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Doppelte Reifeprüfung
Sie sind jung und leben den Traum vom Profi fußball. Doch damit nicht genug: FABIAN SCHÖNHEIM ( 19) und andere basteln zur gleichen Zeit an ihrem Abitur. Die zweifache Belastung soll alle Möglichkeiten für die Karriere nach der Profi karriere offen halten. Ein Leben zwischen Ball und Buch.
Der Schwerpunkt liegt auf Erdkunde. Derzeit noch. Exakt bis zum 17. März. Dann steht die mündliche Abiturprüfung an.
Deshalb sitzt Fabian Schönheim ( 19) von Montag bis Freitag um kurz vor acht Uhr in seiner Klasse des Staatlichen Heinrich- Heine* Gymnasiums in Kaiserslautern und versucht, sich Basisdaten von Entwicklungsländern und Aspekte der Globalisierung in den Kopf zu bimsen. Ab 15 Uhr gilt seine Konzentration der Verschiebung in der Viererkette und dem präzisen Spannschuss. Abends holt er wieder die Schulbücher raus.
Abiturient Schönheim ist Profi beim 1. FC Kaiserslautern und gehört schon zum Stammpersonal.
„ Auch deshalb bin ich froh, wenn es mit der Schule bald vorbei ist“, sagt er. Diese eine Erdkunde- Prüfung noch, „ dann habe ich es geschafft“.
Sport, Englisch und Biologie – seine Leistungskurse – hat er bereits hinter sich, da musste er schriftliche Prüfungen ablegen. Am kommenden Dienstag erfährt er die Noten. Dann weiß Schönheim, wofür er diese Doppelbelastung auf sich nimmt.
Schule plus Fußball – das erfordert Disziplin und Motivation, um beides professionell anzugehen.
Schule oder Fußball – eine Entscheidung, vor der Benjamin Lauth ( 24) 2001 gestanden hatte. Der heutige Stürmer des Hamburger SV gab der Schule den Vorrang und opferte die U- 20- WM, um das Abitur zu schreiben. Dieser Verzicht hat geschmerzt, andererseits war Lauth klar, „ dass für die weitere Karriere ohnehin die Leistungen im Verein entscheidend sein würden“. Deshalb wollte er die Schule auf jeden Fall beenden. So sieht auch die Planung von Andreas Beck ( 18 ) aus. Vor zwei Wochen absolvierte er sein erstes Bundesligaspiel für den VfB Stuttgart, seitdem zählt er zum Kader.
Nebenher drückt ihn der Prüfungsstress, im April setzt die wirklich heiße Lernphase ein: vier schriftliche Abiturarbeiten in Mathe, Deutsch, Englisch und Wirtschaftslehre. Am Donnerstag reiste er mit dem VfB zum FC Middlesbrough, am Freitagmittag saß er wieder in der Schulbank des Wirtschaftsgymnasiums, holte den am Morgen verpassten Stoff nach. Schule, Training, Lernen, Spiel: Der Terminplan ist voll. Diese Problematik zwischen Jetset und Lehrplan hat Lars Ricken ( 29) genauso erlebt. Damals, 1996/ 97, als er mit dem BVB die Champions League gewann, „ bin ich nachts um drei mit dem Fanfl ieger zurück“. Ankunft in Düsseldorf um sechs Uhr morgens, Frühstück, ab in die Schule, wo eine Klausur wartete. „ Manchmal“, erzählt Ricken, „ wusste ich freitags nicht, gegen wen wir am nächsten Tag spielen.“
Einerlei, es hat funktioniert, auch wenn die Belastung gewaltig ist.
Die Schule zieht da schon den Kürzeren, wie auch Beck gestehen muss: „ Momentan bin ich wirklich selten und unregelmäßig dort.“
Die Zahl der Fehlstunden kennt er schon gar nicht mehr. Die Lehrer nehmen es großzügig hin, „ ich genieße da schon eine gewisse Sonderstellung“, sagt Beck. Wenn er jeweils montags den Arbeitsplan beim VfB erfahren hat, vereinbart er mit seinen Lehrern Termine für Zusatzunterricht. „ Am Nachmittag oder sogar am Abend sitze ich dann schon mal allein mit dem Lehrer in der Schule und lerne.“ Der Lohn: Ab dem Sommer erhält Beck nicht nur die Hochschulreife, sondern auch einen Profi vertrag, bis 2010. Per Mertesacker ( 21) kann ihm als Vorbild dienen. Als 18- Jähriger wurde dieser bei Hannover 96 in den Profi kader befördert, trotzte
der Doppelbelastung mit Fußball und Abitur. Anschließend leistete der Innenverteidiger seinen Zivildienst, ehe es ans große Geldverdienen ging. Seine Klassenkameraden vermuteten bereits in der Abi- Zeitung, Per werde wohl der erste Millionär der Abgangsklasse.
Auch Schalkes Youngster Sebastian Boenisch ( 19) ist kein „ normaler“ Schüler. Erst eine Hand voll Pfl ichtspiele hat er bislang absolviert, genügend, um an der Gesamtschule Berger Feld im Mittelpunkt zu stehen. „ Ein seltsames Gefühl“ packt ihn, „ wenn ich jetzt Autogramme geben muss.“ Auch seine Stundenpläne sind auf das Training abgestimmt: Montags, dienstags, donnerstags und freitags arbeitet er am Morgen in der Klasse zwei Stunden am Fachabitur, ehe er im Schultraining mit dem Ball in Kontakt kommt. Danach ist wieder Pauken angesagt, nachmittags das Training mit den Schalker Profi s.
Wenn Prüfungen anstehen, muss abends natürlich gelernt werden.
„ Nach der körperlichen Belastung ist es manchmal schwer, sich zu konzentrieren“, sagt Boenisch.
„ Morgens sitze ich schon müde in der Klassenbank.“ Aber wer weiß, wofür das später noch gut ist? „ Wenn es mit der Fußballkarriere nichts werden sollte“, sagt er, „ bin ich froh, die Schule doch durchgezogen zu haben.“ Eine vernünftige Einstellung – und ein vorbildliche. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Vereinstrainer. Boenisch wie Beck und Schönheim haben die volle Unterstützung. FCK- Coach Wolfgang Wolf fordert von Schönheim sogar ausdrücklich, dass er sein Abitur macht. Und vielleicht folgt der schulischen Laufbahn irgendwann jene im Hörsaal. Das Abi- Trio überlegt sehr wohl, eines Tages erneut den Kopf zwischen die Bücher zu stecken. „ Irgendetwas mit Sport“ möchten sie studieren. Natürlich. Vorbilder gibt es genug: „ Gut 20 Prozent aller Profi - Fußballer in Deutschland sind derzeit an einer Uni oder Fachhochschule eingeschrieben“, schätzt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV. Kurios: Viele Spieler, die zweigleisig fahren, wollen dies nicht öffentlich zugeben. Sie fürchten den Vorwurf, sich nicht richtig auf den Fußball zu konzentrieren. Und das in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit – auch bei ehemaligen Profi fußballern. Kölns Torwart Stefan Wessels ( 26) gehört zu den 20 Prozent, die sich bekennen. Seine Eltern hatten 1998, vor dem Wechsel zu Bayern München, darauf bestanden, dass ihr Sohn das Abitur durchzieht.
Wessels hat es nie bereut, mittlerweile ist er an der FernUni Hagen für Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Bei wichtigen Spielen müssen zwar die Klausuren ausfallen. „ Doch solange ich es mit dem Sport vereinbaren kann, will ich weiter studieren“, so Wessels. Eine Verletzung droht immer, „ dann will ich nicht ins Leere fallen“.
Manchen Profi s ist offenbar nicht bewusst, dass nach dem Fußball 30 weitere Jahre in einem Beruf folgen.
„ Es ist wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass es ein berufl iches Leben nach dem Fußball gibt“, betont Michael Preetz ( 37), studierter Sport- Manager und derzeit bei Hertha BSC Berlin tätig. „ Auf diese Zeit sollte man sich vorbereiten.“ Genau deshalb will Schönheim sein Abitur unbedingt schaffen. Denn „ wer weiß, was später passiert? Wenn ich mir im Sommer einen Kreuzbandriss zuziehe, kann alles vorbei sein“. Daher will er sich die Möglichkeit offen halten, einmal studieren zu können.
Oliver Bierhoff ( 37) hat sein Studium zum Diplom- Kaufmann längst hinter sich. Bereits kurz nach dem Abitur hatte sich der Manager der deutschen Nationalmannschaft entschieden, nicht nur den Ball im Blick zu haben, sondern auch die Zeit nach der aktiven Sportlerkarriere. Zuvor galt es aber, zahlreiche Klausuren zu bestehen.
Und was ist nun schwieriger? Ein Bundesligaspiel oder eine Klausur? Beck aus Stuttgart kennt weder Prüfungsstress noch Prüfungsangst.
„ Vor meinem ersten Spiel mit den Profi s war ich nervös“, erzählt er.
Nicht so vor den Abschlussarbeiten.
„ Ich freue mich einfach, wenn ich die Zeit des Lernens hinter mir habe.“
Ein anderer Bundesligaprofi , der Gladbacher Thomas Broich ( 25), hatte diese Zeit des Lernens bereits kurz nach Beginn seiner Profi karriere vermisst. Während sich die Mitspieler Zé Antonio ( 27, Mathematik und Biologie in Lissabon) und Kasey Keller ( 36, Soziologie in den USA) per Fernstudium weiterbilden, geht Broich den Weg, den über 80 Prozent der Abiturienten gehen: Er studiert an einer gewöhnlichen Universität, in Düsseldorf. Philosophie. Broich ist es mittlerweile leid, sich dafür fast rechtfertigen zu müssen. Ihn reizt unter anderem die Begegnung mit den Kommilitonen. Auf dem Campus.
Für Schönheim beginnt der normale Alltag momentan um 7.50 Uhr noch in der Schule. Lernen, Training, wieder lernen. Am Wochenende ruft die Bundesliga.
Spielt der FCK an einem Sonntag auswärts, kommen die Reisestrapazen hinzu. Erst spät am Abend liegt er im Bett. Montag in der Früh muss er wieder raus, die Schule ruft.
Schönheim war obendrein oft mit der U- 19- Auswahl des DFB unterwegs, „ so um die 200 Fehlstunden im Schuljahr kommen schon zusammen“. Früher stand er als Fan in der Kurve, im vergangenen Jahr spielte er in der A- Jugend, bei den Bundesligaspielen der Profi s war er sogar noch Balljunge. „ Und heute stehe ich selbst auf dem Platz – ein Traum!“ Der chinesische Denker Laotse hat es bereits im 6. Jahrhundert vor Christus formuliert: „ Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück.“ Das wollen Schönheim, Beck und Boenisch vermeiden. Sie möchten vorankommen und sind sich bewusst, dass der Fußball ein schnelllebiges Geschäft ist. Deshalb schultern sie den stressigen Spagat zwischen Schule und Profi sport gerne. „ Ein positiver Stress“, sagen sie, „ das Erlebnis, als Spieler in der Bundesliga dabei sein zu können, macht alles wett.“ MARCUS LEHMANN
Sie sind jung und leben den Traum vom Profi fußball. Doch damit nicht genug: FABIAN SCHÖNHEIM ( 19) und andere basteln zur gleichen Zeit an ihrem Abitur. Die zweifache Belastung soll alle Möglichkeiten für die Karriere nach der Profi karriere offen halten. Ein Leben zwischen Ball und Buch.
Der Schwerpunkt liegt auf Erdkunde. Derzeit noch. Exakt bis zum 17. März. Dann steht die mündliche Abiturprüfung an.
Deshalb sitzt Fabian Schönheim ( 19) von Montag bis Freitag um kurz vor acht Uhr in seiner Klasse des Staatlichen Heinrich- Heine* Gymnasiums in Kaiserslautern und versucht, sich Basisdaten von Entwicklungsländern und Aspekte der Globalisierung in den Kopf zu bimsen. Ab 15 Uhr gilt seine Konzentration der Verschiebung in der Viererkette und dem präzisen Spannschuss. Abends holt er wieder die Schulbücher raus.
Abiturient Schönheim ist Profi beim 1. FC Kaiserslautern und gehört schon zum Stammpersonal.
„ Auch deshalb bin ich froh, wenn es mit der Schule bald vorbei ist“, sagt er. Diese eine Erdkunde- Prüfung noch, „ dann habe ich es geschafft“.
Sport, Englisch und Biologie – seine Leistungskurse – hat er bereits hinter sich, da musste er schriftliche Prüfungen ablegen. Am kommenden Dienstag erfährt er die Noten. Dann weiß Schönheim, wofür er diese Doppelbelastung auf sich nimmt.
Schule plus Fußball – das erfordert Disziplin und Motivation, um beides professionell anzugehen.
Schule oder Fußball – eine Entscheidung, vor der Benjamin Lauth ( 24) 2001 gestanden hatte. Der heutige Stürmer des Hamburger SV gab der Schule den Vorrang und opferte die U- 20- WM, um das Abitur zu schreiben. Dieser Verzicht hat geschmerzt, andererseits war Lauth klar, „ dass für die weitere Karriere ohnehin die Leistungen im Verein entscheidend sein würden“. Deshalb wollte er die Schule auf jeden Fall beenden. So sieht auch die Planung von Andreas Beck ( 18 ) aus. Vor zwei Wochen absolvierte er sein erstes Bundesligaspiel für den VfB Stuttgart, seitdem zählt er zum Kader.
Nebenher drückt ihn der Prüfungsstress, im April setzt die wirklich heiße Lernphase ein: vier schriftliche Abiturarbeiten in Mathe, Deutsch, Englisch und Wirtschaftslehre. Am Donnerstag reiste er mit dem VfB zum FC Middlesbrough, am Freitagmittag saß er wieder in der Schulbank des Wirtschaftsgymnasiums, holte den am Morgen verpassten Stoff nach. Schule, Training, Lernen, Spiel: Der Terminplan ist voll. Diese Problematik zwischen Jetset und Lehrplan hat Lars Ricken ( 29) genauso erlebt. Damals, 1996/ 97, als er mit dem BVB die Champions League gewann, „ bin ich nachts um drei mit dem Fanfl ieger zurück“. Ankunft in Düsseldorf um sechs Uhr morgens, Frühstück, ab in die Schule, wo eine Klausur wartete. „ Manchmal“, erzählt Ricken, „ wusste ich freitags nicht, gegen wen wir am nächsten Tag spielen.“
Einerlei, es hat funktioniert, auch wenn die Belastung gewaltig ist.
Die Schule zieht da schon den Kürzeren, wie auch Beck gestehen muss: „ Momentan bin ich wirklich selten und unregelmäßig dort.“
Die Zahl der Fehlstunden kennt er schon gar nicht mehr. Die Lehrer nehmen es großzügig hin, „ ich genieße da schon eine gewisse Sonderstellung“, sagt Beck. Wenn er jeweils montags den Arbeitsplan beim VfB erfahren hat, vereinbart er mit seinen Lehrern Termine für Zusatzunterricht. „ Am Nachmittag oder sogar am Abend sitze ich dann schon mal allein mit dem Lehrer in der Schule und lerne.“ Der Lohn: Ab dem Sommer erhält Beck nicht nur die Hochschulreife, sondern auch einen Profi vertrag, bis 2010. Per Mertesacker ( 21) kann ihm als Vorbild dienen. Als 18- Jähriger wurde dieser bei Hannover 96 in den Profi kader befördert, trotzte
der Doppelbelastung mit Fußball und Abitur. Anschließend leistete der Innenverteidiger seinen Zivildienst, ehe es ans große Geldverdienen ging. Seine Klassenkameraden vermuteten bereits in der Abi- Zeitung, Per werde wohl der erste Millionär der Abgangsklasse.
Auch Schalkes Youngster Sebastian Boenisch ( 19) ist kein „ normaler“ Schüler. Erst eine Hand voll Pfl ichtspiele hat er bislang absolviert, genügend, um an der Gesamtschule Berger Feld im Mittelpunkt zu stehen. „ Ein seltsames Gefühl“ packt ihn, „ wenn ich jetzt Autogramme geben muss.“ Auch seine Stundenpläne sind auf das Training abgestimmt: Montags, dienstags, donnerstags und freitags arbeitet er am Morgen in der Klasse zwei Stunden am Fachabitur, ehe er im Schultraining mit dem Ball in Kontakt kommt. Danach ist wieder Pauken angesagt, nachmittags das Training mit den Schalker Profi s.
Wenn Prüfungen anstehen, muss abends natürlich gelernt werden.
„ Nach der körperlichen Belastung ist es manchmal schwer, sich zu konzentrieren“, sagt Boenisch.
„ Morgens sitze ich schon müde in der Klassenbank.“ Aber wer weiß, wofür das später noch gut ist? „ Wenn es mit der Fußballkarriere nichts werden sollte“, sagt er, „ bin ich froh, die Schule doch durchgezogen zu haben.“ Eine vernünftige Einstellung – und ein vorbildliche. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Vereinstrainer. Boenisch wie Beck und Schönheim haben die volle Unterstützung. FCK- Coach Wolfgang Wolf fordert von Schönheim sogar ausdrücklich, dass er sein Abitur macht. Und vielleicht folgt der schulischen Laufbahn irgendwann jene im Hörsaal. Das Abi- Trio überlegt sehr wohl, eines Tages erneut den Kopf zwischen die Bücher zu stecken. „ Irgendetwas mit Sport“ möchten sie studieren. Natürlich. Vorbilder gibt es genug: „ Gut 20 Prozent aller Profi - Fußballer in Deutschland sind derzeit an einer Uni oder Fachhochschule eingeschrieben“, schätzt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV. Kurios: Viele Spieler, die zweigleisig fahren, wollen dies nicht öffentlich zugeben. Sie fürchten den Vorwurf, sich nicht richtig auf den Fußball zu konzentrieren. Und das in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit – auch bei ehemaligen Profi fußballern. Kölns Torwart Stefan Wessels ( 26) gehört zu den 20 Prozent, die sich bekennen. Seine Eltern hatten 1998, vor dem Wechsel zu Bayern München, darauf bestanden, dass ihr Sohn das Abitur durchzieht.
Wessels hat es nie bereut, mittlerweile ist er an der FernUni Hagen für Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Bei wichtigen Spielen müssen zwar die Klausuren ausfallen. „ Doch solange ich es mit dem Sport vereinbaren kann, will ich weiter studieren“, so Wessels. Eine Verletzung droht immer, „ dann will ich nicht ins Leere fallen“.
Manchen Profi s ist offenbar nicht bewusst, dass nach dem Fußball 30 weitere Jahre in einem Beruf folgen.
„ Es ist wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass es ein berufl iches Leben nach dem Fußball gibt“, betont Michael Preetz ( 37), studierter Sport- Manager und derzeit bei Hertha BSC Berlin tätig. „ Auf diese Zeit sollte man sich vorbereiten.“ Genau deshalb will Schönheim sein Abitur unbedingt schaffen. Denn „ wer weiß, was später passiert? Wenn ich mir im Sommer einen Kreuzbandriss zuziehe, kann alles vorbei sein“. Daher will er sich die Möglichkeit offen halten, einmal studieren zu können.
Oliver Bierhoff ( 37) hat sein Studium zum Diplom- Kaufmann längst hinter sich. Bereits kurz nach dem Abitur hatte sich der Manager der deutschen Nationalmannschaft entschieden, nicht nur den Ball im Blick zu haben, sondern auch die Zeit nach der aktiven Sportlerkarriere. Zuvor galt es aber, zahlreiche Klausuren zu bestehen.
Und was ist nun schwieriger? Ein Bundesligaspiel oder eine Klausur? Beck aus Stuttgart kennt weder Prüfungsstress noch Prüfungsangst.
„ Vor meinem ersten Spiel mit den Profi s war ich nervös“, erzählt er.
Nicht so vor den Abschlussarbeiten.
„ Ich freue mich einfach, wenn ich die Zeit des Lernens hinter mir habe.“
Ein anderer Bundesligaprofi , der Gladbacher Thomas Broich ( 25), hatte diese Zeit des Lernens bereits kurz nach Beginn seiner Profi karriere vermisst. Während sich die Mitspieler Zé Antonio ( 27, Mathematik und Biologie in Lissabon) und Kasey Keller ( 36, Soziologie in den USA) per Fernstudium weiterbilden, geht Broich den Weg, den über 80 Prozent der Abiturienten gehen: Er studiert an einer gewöhnlichen Universität, in Düsseldorf. Philosophie. Broich ist es mittlerweile leid, sich dafür fast rechtfertigen zu müssen. Ihn reizt unter anderem die Begegnung mit den Kommilitonen. Auf dem Campus.
Für Schönheim beginnt der normale Alltag momentan um 7.50 Uhr noch in der Schule. Lernen, Training, wieder lernen. Am Wochenende ruft die Bundesliga.
Spielt der FCK an einem Sonntag auswärts, kommen die Reisestrapazen hinzu. Erst spät am Abend liegt er im Bett. Montag in der Früh muss er wieder raus, die Schule ruft.
Schönheim war obendrein oft mit der U- 19- Auswahl des DFB unterwegs, „ so um die 200 Fehlstunden im Schuljahr kommen schon zusammen“. Früher stand er als Fan in der Kurve, im vergangenen Jahr spielte er in der A- Jugend, bei den Bundesligaspielen der Profi s war er sogar noch Balljunge. „ Und heute stehe ich selbst auf dem Platz – ein Traum!“ Der chinesische Denker Laotse hat es bereits im 6. Jahrhundert vor Christus formuliert: „ Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück.“ Das wollen Schönheim, Beck und Boenisch vermeiden. Sie möchten vorankommen und sind sich bewusst, dass der Fußball ein schnelllebiges Geschäft ist. Deshalb schultern sie den stressigen Spagat zwischen Schule und Profi sport gerne. „ Ein positiver Stress“, sagen sie, „ das Erlebnis, als Spieler in der Bundesliga dabei sein zu können, macht alles wett.“ MARCUS LEHMANN