Klingenstädter
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MEDIZIN
<span>Fehler in der Himmelsfabrik</span>
Von Beate Lakotta
Transsexuelle haben schon als Kind das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. Doch ab welchem Alter sollen sie ihr Geschlecht wechseln dürfen? Als weltweit jüngster Patient bekam ein Zwölfjähriger Hormone.
Kim P. ist 14 Jahre alt. Sie trägt leichten Lidschatten, ein bauchfreies Top mit Schleifen und bestickte Jeans. Erzählt sie von ihrem Traum, später mal als Modemacherin nach Paris zu gehen, ringelt sie ihr langes Haar um die Finger. Ihr Zimmer unter dem Dach des Einfamilienhauses: ein Mädchenparadies in Rosa, darin Modezeitschriften, Schminktischchen, Nähmaschine und sogar eine eigene Schaufensterpuppe.
Sie hat genug von Psychiatern, die ihr merkwürdige Fragen stellen. Sie hat genug von Ärzten, die ihre Behandlung ablehnen, weil dieses Mädchen, das in der Patientenkartei einmal "Tim" hieß, in ihren Augen etwas zutiefst Verstörendes hat.
Als Junge kam sie zur Welt: Körper, Chromosomen, Hormone - alles eindeutig männlich. Nur sie selbst fühlte sich anders. Für Kim war von Anfang an klar: "Ich bin im falschen Körper gelandet."
Mit zwei Jahren zog Tim die Kleider seiner älteren Schwestern an, spielte mit Barbies und sagte: "Ich bin ein Mädchen." Beim Metzger gab es Wurstscheiben für die süße Kleine. Die Eltern dachten, es gehe vorüber. Schließlich durchleben viele Kinder solch eine Phase. Aber als der Vierjährige noch immer nach jedem Friseurbesuch heulte, als er voller Verzweiflung mit einer Schere in sein Zimmer rannte und schrie "Jetzt schneid ich mir das Ding ab", wurde den Eltern klar, wie ernst es war. Zu Hause hieß Tim fortan Kim.
Im Internet stießen die Eltern auf Geschichten von Männern und Frauen, die als Kinder auch im falschen Körper unglücklich gewesen waren, bis sie, meist als Erwachsene, nach ihrem Coming-out als Transsexuelle ihr Geschlecht gewechselt hatten. Ingenieurinnen und Juristen waren darunter, Künstler, Programmierer oder Lehrerinnen. Einmal im anderen Geschlecht angekommen, bedeutet das: ein Leben lang Hormone nehmen. In Deutschland sind derzeit etwa 6000 Transsexuelle in medizinischer Dauerbehandlung.
Die P.s hätten sich ein leichteres Schicksal für ihr Kind gewünscht, aber sie schöpften Mut. Sie lernten: Transsexualität hat nichts damit zu tun, ob man lieber mit Männern oder Frauen schläft, nichts mit Federboa oder Rotlicht, sondern mit Identität. Transsexuelle sind keine schrillen Vögel. Sie wollen das völlig normale Leben des anderen Geschlechts führen. Und sie versuchen alles, um ihren Körper mit Hormonen und Operationen dem gefühlten Geschlecht anzugleichen.
Vielleicht hätten die P.s mit ihrem Kind früher zum Psychiater gehen können, aber warum eigentlich? Kim trug die Haare erst vorn igelkurz und hinten lang. Mit acht hatte ihre Mittelscheitelfrisur nichts Jungenhaftes mehr. Sie spielte mit ihren Freundinnen Mädchenspiele, feierte Mädchengeburtstage und ging immer schon umgezogen zum Ballett. Nur in der Schule trug sie stets Hosen und nie Zöpfe. Die Lehrer lobten ihr vorbildliches Sozialverhalten, und wenn auf dem Schulhof mal blöde Sprüche kamen, "Transe" oder "Schwuler", dann ging sie einfach weg.
"Wir haben Kim immer als Mädchen gesehen, aber nicht als Problem", sagt der Vater. "Eigentlich war unser Leben erstaunlich normal."
Bis sich die Vorboten der Pubertät zeigten. Da war Kim zwölf. Als ihre Stimme morgens sonderbar belegt klang, stieg unbeschreibliche Panik in ihr hoch. Auf keinen Fall wollte sie einer dieser breitschultrigen Schränke werden, die später als Frau unmöglich aussehen, mit riesigen Händen und Bassstimme. Nur Hormone konnten nun verhindern, dass aus Kim gegen ihren Willen doch noch Tim werden würde. Die Zeit drängte.
Aber an wen sollte sich die Familie wenden? "Bei einem Herzfehler schickt jeder das Kind zum Spezialisten", sagt Kims Mutter. "Bei einem transsexuellen Kind hat jeder erst mal eine Meinung."
"Hormonbehandlung! Geschlechtsanpassung! Wie können Sie dem Kind so etwas antun?", herrscht der Kinderarzt den Vater in Kims Gegenwart an. Dann die Sitzungen in der psychiatrischen Landesklinik: hohe Räume, grün gestrichen, zahllose Fragebögen zum Ausfüllen, Kim muss Würfel sortieren. Im Wartezimmer denkt das Kind: Gehör ich jetzt ins Irrenhaus?
Das ganze bisherige Leben der Familie wird in Frage gestellt. "Sind Jungen in Ihrer Familie nicht willkommen?", wird die Mutter gefragt. Und: "Haben Sie schon mal daran gedacht, das Kind, anstatt es zu manipulieren, eine Zeitlang unter andere Menschen zu geben? Zum Beispiel in die geschlossene Abteilung unserer Kinderpsychiatrie."
"Was ist denn so schlimm daran, ein echter Kerl zu sein?", sagt der Arzt, selbst ein Kerl im weißen Kittel, zu Kim. "Hast du das schon mal versucht? Wie findest du deine Mutter? Warst du schon mal verliebt? In einen Jungen oder ein Mädchen? Magst du deinen Penis?"
Kim antwortet, so gut sie kann, ihr ist das peinlich. "Auf einmal kam so ein Gefühl: Ich bin schuld, da ist was Schmutziges."
Eine geradezu klassische Geschichte, findet Bernd Meyenburg: "Weil transsexuelle Entwicklungen extrem selten sind, hat kaum ein Jugendpsychiater Erfahrung damit. Die Familien irren von einem zum anderen" - bis sie irgendwann doch bei ihm landen oder bei den Kollegen der Universitätsklinik in Ulm oder Hamburg. Viel mehr Experten gibt es nicht in Deutschland. Meyenburg leitet die psychiatrische Spezialambulanz für Kinder und Jugendliche mit Identitätsstörungen an der Uni-Klinik in Frankfurt am Main.
Störungen der Geschlechtsidentität kommen bei Kindern gar nicht so selten vor, und oft zeigen sie sich, sobald ein Kind seine ersten Worte spricht. Bei einem Viertel dieser Kinder legt sich das jedoch wieder. Die meisten anderen werden irgendwann homosexuell. Nur für etwa zwei bis zehn Prozent bedeutet es den Einstieg in die Transsexualität.
Das Problem ist die Prognose: Es ist unmöglich, etwa per Hormonspiegel oder Computertomografie festzustellen, ob ein Mensch transsexuell ist oder nicht. Die Diagnose beruht ganz allein darauf, wie dauerhaft und überzeugend jemand in seinem gewünschten Geschlecht auftritt. Bei Erwachsenen verlangen die medizinischen Standards vor dem Beginn der Hormonbehandlung jahrelange Psychotherapie und einen Alltagstest. Bei Pubertierenden bleibt dafür nicht viel Zeit.
Dürfen Ärzte auf den bloßen Wunsch eines Teenagers der Natur derart ins Handwerk pfuschen? Kann nicht gerade die Pubertät noch alles ändern? Was, wenn das Ganze sich später als Fehlentscheidung herausstellt? Meyenburg beobachtet mit gemischten Gefühlen, dass derzeit immer mehr und immer jüngere Patienten ihn bedrängen.
"Rein medizinisch handelt es sich immerhin um die Verstümmelung eines biologisch gesunden Körpers", gibt Meyenburg zu bedenken. "Wir sind in einem echten Dilemma: Wenn wir etwas machen, geschieht etwas Unumkehrbares. Wenn wir der Natur ihren Lauf lassen, auch."
"Bei Kim", findet Meyenburg allerdings, "wäre es ein ziemliches Verbrechen gewesen, sie zum Mann auswachsen zu lassen. Es gibt aber nicht viele, bei denen das so eindeutig ist." Viel Erfahrung gehört dazu, eine vorübergehende Störung der Geschlechtsidentität von "echter" Transsexualität zu unterscheiden. Neulich lernte Meyenburg eine 15-Jährige kennen, die keine Frau sein wollte. Es dauerte, bis er herausbekam, dass ihr Vater sie brutal missbraucht hatte, als sie sieben war. Dieses Trauma hatte in ihr zwar eine tiefe Identitätsstörung hervorgerufen, aber doch keine transsexuelle Entwicklung: Am Ende entschied sich das Mädchen gegen die angebotene Geschlechtsumwandlung.
"Eine Psychotherapie", findet Meyenburg auch aufgrund solcher Erfahrungen, "ist immer einen Versuch wert - nicht, weil es an sich schlecht wäre, transsexuell zu sein, sondern weil es wohl doch leichter ist, als effeminierter Tangolehrer zu leben als als umoperierter." Geht die Reise aber weiter in Richtung Geschlechtsumwandlung, können die meisten Jugendlichen ebenfalls therapeutische Rückendeckung gebrauchen: "Es gibt ja auch Eltern, die versuchen, das aus ihren Kindern rauszuprügeln."
Meyenburg beschäftigt sich seit den siebziger Jahren mit Transsexualität. Damals glaubte die orthodoxe Psychiatrie, ungünstige soziale Umstände - sprich: die Eltern - seien schuld daran, wenn ein Mensch nicht in seinem biologischen Geschlecht leben will: beherrschende Mütter, abwesende Väter, psychisch kranke Eltern, die nicht als Rollenvorbilder taugten, verdrängte Angst vor Homosexualität. Die New Yorker Psychoanalytikerin Susan Coates glaubt festgestellt zu haben, dass erste Gehversuche in Mutters Stöckelschuhen bei kleinen Jungen oft in eine Zeit fallen, in der die Mutter depressiv und deshalb für sie emotional nicht erreichbar ist. Statt "Mami zu haben", versuche das Kind dann, "Mami zu sein", um seine Trennungsangst abzuwehren, meint Coates.
Auch Meyenburg war lange davon überzeugt, Transsexualismus sei die Folge schwerer psychischer Traumata in der Kindheit. "Andererseits", sagt er heute: "Depressionen bei Müttern sind so selten nicht. Müsste es da nicht viel mehr Transsexuelle geben?" Und noch etwas gibt Meyenburg zu denken: "Es gibt Kinder, in deren Elternbeziehung können Sie noch so lange herumbohren, da finden Sie nichts. Oft sind es sehr nette, normale, sympathische Eltern."
Das bio-psychologische Programm für die Geschlechtsentwicklung des Menschen ist ziemlich kompliziert. Wenn dabei etwas schiefgeht, kommen andere damit oft schwer zurecht - ganz besonders die Medizin möchte Ordnung schaffen: Welches Geschlecht ist denn nun das richtige?
Entwicklungspsychologen glaubten lange, Kinder würden als psychisches Neutrum geboren. Zu welchem Geschlecht sich ein Mensch zugehörig fühle, sei das Ergebnis sozialer Prägung.
<span>Fehler in der Himmelsfabrik</span>
Von Beate Lakotta
Transsexuelle haben schon als Kind das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. Doch ab welchem Alter sollen sie ihr Geschlecht wechseln dürfen? Als weltweit jüngster Patient bekam ein Zwölfjähriger Hormone.
Kim P. ist 14 Jahre alt. Sie trägt leichten Lidschatten, ein bauchfreies Top mit Schleifen und bestickte Jeans. Erzählt sie von ihrem Traum, später mal als Modemacherin nach Paris zu gehen, ringelt sie ihr langes Haar um die Finger. Ihr Zimmer unter dem Dach des Einfamilienhauses: ein Mädchenparadies in Rosa, darin Modezeitschriften, Schminktischchen, Nähmaschine und sogar eine eigene Schaufensterpuppe.
Sie hat genug von Psychiatern, die ihr merkwürdige Fragen stellen. Sie hat genug von Ärzten, die ihre Behandlung ablehnen, weil dieses Mädchen, das in der Patientenkartei einmal "Tim" hieß, in ihren Augen etwas zutiefst Verstörendes hat.
Als Junge kam sie zur Welt: Körper, Chromosomen, Hormone - alles eindeutig männlich. Nur sie selbst fühlte sich anders. Für Kim war von Anfang an klar: "Ich bin im falschen Körper gelandet."
Mit zwei Jahren zog Tim die Kleider seiner älteren Schwestern an, spielte mit Barbies und sagte: "Ich bin ein Mädchen." Beim Metzger gab es Wurstscheiben für die süße Kleine. Die Eltern dachten, es gehe vorüber. Schließlich durchleben viele Kinder solch eine Phase. Aber als der Vierjährige noch immer nach jedem Friseurbesuch heulte, als er voller Verzweiflung mit einer Schere in sein Zimmer rannte und schrie "Jetzt schneid ich mir das Ding ab", wurde den Eltern klar, wie ernst es war. Zu Hause hieß Tim fortan Kim.
Im Internet stießen die Eltern auf Geschichten von Männern und Frauen, die als Kinder auch im falschen Körper unglücklich gewesen waren, bis sie, meist als Erwachsene, nach ihrem Coming-out als Transsexuelle ihr Geschlecht gewechselt hatten. Ingenieurinnen und Juristen waren darunter, Künstler, Programmierer oder Lehrerinnen. Einmal im anderen Geschlecht angekommen, bedeutet das: ein Leben lang Hormone nehmen. In Deutschland sind derzeit etwa 6000 Transsexuelle in medizinischer Dauerbehandlung.
Die P.s hätten sich ein leichteres Schicksal für ihr Kind gewünscht, aber sie schöpften Mut. Sie lernten: Transsexualität hat nichts damit zu tun, ob man lieber mit Männern oder Frauen schläft, nichts mit Federboa oder Rotlicht, sondern mit Identität. Transsexuelle sind keine schrillen Vögel. Sie wollen das völlig normale Leben des anderen Geschlechts führen. Und sie versuchen alles, um ihren Körper mit Hormonen und Operationen dem gefühlten Geschlecht anzugleichen.
Vielleicht hätten die P.s mit ihrem Kind früher zum Psychiater gehen können, aber warum eigentlich? Kim trug die Haare erst vorn igelkurz und hinten lang. Mit acht hatte ihre Mittelscheitelfrisur nichts Jungenhaftes mehr. Sie spielte mit ihren Freundinnen Mädchenspiele, feierte Mädchengeburtstage und ging immer schon umgezogen zum Ballett. Nur in der Schule trug sie stets Hosen und nie Zöpfe. Die Lehrer lobten ihr vorbildliches Sozialverhalten, und wenn auf dem Schulhof mal blöde Sprüche kamen, "Transe" oder "Schwuler", dann ging sie einfach weg.
"Wir haben Kim immer als Mädchen gesehen, aber nicht als Problem", sagt der Vater. "Eigentlich war unser Leben erstaunlich normal."
Bis sich die Vorboten der Pubertät zeigten. Da war Kim zwölf. Als ihre Stimme morgens sonderbar belegt klang, stieg unbeschreibliche Panik in ihr hoch. Auf keinen Fall wollte sie einer dieser breitschultrigen Schränke werden, die später als Frau unmöglich aussehen, mit riesigen Händen und Bassstimme. Nur Hormone konnten nun verhindern, dass aus Kim gegen ihren Willen doch noch Tim werden würde. Die Zeit drängte.
Aber an wen sollte sich die Familie wenden? "Bei einem Herzfehler schickt jeder das Kind zum Spezialisten", sagt Kims Mutter. "Bei einem transsexuellen Kind hat jeder erst mal eine Meinung."
"Hormonbehandlung! Geschlechtsanpassung! Wie können Sie dem Kind so etwas antun?", herrscht der Kinderarzt den Vater in Kims Gegenwart an. Dann die Sitzungen in der psychiatrischen Landesklinik: hohe Räume, grün gestrichen, zahllose Fragebögen zum Ausfüllen, Kim muss Würfel sortieren. Im Wartezimmer denkt das Kind: Gehör ich jetzt ins Irrenhaus?
Das ganze bisherige Leben der Familie wird in Frage gestellt. "Sind Jungen in Ihrer Familie nicht willkommen?", wird die Mutter gefragt. Und: "Haben Sie schon mal daran gedacht, das Kind, anstatt es zu manipulieren, eine Zeitlang unter andere Menschen zu geben? Zum Beispiel in die geschlossene Abteilung unserer Kinderpsychiatrie."
"Was ist denn so schlimm daran, ein echter Kerl zu sein?", sagt der Arzt, selbst ein Kerl im weißen Kittel, zu Kim. "Hast du das schon mal versucht? Wie findest du deine Mutter? Warst du schon mal verliebt? In einen Jungen oder ein Mädchen? Magst du deinen Penis?"
Kim antwortet, so gut sie kann, ihr ist das peinlich. "Auf einmal kam so ein Gefühl: Ich bin schuld, da ist was Schmutziges."
Eine geradezu klassische Geschichte, findet Bernd Meyenburg: "Weil transsexuelle Entwicklungen extrem selten sind, hat kaum ein Jugendpsychiater Erfahrung damit. Die Familien irren von einem zum anderen" - bis sie irgendwann doch bei ihm landen oder bei den Kollegen der Universitätsklinik in Ulm oder Hamburg. Viel mehr Experten gibt es nicht in Deutschland. Meyenburg leitet die psychiatrische Spezialambulanz für Kinder und Jugendliche mit Identitätsstörungen an der Uni-Klinik in Frankfurt am Main.
Störungen der Geschlechtsidentität kommen bei Kindern gar nicht so selten vor, und oft zeigen sie sich, sobald ein Kind seine ersten Worte spricht. Bei einem Viertel dieser Kinder legt sich das jedoch wieder. Die meisten anderen werden irgendwann homosexuell. Nur für etwa zwei bis zehn Prozent bedeutet es den Einstieg in die Transsexualität.
Das Problem ist die Prognose: Es ist unmöglich, etwa per Hormonspiegel oder Computertomografie festzustellen, ob ein Mensch transsexuell ist oder nicht. Die Diagnose beruht ganz allein darauf, wie dauerhaft und überzeugend jemand in seinem gewünschten Geschlecht auftritt. Bei Erwachsenen verlangen die medizinischen Standards vor dem Beginn der Hormonbehandlung jahrelange Psychotherapie und einen Alltagstest. Bei Pubertierenden bleibt dafür nicht viel Zeit.
Dürfen Ärzte auf den bloßen Wunsch eines Teenagers der Natur derart ins Handwerk pfuschen? Kann nicht gerade die Pubertät noch alles ändern? Was, wenn das Ganze sich später als Fehlentscheidung herausstellt? Meyenburg beobachtet mit gemischten Gefühlen, dass derzeit immer mehr und immer jüngere Patienten ihn bedrängen.
"Rein medizinisch handelt es sich immerhin um die Verstümmelung eines biologisch gesunden Körpers", gibt Meyenburg zu bedenken. "Wir sind in einem echten Dilemma: Wenn wir etwas machen, geschieht etwas Unumkehrbares. Wenn wir der Natur ihren Lauf lassen, auch."
"Bei Kim", findet Meyenburg allerdings, "wäre es ein ziemliches Verbrechen gewesen, sie zum Mann auswachsen zu lassen. Es gibt aber nicht viele, bei denen das so eindeutig ist." Viel Erfahrung gehört dazu, eine vorübergehende Störung der Geschlechtsidentität von "echter" Transsexualität zu unterscheiden. Neulich lernte Meyenburg eine 15-Jährige kennen, die keine Frau sein wollte. Es dauerte, bis er herausbekam, dass ihr Vater sie brutal missbraucht hatte, als sie sieben war. Dieses Trauma hatte in ihr zwar eine tiefe Identitätsstörung hervorgerufen, aber doch keine transsexuelle Entwicklung: Am Ende entschied sich das Mädchen gegen die angebotene Geschlechtsumwandlung.
"Eine Psychotherapie", findet Meyenburg auch aufgrund solcher Erfahrungen, "ist immer einen Versuch wert - nicht, weil es an sich schlecht wäre, transsexuell zu sein, sondern weil es wohl doch leichter ist, als effeminierter Tangolehrer zu leben als als umoperierter." Geht die Reise aber weiter in Richtung Geschlechtsumwandlung, können die meisten Jugendlichen ebenfalls therapeutische Rückendeckung gebrauchen: "Es gibt ja auch Eltern, die versuchen, das aus ihren Kindern rauszuprügeln."
Meyenburg beschäftigt sich seit den siebziger Jahren mit Transsexualität. Damals glaubte die orthodoxe Psychiatrie, ungünstige soziale Umstände - sprich: die Eltern - seien schuld daran, wenn ein Mensch nicht in seinem biologischen Geschlecht leben will: beherrschende Mütter, abwesende Väter, psychisch kranke Eltern, die nicht als Rollenvorbilder taugten, verdrängte Angst vor Homosexualität. Die New Yorker Psychoanalytikerin Susan Coates glaubt festgestellt zu haben, dass erste Gehversuche in Mutters Stöckelschuhen bei kleinen Jungen oft in eine Zeit fallen, in der die Mutter depressiv und deshalb für sie emotional nicht erreichbar ist. Statt "Mami zu haben", versuche das Kind dann, "Mami zu sein", um seine Trennungsangst abzuwehren, meint Coates.
Auch Meyenburg war lange davon überzeugt, Transsexualismus sei die Folge schwerer psychischer Traumata in der Kindheit. "Andererseits", sagt er heute: "Depressionen bei Müttern sind so selten nicht. Müsste es da nicht viel mehr Transsexuelle geben?" Und noch etwas gibt Meyenburg zu denken: "Es gibt Kinder, in deren Elternbeziehung können Sie noch so lange herumbohren, da finden Sie nichts. Oft sind es sehr nette, normale, sympathische Eltern."
Das bio-psychologische Programm für die Geschlechtsentwicklung des Menschen ist ziemlich kompliziert. Wenn dabei etwas schiefgeht, kommen andere damit oft schwer zurecht - ganz besonders die Medizin möchte Ordnung schaffen: Welches Geschlecht ist denn nun das richtige?
Entwicklungspsychologen glaubten lange, Kinder würden als psychisches Neutrum geboren. Zu welchem Geschlecht sich ein Mensch zugehörig fühle, sei das Ergebnis sozialer Prägung.