@Redcity: Chapeau!
Ich bin der gleichen Meinung und erlaube mir mal als Beipflichtung meinen Beitrag aus dem Stimmungsthread hierher zu kopieren
Im Grunde genommen sind diese Hasstiraden gegen eigene Spieler kein entsetzlicher, überraschender Einzelfall. Sie spiegeln nur den Zeitgeist wieder, der sich unter vielen Fußballfans mittlerweile ausgebreitet hat.
Der Verein, die Kurve, Lakic als Opfer - alle drei Variablen sind im Grunde genommen austauschbar. die Ursache für diese Entwicklung ist eine gesamtgesellschaftliche und im Bereich der Fankurven drückt sie sich in meinen Augen in vier Worten aus:
"Gegen den modernen Fußball"
Was das eigentlich heißt, welche sinnstiftende Bedeutung dieses Statement haben soll, das können wahrscheinlich die wenigsten, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, argumentativ und vor allem sinnvoll begründen.
Gängig sind als Antwort die Thesen "gegen den Ausverkauf von Stadionnamen" oder "Gegen Söldnertum", "gegen das (Bezahl-)Fernsehen" oder auch "für fangerechte Anstoßzeiten".
Das ist soweit alles schön und gut. Nur ist offenbar den Wenigsten unter denjenigen, die diese Thesen lauthals vertreten und sich als Ultra oder Allesfahrer verstehen, bewusst, dass sie selber Teil dieser Entwicklung sind und diese mit ihrem Verhalten begünstigen.
Warum?
Den Fußball, den sich diese Leute so plakativ zurückwünschen, würden sie sich heute selbst gar nicht mehr anschauen wollen, ohne zu pfeifen. Der Fußball der 70er und 80er Jahre, das waren unüberdachte Stadien, Spiele vor 13.000 Zuschauern mit Nieselregen, schlechter Bratwurst und Schlägereien am Bahnhof.
Das war speziell im Bezug auf den FCK Dauerabstiegskampf mit einigen wenigen Ausreißern nach oben. Und das war auch im Bezug auf die Spieler der oftmalige Abgang von Leistungsträgern an Vereine, die mehr bezahlen konnten als Kaiserslautern.
Heute will man das nicht mehr. Man will überdachte Stadien mit guter Sicht, man will eine gute Auswahl an Speisen und Getränken. Im Fernsehen möchte mans live sehen, am besten noch als Konferenz.
Und - ganz wichtig: Man möchte unterhalten werden, abgelenkt werden vom Arbeitsalltag unter der Woche. Und wehe diese Unterhaltung wird nicht geboten. Schließlich hat man für Karte, Essen und Benzin sein sauer verdientes Geld ausgegeben. Also möchte man bitteschön Leistung sehen und keine Fehler - wo kämen wir denn hin!
Und das Recht über die alleinige (moralische) Deutungshoheit über die Geschehnisse auf dem Rasen, das dürfen sich dann auch diejenigen rausnehmen, die "für den Verein ihr letztes Hemd" geben würden, die "Bedingungslose Unterstützung" bieten.
Dumm nur und entlarvend für sie, dass sich diese "bedingungslose Unterstützung" für den Verein nicht auf Logos im Retro-Look, eigene Fankleidung und Saufen beschränkt.
Sie erzählen was von Loyalität, Treue und Solidarität - und werfen diese hohen Maßstäbe, die sie für sich in Anspruch nehmen, genau in dem Moment über Bord, in dem der wechselwillige Spieler der eigenen Mannschaft anfängt, Fehler zu machen, weil er ein Mensch ist und Schwächen zeigt.
Ab diesem Moment ist es vorbei mit den menschlichen und moralischen Werten, die der altmodische Fußball bot und nachdem sie sich so sehnen. Wie war das noch gleich? Achja - "Gegen den modernen Fußball".
Der EIGENE MANN wird zum Abschuss frei gegeben. Nicht etwa weil sein Abgang nach der Saison schlecht für den Verein ist, sondern weil sich in ihm die Gefährdung der Samstag-Nachmittag-Unterhaltung manifiestiert.
Er funktioniert nicht mehr - also kann er gehen.
Aber das kennen wir ja irgendwo her. Richtig - aus dem normalen Leben. Wir wollen im Fernsehen 400 Kanäle, wir wollen 24/7 Online-Versand, wir wollen Supermärkte, die bis Mitternacht offen haben, wir wollen das neuste Handy mit 3000 Pixel-Kamera.
Und wehe irgendetwas davon fällt aus oder funktioniert nicht. Dann sind wir sauer und kaufen uns eben das Produkt, dass unsere Bedürfnisse befriedigt.
Insofern sind genau diese Leute ein Ausdruck von hochgradiger Schizophrenie. Der Fußballer auf dem Platz wird entmenschlicht. Anwendung auf seine Person finden die hochtrabenden Maßstäbe nur dann, wenn man im Sinne der eigenen Bedürfnisbefriedigung davon profititert.
Sobald diese nicht mehr gegeben ist, ist Schluß mit Lustig. Dass man sich dabei hochgradig widerspricht ist nicht wichtig - denn schließlich fährt man 2.000 Km zu jedem Spiel und bezahlt für das Produkt, das man da geboten bekommt, als dann auch bitteschön keine Sachmängel!
Insofern ist dieses ganze Geschwätz von Tradition und verlorenen Werten nur eins: eine hohle Phrase. Und dass dem so ist, haben diese Leute am Samstag eindrucksvoll gezeigt.
Denn nicht durch das Fernsehen oder irgendwelche Konzerne wird der Fußball(er) entmenschlicht, sondern durch solche Gestalten auf den Tribünen. SIE sind der moderne Fußball und merken's nicht mal.
Denn das Spiel ist immernoch dasselbe wie vor 30 Jahren. Nur die Menschen sind es nicht mehr.
Gute Besserung.