Vietnam
Die Gezeichneten
Seine Augen starren ins Leere, sein Oberkörper zuckt hin und her, Tan stöhnt vor Schmerzen. Vor mehr als 40 Jahren geriet sein Vater in einen Agent-Orange-Nebel, den die US-Luftwaffe versprühte, um die Vietcong zu besiegen. In Vietnam leiden noch heute Millionen Menschen an den Folgen des giftigen Entlaubungsmittels.
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Er hat es satt, als Opfer gesehen zu werden. Die Leute sollen endlich begreifen, was er kann, nicht nur seine Mängel sehen. Er braucht kein Mitleid, er hat zwei Diplome der Musikhochschule Hanoi in der Tasche, er beherrscht perfekt das Klavierspiel und musiziert auf der vietnamesischen Zither. Er hat schon in Paris und Aachen Konzerte gegeben und das Beethovenhaus in Bonn besucht. "Manchmal verstehe ich die Sehenden nicht", sagt Tung, und während er redet, kreisen seine Hände in der Luft, führen seine Finger Pirouetten aus - als würde er ein Orchester dirigieren. "Mein Leben ist wunderbar!" Aus einer Ecke der Wohnung kommt ein leises Rascheln und Stöhnen. Tung lächelt nicht mehr.
Er steht auf, tastet sich durch das winzige Wohnzimmer am Stadtrand von Hanoi. Langsam schiebt er sich vorbei an Stapeln mit Büchern und CDs, den Regalen mit Vasen mit verstaubten Plastikblumen und dem rostigen Gewehr, mit dem sein Großvater die Franzosen bekämpfte. Er drückt sich am Klavier entlang, bis sein Bein an ein Bettgestell stößt. Tung bückt sich, seine Finger wandern über Bambuslatten, suchen die Schwester. Er streichelt ihr das Gesicht, massiert die Kopfhaut. Seine ältere Schwester liegt da, mit verrenkten Gliedern, und knirscht mit den Zähnen. Sie hat die Augen weit aufgerissen, Speichel tropft aus ihrem Mund. "In ihrem Kopf sind die Dinge durcheinander", sagt Tung. Aber nicht nur das. Thuy ist geistig und körperlich behindert, stumm, blind und leidet an Polio. Seit 33 Jahren liegt sie meist auf dieser Pritsche, eine Frau, die aussieht wie ein achtjähriges Mädchen.
Tungs Vater, Nguyen Thanh Son, stellt sich neben seinen Sohn ans Bett und lächelt stumm auf seine Kinder herab. Ein kleiner Mann mit nach hinten gekämmtem Haar und Ho-Chi-Minh-Bart. 1965, mit achtzehn Jahren, zog er in das Gemetzel, das sie in Vietnam nur den amerikanischen Krieg nennen. Am siebzehnten Breitengrad, der Demarkationslinie, die das Land in Nord- und Südvietnam teilte, überfiel Sons Kompanie US-Patrouillen und südvietnamesische Stellungen, anschließend versteckten sie sich wieder im undurchdringlichen Dschungel. "Hunderte fielen in blutigen Gefechten", erzählt Son, gießt bitteren Tee in kleine Schalen und zeigt auf eine Tätowierung, die ihm ein Kamerad unter Beschuss gestochen hat. "Song Tran Nghia" steht auf seinem Unterarm: Lebe von ganzem Herzen.
Das Leben eines vietnamesischen Soldaten war kurz, im Schnitt ein paar Wochen oder Monate. Zuerst regnete es Mörser, Granaten und Napalm auf die Verstecke im Dschungel. "Dann sahen wir die Flugzeuge, aus denen weiße Wolken kamen", erzählt Son. Die Soldaten bekamen Gesichtsmasken ausgehändigt, wie Schwestern sie in Krankenhäusern tragen, und pressten sie auf Mund und Nase, bis die Flugzeuge verschwanden. So hatten es ihre Vorgesetzten ihnen eingetrichtert. Versehen mit der Warnung, dass die US-Armee Gift einsetze. Aber niemand wusste, was da genau vom Himmel fiel. Die Bäume und Sträucher verloren zwar ihre Blätter, aber Son und seine Kameraden füllten weiterhin Wasser aus Bächen und Bombenkratern in ihre Feldflaschen, aßen Maniok, Baumrinde oder Dschungel-Pflanzen mit ihrer Reissuppe.
1975 kehrte Nguyen Thanh Son heim in die Hauptstadt Hanoi. Er wollte heiraten, studieren - was man sich so vornimmt, wenn das Leben offen vor einem liegt. Er ahnte damals nicht, dass der Krieg für ihn nie enden würde, dass er sich festgefressen hat in seinen Genen. Die Familie habe Glück gehabt mit einem Sohn mit scharfem Verstand, unbändigem Willen und diesem Talent für Musik, sagt der Vater.
Vielen anderen habe das Schicksal nicht so zugelächelt. Daher wünsche er sich, dass die USA endlich ihre Schuld anerkennen und Entschädigungen an die Opfer zahlen - um die Not wenigstens ein bisschen zu lindern. "Wir Vietnamesen mussten immer hart für unser Recht kämpfen - aber am Ende haben wir trotzdem gewonnen." Tung hört seinem Vater aufmerksam zu und als dieser mit seinen Erzählungen zu Ende ist, steht Tung auf, geht ans Klavier und spielt Beethovens Mondscheinsonate.
Und für einen kurzen Augenblick verwandelt sich das Bambusgestell in eine Bühne und das winzige Wohnzimmer in einen Konzertsaal; eine Solovorstellung für einen alten Veteran und eine behinderte Frau, die nun zufrieden gluckst und strampelt.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=1874719&http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=1874719&