Stich ins Hornissennest von al-Qaida
Von Yassin Musharbash
Mit schweren Luftangriffen haben die USA mutmaßliche Verstecke der somalischen Qaida-Filiale überzogen. Unter den Toten sind möglicherweise regionale Größen des Terrornetzwerks und Drahtzieher der Anschläge von Nairobi und Darressalam.
Berlin - Die Luftangriffe, ausgeführt von AC-130 Kampfflugzeugen der US-Luftwaffe, trafen Ziele im Süden Somalias, nahe der kenianischen Grenze. "Der Angriff wurde ausgeführt, nachdem bestätigt worden war, dass sich Qaida-Mitglieder in dieser Region befinden", erklärte Abdirahman Dinarider, Sprecher der somalischen Regierung, die den USA Informationen zur Verfügung gestellt hatte. Auch kenianische und äthiopische Geheimdienste lieferten Hinweise, berichtet die "Washington Post", ebenso kam Material von der CIA.
Die Operation soll zahlreiche Tote gefordert haben. Und wenn sie so erfolgreich war, die US-Quellen und somalische Ofiizielle zurstunde glauben, dann könnten unter den Opfern zwei lang gesuchte Terroristen gewesen sein: Zum einen Abu Talha al-Sudani, ein Sudanese, der seit 1993 mit einer Somalierin verheiratet ist und in dem Land lebt. Laut "Washington Post" wurde al-Sudani in einem Gerichtsverfahren gegen Osama Bin Laden aus dem Jahre 2001 von einem Zeugen als ein Sprengstoffexperte mit engen Beziehungen zum Qaida-Gründer beschrieben.
Und zum anderen Fazul Abdullah Mohammed, Bürger der Komoren, und mutmaßlich einer der Organisatoren der Terroranschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998, bei denen über 220 Menschen ums Leben kamen, und die als Qaida-Operation gelten. Jüngsten Agenturmeldungen zufolge wurde Mohammeds Tod mittlerweile bestätigt. Sudani gilt im Zusammenhang mit den Botschaftsattentaten als möglicher Finanzier.
Erst kürzlich, berichtet die "Washington Post", sei al-Sudani von US-Geheimdiensten zudem als enger Kampfgefährte von Gouled Hassan Dourad ausgemacht worden, der wiederum ein islamistisches Netzwerk in Somalia anführte, das al-Qaida unterstützte. Dourad sitzt heute in Guantanamo Bay ein, wohin er im September aus einer so genannten "Black Site" der CIA, einem unbekannten Verwahrungsort, gebracht worden war.
Paradebeispiel für den "Krieg gegen den Terrorismus"
Der US-Luftschlag war die erste offizielle Aktion der Vereinigten Staaten in Somalia seit 1993 - jenem Jahr, in dem eine US-Invasion in Mogadischu am heftigen Widerstand lokaler Kämpfer scheiterte. 18 US-Soldaten kamen in einer dramatischen Schlacht ums Leben. Der damalige US-Präsident Bill Clinton ließ die Truppen im März 1994 abziehen - ein Vorgang, den al-Qaida und die lokalen Milizen als Triumph über die Weltmacht werteten.
Wegen des damaligen Fehlschlags gilt Somalia als Trauma für die US-Armee. Die Leichen einiger der damals getöteten Soldaten wurden in einem grausamen Akt durch die Straßen von Mogadischu geschleift und geschändet.
Doch der aktuelle Luftangriff bedeutet wohl nicht, dass die USA erneut an eine Bodenoffensive in dem Land denken. "Einige Figuren bewegten sich gerade durch ein ziemlich unbesiedeltes Gebiet des Landes", zitiert die "Washington Post" eine anonyme US-Quelle. "(Die Operation) basierte auf einem Zusammentreffen von Information und Gelegenheit." Mit anderen Worten: Der Luftschlag ist eher ein Paradebeispiel für die Umsetzung der nach dem 11. September 2001 beschlossenen US-Doktrin, Terroristen immer dort zu anzugreifen und zu töten, wo es möglich ist.
Die Operation ist deshalb am besten als eine Schlacht im "Krieg gegen den internationalen Terrorismus" zu verstehen, nicht etwa als Einmischung in somalische Angelegenheiten. Sie ist in diesem Sinne zum Beispiel vergleichbar mit der Tötung eines Qaida-Kaders im Jemen durch eine Drohne 2002 oder dem versuch, Bin Ladens Stellvertreter Aiman al-Sawahiri vor wenigen Monaten in Pakistan in einem vermuteten Versteck ebenfalls per Drohne auszuschalten.
Al-Qaidas Afrikapläne
Allerdings gibt es durchaus einen Zusammenhang zu den jüngsten Entwicklungen in dem bitterarmen Land: Erst zur Jahreswende war es Regierungstruppen im Verbund mit äthiopischen Einheiten gelungen, die islamistischen Milizen, die die Macht in weiten Teilen des Landes übernommen hatten, zu vertreiben. Seitdem bestand allseits die Sorge, einige Terroristen, die mit ihnen kooperiert hatten, könnten das Land verlassen, um anderswo Unterschlupf zu finden.
Ostafrika und insbesondere Somalia steht bei al-Qaida & Co. schon seit langem hoch im Kurs. Zeitweise lebte Osama Bin Laden hier. Erst kürzlich hatte Aiman al-Sawahiri angekündigt, Somalia zum Schlachtfeld zu machen. Seit der Entmachtung von Präsident Siad Barre 1991 gibt es in Somalia praktisch keine durchsetzungsfähige Regierung mehr, das macht das Land für Terroristen attraktiv.
Wie attraktiv, das geht zum Beispiel aus einem Strategiepapier hervor, das ein gewisser Abu Azzam al-Ansari kürzlich verfasste, und in dem sich der Terrorunterstützer mit den Perspektiven der Mudschahidin in Afrika beschäftigt. Der israelische Terrorexperte Reuven Paz hat das Dokument analysiert und zugänglich gemacht.
Unter anderem heißt es darin, dass "Afrika eine noch nicht ausgebeutete Goldmine für al-Qaida" sei. Weite Regionen des Kontinents böten sich geradezu an: In armen Landstrichen könnten die Mudschahidin durch Wohltätigkeitsorganisationen Unterstzer finden, Krisen und onflikte erlaubten unbeobachtete Grenzübergänge, Waffen seien überall einfach erhältlich. Besonders hervorgehoben werden Ägypten, Algerien, Sudan, Somalia, Eritrea, Mauretanien, Marokko, Libyen und der Tschad.
Terrorforscher Paz warnt zudem vor der Möglichkeit, al-Qaida oder verwandte Organisationen könnten sich mit Piraten zusammentun und maritimen Terrorismus ausüben. Um eben dies zu verhindern, ist unter anderem die deutsche Marine am Horn von Afrika auf Patrouille.
Die US-Angriffe sollen letzten Berichten zufolge um die 30 Toten gefordert haben. Ihre Identitäten sind noch ungeklärt. Sollten einige der gesuchten und nachweislich auf Terror fixierten Personen darunter sein, wäre die Operation ein veritabler Schlag gegen den internationalen Terrorismus.
Es ist zwar in den meisten Fällen unklar, wie belastbar die Beziehungen von Figuren wie al-Sudani zu den Resten der Führung der al-Qaida sind. Wenn sie aber nachweislich auf den Kurs und die Ideologie von bin Laden und Sawahiri eingeschworen sind, dann sind sie auch so brandgefährlich.
www.spiegel.de
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,458513,00.htmlhttp://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,458513,00.html
Von Yassin Musharbash
Mit schweren Luftangriffen haben die USA mutmaßliche Verstecke der somalischen Qaida-Filiale überzogen. Unter den Toten sind möglicherweise regionale Größen des Terrornetzwerks und Drahtzieher der Anschläge von Nairobi und Darressalam.
Berlin - Die Luftangriffe, ausgeführt von AC-130 Kampfflugzeugen der US-Luftwaffe, trafen Ziele im Süden Somalias, nahe der kenianischen Grenze. "Der Angriff wurde ausgeführt, nachdem bestätigt worden war, dass sich Qaida-Mitglieder in dieser Region befinden", erklärte Abdirahman Dinarider, Sprecher der somalischen Regierung, die den USA Informationen zur Verfügung gestellt hatte. Auch kenianische und äthiopische Geheimdienste lieferten Hinweise, berichtet die "Washington Post", ebenso kam Material von der CIA.
Die Operation soll zahlreiche Tote gefordert haben. Und wenn sie so erfolgreich war, die US-Quellen und somalische Ofiizielle zurstunde glauben, dann könnten unter den Opfern zwei lang gesuchte Terroristen gewesen sein: Zum einen Abu Talha al-Sudani, ein Sudanese, der seit 1993 mit einer Somalierin verheiratet ist und in dem Land lebt. Laut "Washington Post" wurde al-Sudani in einem Gerichtsverfahren gegen Osama Bin Laden aus dem Jahre 2001 von einem Zeugen als ein Sprengstoffexperte mit engen Beziehungen zum Qaida-Gründer beschrieben.
Und zum anderen Fazul Abdullah Mohammed, Bürger der Komoren, und mutmaßlich einer der Organisatoren der Terroranschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998, bei denen über 220 Menschen ums Leben kamen, und die als Qaida-Operation gelten. Jüngsten Agenturmeldungen zufolge wurde Mohammeds Tod mittlerweile bestätigt. Sudani gilt im Zusammenhang mit den Botschaftsattentaten als möglicher Finanzier.
Erst kürzlich, berichtet die "Washington Post", sei al-Sudani von US-Geheimdiensten zudem als enger Kampfgefährte von Gouled Hassan Dourad ausgemacht worden, der wiederum ein islamistisches Netzwerk in Somalia anführte, das al-Qaida unterstützte. Dourad sitzt heute in Guantanamo Bay ein, wohin er im September aus einer so genannten "Black Site" der CIA, einem unbekannten Verwahrungsort, gebracht worden war.
Paradebeispiel für den "Krieg gegen den Terrorismus"
Der US-Luftschlag war die erste offizielle Aktion der Vereinigten Staaten in Somalia seit 1993 - jenem Jahr, in dem eine US-Invasion in Mogadischu am heftigen Widerstand lokaler Kämpfer scheiterte. 18 US-Soldaten kamen in einer dramatischen Schlacht ums Leben. Der damalige US-Präsident Bill Clinton ließ die Truppen im März 1994 abziehen - ein Vorgang, den al-Qaida und die lokalen Milizen als Triumph über die Weltmacht werteten.
Wegen des damaligen Fehlschlags gilt Somalia als Trauma für die US-Armee. Die Leichen einiger der damals getöteten Soldaten wurden in einem grausamen Akt durch die Straßen von Mogadischu geschleift und geschändet.
Doch der aktuelle Luftangriff bedeutet wohl nicht, dass die USA erneut an eine Bodenoffensive in dem Land denken. "Einige Figuren bewegten sich gerade durch ein ziemlich unbesiedeltes Gebiet des Landes", zitiert die "Washington Post" eine anonyme US-Quelle. "(Die Operation) basierte auf einem Zusammentreffen von Information und Gelegenheit." Mit anderen Worten: Der Luftschlag ist eher ein Paradebeispiel für die Umsetzung der nach dem 11. September 2001 beschlossenen US-Doktrin, Terroristen immer dort zu anzugreifen und zu töten, wo es möglich ist.
Die Operation ist deshalb am besten als eine Schlacht im "Krieg gegen den internationalen Terrorismus" zu verstehen, nicht etwa als Einmischung in somalische Angelegenheiten. Sie ist in diesem Sinne zum Beispiel vergleichbar mit der Tötung eines Qaida-Kaders im Jemen durch eine Drohne 2002 oder dem versuch, Bin Ladens Stellvertreter Aiman al-Sawahiri vor wenigen Monaten in Pakistan in einem vermuteten Versteck ebenfalls per Drohne auszuschalten.
Al-Qaidas Afrikapläne
Allerdings gibt es durchaus einen Zusammenhang zu den jüngsten Entwicklungen in dem bitterarmen Land: Erst zur Jahreswende war es Regierungstruppen im Verbund mit äthiopischen Einheiten gelungen, die islamistischen Milizen, die die Macht in weiten Teilen des Landes übernommen hatten, zu vertreiben. Seitdem bestand allseits die Sorge, einige Terroristen, die mit ihnen kooperiert hatten, könnten das Land verlassen, um anderswo Unterschlupf zu finden.
Ostafrika und insbesondere Somalia steht bei al-Qaida & Co. schon seit langem hoch im Kurs. Zeitweise lebte Osama Bin Laden hier. Erst kürzlich hatte Aiman al-Sawahiri angekündigt, Somalia zum Schlachtfeld zu machen. Seit der Entmachtung von Präsident Siad Barre 1991 gibt es in Somalia praktisch keine durchsetzungsfähige Regierung mehr, das macht das Land für Terroristen attraktiv.
Wie attraktiv, das geht zum Beispiel aus einem Strategiepapier hervor, das ein gewisser Abu Azzam al-Ansari kürzlich verfasste, und in dem sich der Terrorunterstützer mit den Perspektiven der Mudschahidin in Afrika beschäftigt. Der israelische Terrorexperte Reuven Paz hat das Dokument analysiert und zugänglich gemacht.
Unter anderem heißt es darin, dass "Afrika eine noch nicht ausgebeutete Goldmine für al-Qaida" sei. Weite Regionen des Kontinents böten sich geradezu an: In armen Landstrichen könnten die Mudschahidin durch Wohltätigkeitsorganisationen Unterstzer finden, Krisen und onflikte erlaubten unbeobachtete Grenzübergänge, Waffen seien überall einfach erhältlich. Besonders hervorgehoben werden Ägypten, Algerien, Sudan, Somalia, Eritrea, Mauretanien, Marokko, Libyen und der Tschad.
Terrorforscher Paz warnt zudem vor der Möglichkeit, al-Qaida oder verwandte Organisationen könnten sich mit Piraten zusammentun und maritimen Terrorismus ausüben. Um eben dies zu verhindern, ist unter anderem die deutsche Marine am Horn von Afrika auf Patrouille.
Die US-Angriffe sollen letzten Berichten zufolge um die 30 Toten gefordert haben. Ihre Identitäten sind noch ungeklärt. Sollten einige der gesuchten und nachweislich auf Terror fixierten Personen darunter sein, wäre die Operation ein veritabler Schlag gegen den internationalen Terrorismus.
Es ist zwar in den meisten Fällen unklar, wie belastbar die Beziehungen von Figuren wie al-Sudani zu den Resten der Führung der al-Qaida sind. Wenn sie aber nachweislich auf den Kurs und die Ideologie von bin Laden und Sawahiri eingeschworen sind, dann sind sie auch so brandgefährlich.
www.spiegel.de
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,458513,00.htmlhttp://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,458513,00.html