Teamchef Josef Hickersberger sieht gegen Kroatien eine 40:60-Chance. Die Tormann-Frage hat er längst gelöst.
Alles, was bisher geschah, gilt nun endgültig als Vorgeplänkel, war nicht einmal Vorspiel. Für Österreichs Fußball beginnt am Sonntag mit dem ersten Vorrundenspiel dieser Heim-EM eine neue Zeitrechnung. Erstmals ist man bei diesen Kontinentalkämpfen dabei, noch dazu als Gastgeber, aber mit der schlechtesten Platzierung in der Fifa-Weltrangliste behaftet. An der Zielsetzung hat sich beim größten Außenseiter dieses Turniers seit der Auslosung im Dezember 2007 nichts geändert. Österreichs Mannschaft will gegen Kroatien, Polen und Deutschland so erfolgreich abschneiden, dass der Aufstieg ins Viertelfinale gelingt.
Nicht nur Bauchentscheidungen
Die Vorfreude auf die Euro ist auch im Südburgenland deutlich spürbar. In Stegersbach lebt die Nationalmannschaft zwar auf eine gewisse Art und Weise in einer eigenen Welt, der Optimismus wächst aber selbst im hermetisch abgeschirmten 5-Sterne-Palast. „Die Mannschaft“, erklärt Teamchef Josef Hickersberger, vor gar nicht allzu langer Zeit noch relativ umstritten, „hat sich sehr positiv entwickelt. Wir befinden uns jetzt in einer Verfassung, die ich ihr phasenweise im Jahr 2007 gar nicht zugetraut hätte. Und diese positive Entwicklung ist kein Gefühl, sondern die bestätigen unsere Analysen.“
Nicht alles, was Hickersberger sagt, entspringt einer Bauchentscheidung. Die Tormann-Frage hat er längst gelöst, die Nr. 1 ist informiert, der Ersatzkeeper soll sich mit der Reservistenrolle abgefunden haben. „Der Betroffene war sehr gefasst, die beiden waren Rivalen, aber die gegenseitige Wertschätzung ist noch größer“, behauptet der Teamchef. Das Fußball-Volk wird die Lösung der „T-Frage“ aber erst am Sonntag erfahren,
es ist ein offenes Geheimnis, dass die Antwort Jürgen Macho lautet.
Josef Hickersberger wirkte zwei Tage vor dem sehnlich erwarteten Ankick umgänglich und entspannt, „das Rauschen im Blätterwald“ habe er zwar mitbekommen, misst ihm aber keine Bedeutung bei. Immer wieder verwendet der 60-Jährige das Wort Optimismus. „Wir fahren am Samstag mit blendender Laune nach Wien“, sagt Hickersberger. „Wir werden Kroatien am Sonntag Paroli bieten können, ich mache mir überhaupt keine Sorgen. Wir werden ein gutes Spiel machen.“
Den Gegner bezeichnet der Amstettner als Weltklasse-Team, vor allem die technischen Fähigkeiten der Kroaten seien außergewöhnlich. „Unsere Chancen auf einen Erfolg stehen 40:60 – und das ist schon eine sehr optimistische Einschätzung. Aber wenn wir einen guten Tag erwischen, ein wenig Glück haben, dann werden wir dieses Spiel gewinnen.“
Nervosität ist schon vorbei
Hickersberger freut sich, dass sich einige seiner Kandidaten in „ausgezeichneter Form“ befinden, wenn er strahlt, dann gewährt er auch Einblicke in sein Inneres. „Mir geht es hervorragend. Als ich 1990 zur WM nach Italien gefahren bin, habe ich mir sehnlichst gewünscht, noch einmal so ein Turnier zu erreichen. Dass ich es nun erleben darf, geht fast über meine Vorstellungskraft. Ein Traum geht in Erfüllung.“ Nervosität verspürt er im Gegensatz zum Malta-Spiel keine. „Wir müssen an unsere Stärken glauben, ich werde allen Mut machen. Nur die Fans müssen auch realistisch bleiben, sie dürfen nicht zu viel erwarten!“
Den Besuch der Heiligen Messe – Pfarrer Zjelko Odobasic ist übrigens Kroate – hat Hickersberger in Stegersbach ausgelassen. „Ich brauche keine Stoßgebete.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2008)
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