrt gelang es bekanntlich nur Brasilien 1958, in die Phalanx der Europäer bei WM-Turnieren auf dem alten Kontinent einzubrechen.



Thomas Häßler kann das entscheidende Kopfballtor des Bulgaren Jordan Letschkow im Viertelfinale nicht verhindern



Brasilien verfügte in Romario und Bebeto über das überragende Sturmduo des World Cups, aber entscheidend war die gute Defensivarbeit der Elf von Trainer Carlos Alberto Parreira. „Die Brasilianer haben nicht mit acht Offensivkräften gespielt, sondern waren erst erfolgreich, als sie mehrere Defensivleute eingebaut haben“, resümierte der damalige Bundestrainer Berti Vogts. Parreira bilanzierte: „Guter Fußball ist eine schöne Sache, aber wichtiger sind gute Resultate.“ Er hatte auf die gesunde Mischung mit Zauberern wie Romario und Bebeto sowie Kämpfern wie Dunga und Jorginho gesetzt. Mit dem Pokal in der Hand sagte er „meine Mission ist erfüllt“ - und ging. Als bester Spieler wurde Romario mit dem „goldenen Ball“ ausgezeichnet.



„Stinkefinger-Affäre“ und ein frühes Ausscheiden



Die enttäuschende Vogts-Elf war unterdessen als Titelverteidiger im Viertelfinale gegen das Überraschungsteam aus Bulgarien gescheitert. Ausgerechnet der damals noch für den Hamburger SV spielende Jordan Letschkow beförderte den dreimaligen Weltmeister durch das 2:1-Siegtor per Kopfball im Giants Stadium von New York aus dem Wettbewerb.



Nach der WM zerstritt sich Kapitän Matthäus mit Vogts - erst 1998 wurde er wieder für die Nationalelf nominiert



Der bei seiner WM-Premiere glücklose Bundestrainer Berti Vogts ging nach dem vorzeitigen Aus durch ein Fegefeuer der Kritik, wurde offen zum Rücktritt aufgefordert. Bundeskanzler Helmut Kohl überredete den Trainer zusammen mit DFB-Präsident Egidius Braun zum Weitermachen. Herausragender Akteur der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei der WM war Stürmer Jürgen Klinsmann, dem fünf Treffer gelangen.



Ein anderer, der zum großen Star hätte werden können, war der Verlierer des Turniers: Stefan Effenberg. Beim glücklichen 3:2-Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea mußte er bei 50 Grad in der Cotton Bowl von Dallas auf der ungeliebten rechten Seite verteidigen, wurde nach 75 Minuten ausgewechselt und zeigte den pfeifenden deutschen Fans den „Stinkefinger“. Vogts war sich mit Egidius Braun einig und schickte den Unverbesserlichen postwendend heim - so wie es Beckenbauer 1986 mit Uli Stein getan hatte, der ihn „Suppenkasper“ genannt hatte.



Maradona gedopt, Escobar ermordet



Historischer Triumph: Brasilien zum vierten Mal Weltmeister



Während der Weltmeister von 1990 dem Turnier im Fußball-Entwicklungsland Amerika keine Glanzlichter aufsetzen konnte, gehörten Afrikameister Nigeria, die Bulgaren und erst recht der WM-Dritte Schweden zu den positiven Überraschungen. Ein Höhepunkt war auch der Torrekord des Russen Oleg Salenko, dem gegen Kamerun fünf Treffer gelangen. Zusammen mit dem Bulgaren Christo Stojtschkow wurde der „Sbornaja“-Stürmer auch WM-Torschützenkönig (jeweils sechs Treffer).



Allerdings litt der World Cup, der eine Rekordzuschauerzahl von 3,568 Millionen Zuschauer (Schnitt 68.626) verbuchen konnte, unter einigen Negativ-Schlagzeilen. So dominierte zunächst der Dopingfall Diego Maradona einige Tage die Nachrichten. Der exzentrische Argentinier, der einen Doping-Cocktail eingenommen hatte, verabschiedete sich unwürdig von der WM-Bühne, auf der er 1982, 1986 und 1990 noch einer der Hauptdarsteller gewesen und zweimal ins Endspiel eingezogen war. Acht Jahre nach seiner Galavorstellung beim WM-Triumph in Mexiko blieb nur eine wehmütige Erinnerung an den Maradona von 1986.



Das Duell im Finale: Romario gegen Maldini



Einen Tiefpunkt erlebte die Weltmeisterschaft durch den Mord an dem kolumbianischen Eigentorschützen Andres Escobar. Der Abwehrspieler hatte beim 1:2 gegen die Vereinigten Staaten zum 0:1 ins eigene Netz getroffen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er erschossen.

Text: dpa
 
Beispielloser Triumph einer multikulturellen Equipe

Von Michael Horeni





12. Mai 2006 Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der sechzehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnierfinale 1998 in Frankreich. Für die Deutschen war bei dieser Veranstaltung bereits nach dem peinlichen 0:3 gegen Kroatien im Viertelfinale Schluß.



Weltmeister dürfen alles. Ehe es sich Jacques Chirac versah, kletterte Didier Deschamps mit verschmutzten Fußballschuhen auf den Tisch, vor dem der Präsident der Republik stand, und drehte dem Staatsoberhaupt auch noch den Rücken zu. Seine unbedeckten Oberschenkel hatte der Präsident geradewegs vor der Nase. Doch über gewisse Nachlässigkeiten in Fragen der Etikette sah auch Chirac zu später Stunde in Glanz und Gloria nur noch strahlend hinweg.

Überflieger Barthez



Deschamps hatte die protokollarisch nicht haltbare Stellung allein im Dienst der Nation erklommen. Der Spielführer der Equipe Tricolore wollte Frankreich und aller Welt nur besonders deutlich zeigen, wonach sich die Grande Nation sportlich bisher vergeblich gesehnt hatte: den WM-Pokal. Um 23.09 Uhr genau, als Fifa-Ehrenpräsident João Havelange und Chirac dem Kapitän unter dem Jubel der 80.000 Zuschauer im Stade de France das beste Stück überreichten, das der Fußball zu vergeben hat, vereinigte sich ganz Frankreich in egalitärer Fußballfreude.



Eine historische Leistung



Auch Chirac mochte in diesen unvergeßlichen Momenten nicht mehr auf dem vermeintlich besten Platz im Stadion verharren. Mit dem Fanschal um die Schultern tanzte dann auch der Präsident als erster Vorsitzender des französischen Fanklubs gemeinsam mit den Lieblingen auf dem Tisch, der das Glück der Franzosen in Mannschaftsstärke trug. 3:0 im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Titelverteidiger Brasilien, erspielt und errungen von einer Auswahl mit Herz und Verstand, diese sportliche Großtat empfanden aber nicht nur Franzosen als historische Leistung.

Triumphzug auf den Champs Elysees



Den Sturz der Könige dieses Sports, wer anders als die Franzosen hätte dies am Vorabend der Feiern zum Sturm auf die Bastille vollbringen können? Die Spieler selbst konnten kaum glauben, daß ihnen mit einem imponierenden Gemeinschaftswerk der höchste WM-Sieg gegen eine brasilianische Mannschaft seit dem Beginn der Titelkämpfe vor fast siebzig Jahren gelang. Auf dem Rasen weinten Torhüter Fabien Barthez und Stürmer Christophe Dugarry eng umschlungen, der gesperrte Verteidiger Laurent Blanc, der die Trophäe als erster von Kapitän Deschamps erhielt, gab diesmal nach dem für Frankreich überglücklichen WM-Ende dem Torwart den schon traditionellen Kuß auf die Glatze.



Ein Buch voller Geheimnisse



Vom Freudenfest schien Trainer Aimé Jacquet zunächst völlig unbeeindruckt. Mit großer Ruhe schritt er dem brasilianischen Nationaltrainer Mario Zagallo entgegen und nahm den Verlierer, der schon alles gewonnen hatte, in den Arm. Sein schwarzes Notizbuch, in dem sich alle Geheimnisse der WM befinden, gab Jacquet aber beharrlich auch nach dem Schlußpfiff nicht aus den Händen. Von seinen Spielern wurde er schließlich auf Schultern getragen, und später, als sie ihre Worte wiedergefunden hatten, setzten sie ihm mit dutzendfachen Komplimenten ein Denkmal. „Er hat es geschafft, aus uns allen 200 Prozent herauszuholen. Wir verdanken ihm alles”, sagte nicht nur Christophe Dugarry, der, nach seiner Verletzung im ersten Spiel, im Finale in der zweiten Halbzeit noch einmal zum schönsten Einsatz seiner Karriere kam.

Auch im Endspiel war Zidane nicht zu bremsen



In der Fußball-Geschichte hat es seit dem 4:1 von Brasilien im Endspiel 1970 keinen ähnlichen Finalsieg mehr gegeben. Weder vom Ergebnis noch von der sportlichen Demonstration der spielerischen Stärke her. In neunzig Minuten fand eine kaum für möglich gehaltene Umkehrung der sportlichen Verhältnisse statt. Favorit Brasilien brach im entscheidenden Moment unter dem Druck zusammen, der auf einer Mannschaft von Stars und Superstars seit Tagen, Wochen und Monaten in unerträglicher Weise lastete. Im Finale waren von der ersten Minute an keine unantastbaren Wundermenschen aus der Werbung mehr am Werk, sondern ganz menschliche Fußballspieler mit all ihren Schwächen.



Sportliche Science-fiction



Bis zum Finaltag schien der Erfolg für die Franzosen noch wie sportliche Science-fiction, und wohl nicht zufällig, als das Imperium Ronaldo zu Fall gebracht war, jubelten die über sich hinausgewachsenen französischen Fußball-Normalgrößen zur Filmmusik von „Krieg der Sterne”. Mit ganz irdischen Mitteln und einem phantastischen Regisseur Zinedine Zidane, der mit zwei Kopfballtoren schon in der ersten Halbzeit den brasilianischen Mythos ins Wanken brachte, vollzog sich die französische Sternstunde. Von keiner Macht dieser Welt schienen sich die Gastgeber der WM ihr großes Finale noch nehmen zu lassen. Selbst die berechtigte Gelb-Rote Karte gegen Marcel Desailly in der 68. Minute vermochte die Kräfteverhältnisse nicht mehr zu verändern. Die Franzosen hatten auch in Unterzahl dank ihrer kollektiven Kraft noch die besseren Torgelegenheiten. Der Treffer von Emmanuel Petit in der Nachspielzeit zum 3:0 ließ nicht nur Chirac auf der Tribüne schreien und die Fäuste ballen.

Mitleid mit dem gestürzten Ronaldo



Trainer Aimé Jacquet hatte nach dem dramaturgisch mitreißenden Finale nun die allerbesten Argumente gegen seine Langzeitkritiker an der Hand. „Wir haben alle Widrigkeiten dieses Turniers überwunden”, sagte Jacquet mit tiefer Zufriedenheit. Beim Auftakt verletzte sich Stürmer Dugarry, in der zweiten Weltmeisterschaftsbegegnung hatten Frankreich und ausgerechnet der wie nun kein anderer Spieler umschwärmte Zidane eine Rote Karte zu verkraften. Im Achtelfinale mußten die Gastgeber gegen Paraguay bis zum Golden Goal durch Blanc warten, im Viertelfinale war Nervenstärke im Elfmeterschießen gefragt, im Semifinale trübte ein Platzverweis für Blanc die Hoffnungen auf den Triumph. Doch den Bogen zum Erfolg konnte die verschworene Gemeinschaft immer wieder schlagen.



„Ich werde einem Teil der Presse die Unwahrheiten über uns nicht verzeihen”, sagte Jacquet mit Goldmedaille um den Hals den französischen Fußball-Theoretikern, die glauben machen wollten, die Mannschaft lache über ihren Trainer. Daß sein Ruf schon jetzt unter den Kollegen legendär ist, verdeutlichte zum Abschied der an allen vier brasilianischen Titelgewinnen beteiligte Mario Zagallo. Er präsentierte voller Respekt ein mit dem Namen des französischen Meistertrainers beschriftetes Trikot. Der Geehrte bedankte sich höflich: „Um die Erfolge von Zagallo zu haben, benötige ich zwei Leben.” Der Anfang zumindest ist gemacht.
 
Die beste Mannschaft der Welt verliert gegen Brasilien

Von Michael Horeni, Yokohama





16. Mai 2006 Im siebzehnten und letzten Teil der historischen WM-Serie blickt FAZ.NET auf das Endspiel des Turniers 2002 zwischen Deutschland und Brasilien zurück.



Brasilien ist Weltmeister - Deutschland die beste Mannschaft der Welt. Was wie ein Widerspruch anmutet, war beim wunderbaren, aber für die Deutschen sportlich traurigen WM-Finale von Yokohama die großartige Auflösung der weltweiten Frage, was geschieht, wenn zwei so verschieden veranlagte Fußballimperien in ihrem ersten Endspiel aufeinandertreffen. Geschlagen wurden die Deutschen durch zwei Tore von Ronaldo.



Bewiesen haben sie aber, daß sie als Team auch gegen Brasilianer in jeder Beziehung mitzuhalten verstanden. Das Spielglück allerdings, auf das sie so oft in diesen Wochen vertrauen konnten, war im letzten Moment nicht mit ihnen, weil ausgerechnet Oliver Kahn mit einem Fehler den deutschen Traum vom vierten WM-Titel beendete. Damit wurde im Fußball diesmal auf Kosten der Deutschen und des Kapitäns in Deutschland fast vergessene Demut gelehrt, daß der Erfolg nicht von allein mit denen ist, die großartige Leistungen liefern. Das Fußballschicksal läßt sich, wie die Mannschaft von Teamchef Rudi Völler tapfer hinzunehmen fähig war, auch von der größten Willenskraft nicht zwingen.



Deutschland, die Überraschung der WM



Der imponierendste deutsche Auftritt hinterließ daher vor allem einen tieftraurigen Kapitän. Aber es kehrt auch eine Mannschaft von der WM zurück, auf die der deutsche Fußball und ihr Teamchef, der sie in so kurzer Zeit und unter großem öffentlichen Druck geformt hat, stolz sein können - ohne jede Einschränkung. Denn die Überraschung dieser WM und des letzten Abends in Yokohama hieß ohne jeden Zweifel Deutschland.



Vom ersten bis zum allerletzten Tag wurde diese Mannschaft auf verlorenem Posten gewähnt, weil vor allem die Einzelspieler einer weltmeisterlichen Einzelfallprüfung nicht standzuhalten schienen. Doch auch vor der größten anzunehmenden Herausforderung ließ sich ein durch und durch gefestigtes Team nicht mehr schrecken und lieferte ein Finale, dessen Verlauf auch die größten Kenner des Fußballs verblüffen konnte. Der Riesenmut der angeblich spielerischen Zwerge machte aus dem Endspiel eine in jeder Beziehung ausgeglichene Sache, bis das Schicksal die Wege von Kahn und Ronaldo, den Anführern ihrer Teams, bestimmte.



Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho machen den Unterschied



Von der ersten Minute an war zuvor eine deutsche Auswahl zu bestaunen gewesen, deren gemeinsame Klasse mehr war als die Summe ihrer Individuen. Es war daher auch die besondere deutsche Pointe, daß die wegen ihrer kühlen Effektivität so arg gescholtenen Deutschen ausgerechnet gegen die Brasilianer, die der Welt stets die schöne Seite des Fußballs zu schenken imstande sind, ihre beste Leistung bei der WM zeigten. Stets war ein Kollektiv bestrebt, ein großes Gemeinschaftswerk mit alten, aber auch lange verschütteten Fähigkeiten zu vollenden. Daß es möglich war, ist der vielleicht größte, wenn auch nicht belohnte WM-Erfolg der Deutschen.



Die Brasilianer setzten dem Teamwork made in Germany ihre famosen Einzelkräfte entgegen. Als Mannschaft machten sie weit weniger aus ihren Fähigkeiten als die deutschen Herausforderer. Der Rekordweltmeister lieferte nicht den spielerisch schlagenden Beweis von kollektiver Ausnahmeklasse, jedoch die Bestätigung, daß Ausnahmekönner wie Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho den Unterschied in jedem Spiel zu machen verstehen - das ist viel wert für den Fußball, der bei der WM schon bang fürchtete, alles Talent müsse sich der Organisation unterordnen.



Der fünfte brasilianische Titel ist daher vor allem verdienter Lohn für ihren weltmeisterlichen Auftritt, an den auf Dauer kein anderer heranreichte. Und er ist eine ganz persönliche Belohnung für einen Spieler wie Ronaldo, der dem Fußball weiter seine Magie verleiht.
 
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