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Schulden immer höher, Schuldner immer jünger

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Schulden immer höher, Schuldner immer jünger



Von Antonius Kempmann



Teurer Spaß: Viele Jugendliche haben ihre Handyrechnung nicht unter Kontrolle

18. August 2006

Eigentlich dürfte es sie laut Gesetz gar nicht geben: jugendliche Schuldner. Trotzdem sprechen Schuldnerberatungen in ganz Frankfurt von der wachsenden Zahl bankrotter Minderjähriger. „Trotz ihres besonderen gesetzlichen Status schließen die Jugendlichen Verträge ab und geraten in Schuldverhältnisse“, berichtet Martin Trautwein, Rechtsanwalt und Schuldnerberater bei der Caritas. Die Jugendlichen würden oft Opfer aggressiver Marketingstrategien und komplizierter Kostenabrechnungen, sagt Claudia Kurzbuch von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Viele Jugendliche verlören bei den Ausgaben für Internetprovider, bei Handy-Verträgen oder Klingeltonabonnements die Übersicht. Die böse Überraschung folge, wenn die Rechnungen ins Haus kämen. „Handyschulden stehen an erster Stelle“, sagt Kurzbuch.



Und das, obwohl Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres eigentlich besonderen gesetzlichen Schutz bei Rechtsgeschäften genießen. Jugendliche dürfen laut Bürgerlichem Gesetzbuch nur solche Geschäfte abschließen, die sie mit Taschengeld oder anderen ihnen zur Verfügung gestellten Mitteln tätigen können und die sie nicht längerfristig verpflichten. „Alle anderen Geschäfte von Jugendlichen sind schwebend unwirksam“, erklärt Trautwein. Die Eltern könnten also die Schulden ihrer Kinder einfach abweisen und sich auf beschränkte Geschäftsfähigkeit des Jugendlichen berufen. Viele wüßten das jedoch nicht. Diese Unwissenheit werde von Firmen und Inkassounternehmen ausgenutzt.



„Schuldenmachen schon früher erlernt“



Wie viele Jugendliche von Verschuldung betroffen sind, wird unterschiedlich eingeschätzt. Eine von der Schufa und den Mobilfunkanbietern in Auftrag gegebene Studie sah 2005 sechs Prozent der Jugendlichen als verschuldet an. Das hessische Sozialministerium geht davon aus, daß sogar zwölf Prozent der Jugendlichen verschuldet sind. Die Beratungsstellen beklagen, daß nur sehr wenige Jugendliche in Geldnot sie aufsuchten. Viele scheuten davor zurück, ihren Eltern von der Verschuldung zu erzählen und sie mitzubringen. Dies sei aber Voraussetzung zur Berastung. Statt dessen werde versucht, die Tilgung der Schulden durch private Kanäle wie Freunde oder Verwandte zu organisieren.



Ronald Kupferer von der Städtischen Schuldnerberatung Frankfurt spricht infolgedessen vom „Nachbrenneffekt“: „Zu uns kommen die jungen Leute dann, wenn sie schon mündig sind und in ihrem Umfeld hohe Schulden angehäuft haben“, so Kupferer, „das Schuldenmachen haben die jungen Erwachsenen schon früher erlernt.“



Vernünftiger Umgang mit Geld wird nicht vorgelebt



Diese Einschätzung teilt auch Claudia Kurzbuch: „Junge Erwachsene sind mittlerweile die gewohnte Klientel bei Schuldnerberatungen.“ Diese kämen oft mit bereits erheblichen Rückständen in die Beratungsstellen. „Die Familien versagen“, sagt Kurzbuch. Weil auch bei den Erwachsenen die Geldbeutel leerer würden und die Verschuldung sprunghaft ansteige, werde der vernünftige Umgang mit Geld oft nicht mehr vorgelebt. Diese Lücke versuchen Schuldnerberatungen seit einigen Jahren durch Präventionsarbeit in Schulen zu schließen. „Über Schulden mit den Kindern und Jugendlichen zu reden ist aber schwieriger als über Sex“, sagt Annegret Hendricks von der Schuldnerberatung Frankfurt Ost, die aufklärende Workshops in Schulen veranstaltet. Geldmangel sei ein Tabuthema für viele, der Besitz von Wertgegenständen wie neuen Mobiltelefonen oder MP3-Abspielgeräten oft ein Statussymbol.



Die Stadt Frankfurt versucht mit dem Internetportal www.boesefalle.de die jugendlichen Schuldner zu erreichen. Dort gibt es Hinweise zur Rechtsberatung und Jugendgerichtshilfe des Jugendamtes sowie ein Glossar, das juristische Sachverhalte einfach erklärt. Ein anonymes Frageforum soll den Jugendlichen die Beratung ermöglichen, die sie von sich aus oft nicht in Anspruch nehmen.

Text: F.A.Z., 19.08.2006

Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
 
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