"Der Stress hat eine andere Qualität"
Michael Henke über den Rollentausch vom Co- zum Chef-Trainer und seine heutige Bindung zu Ottmar Hitzfeld
Frankfurter Rundschau: Mit einem Sieg gegen Werder Bremen könnte der 1. FC Kaiserslautern heute Tabellenzweiter sein.
Michael Henke: Werder Bremen gehört zu den sechs, sieben Mannschaften, die nicht unsere Kragenweite sind. Gegen diese Teams verlieren wir drei von fünf Spielen, eines geht unentschieden aus, eines gewinnen wir. Das ist realistisch. Aber niemand weiß, wann der Zeitpunkt ist, dass wir das Spiel gewinnen. An den Kräfteverhältnissen ändert das auf Dauer nichts.
Bei Werder Bremen wird im Training oft nur "Fünf-gegen-zwei" und ein Spiel gemacht. Wenn man bei Ihnen zuschaut, dann sieht das anders aus: Fitness- und Balanceübungen, individuelle und taktische Schulungen. Wie wichtig ist Training?
Training ist sehr wichtig, um etwas zu verbessern, auch bei Spielern, die schon zehn, zwölf Jahre Ausbildung hinter sich haben. Nur darf man in dieser Frage nicht naiv sein: Man macht aus einem Grobtechniker keinen filigranen Zauberer mehr. Aber um eine Mannschaft im Zusammenspiel auf ihr höchstes Niveau zu führen, braucht es viel Training. Wir erleben das ja gerade in Kaiserslautern, wie sich das Team kontinuierlich verbessert. Bei uns ist das Steigerungspotenzial größer als für Real Madrid, Barcelona oder Bayern München. Dort ist mehr Timing gefragt; da ist das Training auch schon mal Beschäftigungstherapie.
Bei Ihnen geht es fast so intensiv und akribisch zu wie bei Jürgen Klinsmann. Thomas Riedl sagt, bei Ihnen werden sogar die Haarspitzen gedehnt. Ingo Hertzsch glaubt, so etwas habe hier bisher gefehlt. Wer hat Sie da in Ihrer Philosophie beeinflusst?
Die Inhalte sind ein Produkt aus meinen Erfahrungen, viele davon vom FC Bayern. Vieles, was hier jetzt Reha-Trainer Zvonko Komes betreibt, hat Physiotherapeut Oliver Schmidtlein bei Bayern genauso gemacht. Und ich habe etwas einfließen lassen aus dem Jahr, in dem ich mir unter anderem bei Celtic Glasgow oder Arsenal London einiges angeschaut habe.
Sie haben eine Hospitanz bei Arsène Wenger gemacht.
Wir haben uns in London während der Trainingseinheiten sehr intensiv ausgetauscht. Das war insgesamt sehr fruchtbar. In jenem Jahr habe ich mit Manfred Rauscher (heute Co-Trainer des 1. FC Kaiserslautern) auch viele Spiele beobachtet, häufig Champions League in Italien. Dann haben wir darüber diskutiert, welche Lehren würde man ziehen, hätte man jetzt ein Team zu betreuen.
Die Simulation des Ernstfalls.
Ich habe mir überlegt, wenn ich mal Cheftrainer werden könnte, wen ich an meiner Seite haben wollte. Manfred Rauscher hat 2002 bei Bayern sein Praktikum für die Fußball-Lehrer-Lizenz absolviert. Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist der Richtige. Du musst mit dem Co-Trainer auf einer Wellenlänge sein, die gleiche Philosophie verfolgen.
Spielt er Ihre frühere Rolle?
In vielen Teilen ja. Ich habe schon ein Profil gesucht, das dem nahe kommt. Ohne zu viel über mich sprechen zu wollen, glaube ich, dass ich in den Jahren als Co-Trainer einen optimalen Job gemacht habe.
Was ist der größte Unterschied zwischen Co- und Chef-Trainer?
Als Co-Trainer war meine Priorität, Ottmar Hitzfeld den Rücken freizuhalten und ihm Arbeit abzunehmen. Schon da habe ich gemerkt, dass Ottmar viel intensiver mit der Auswahl der Spieler oder der Aufstellung beschäftigt war als ich. Das merke ich jetzt auch, nehmen wir die Entscheidung bei den Torhütern: Jürgen Macho oder Thomas Ernst? Du sprichst mit dem Trainerstab, dann überlegst du lange. Am Ende fällt diese Entscheidung jetzt allein auf dich zurück.
Ist das mehr Stress?
Früher konnte ich besser abschalten. Der Stress als Chef hat eine andere Qualität, weil du jede Entscheidung nach außen hin vertreten musst - auch im Worst Case. Aber nervenaufreibend war es als Co-Trainer auch.
Sie galten an Hitzfelds Seite als derjenige, der viel gezetert und geschimpft hat. War das nur Fassade?
Nein, ich bin schon sehr impulsiv und ein emotionaler Mensch. Nur heute will ich nicht im direkten Kontakt mit der Mannschaft strukturlos herumschreien. Da muss ich mich unter Kontrolle halten.
Also sind Sie temperamentvoller als Ottmar Hitzfeld?
(überlegt lange) Ich bin in letzter Konsequenz nicht so kontrolliert wie er - so fähig zur totalen Selbstkontrolle in extremen Situationen bin ich nicht. Eigentlich ist Ottmar auch ein sehr emotionaler Mensch, aber sein Credo war immer, seine Emotionen nicht nach außen zu kehren.
Wie viel Kontakt haben Sie noch?
Wenn man darunter nicht versteht, täglich zu telefonieren, sondern auch nur mal per SMS zu kommunizieren und dann wieder zweimal in drei Tagen miteinander zu reden, dann stehen wir in ständigem Kontakt. Wir haben uns zuletzt in München bei einer Veranstaltung gesehen, nach den Spielen hat er mit per SMS Glückwünsche ausgesprochen. Und wenn es nach Engelberg in der Schweiz nicht so weit wäre, würde ich da auch mal gern wieder hinfahren.
Nerven Sie die ewigen Vergleiche mit Ottmar Hitzfeld?
Nein, denn ich hatte mit meiner Rolle als Co-Trainer nie ein Problem. Ich möchte keinen Tag der Zusammenarbeit im Rückblick missen. Es ist doch klar, dass immer gefragt wird, wie viel Hitzfeld steckt in Henke.
Wie viel denn?
Ich arbeite in vielen Dingen anders als Ottmar, schon das Training sieht ja ganz anders aus. Aber in einer Sache ticken wir sehr ähnlich: Genau wie er bin ich davon überzeugt, dass man nur mit Sachlichkeit länger anhaltende Effekte erzielen kann. Auch Ottmar hat in der Motivationsarbeit nicht zu spektakulären Dingen gegriffen, das überholt sich.
In München haben Sie in anderen Dimensionen gedacht als in der Pfalz.
Das ist doch ein Reiz: In Kaiserslautern ist zwar alles eine Dimension kleiner, aber der Klub ist sehr professionell aufgestellt. Hier lebt die Tradition, das ist kein Plastikklub, sondern ein elektrisierender Verein. Die ganze Region fiebert mit. Eigentlich ist dies das größte Potenzial des Fußballs.
Es hieß, der gebürtige Westfale und in München heimisch gewordene Michael Henke passe überhaupt nicht in die Pfalz. Dann sind Sie mit ihrer Familie direkt nach Kaiserslautern gezogen.
Ich wollte mittendrin leben, ich kannte ja die Gegend, denn meine Frau stammt aus Alzey; sie hat jetzt wieder engen Kontakt zur Verwandtschaft. Nur wenn die Kinder, die 15 und 17 Jahre alt sind, in der Schule in München hätten bleiben wollen, dann hätten wir einen Weg finden müssen. Aber ich habe das Gefühl, beide wollten unbedingt mit zu meiner ersten Tätigkeit als Cheftrainer.
Spüren Sie keine Vorbehalte?
Ich habe das persönlich bisher nicht einmal gespürt; nicht beim Bäcker, nicht an der Tankstelle. Ich gehe offen auf alle zu. Das ist der Weg, um überall zurechtzukommen.
Sie haben mal gesagt, der 1. FC Kaiserslautern sei weder Sprungbrett noch Zwischenstation. Wie lange bleiben Sie?
Ich bin ein sesshafter und kein sprunghafter Typ. Ich kann mir vorstellen, hier relativ lange zu arbeiten. Vom Grundsatz treibt mich hier nichts weg. Aber ich kenne die Mechanismen des Geschäfts und weiß, dass ich das nicht alleine entscheide.
Interview: Frank Hellmann
Michael Henke über den Rollentausch vom Co- zum Chef-Trainer und seine heutige Bindung zu Ottmar Hitzfeld
Frankfurter Rundschau: Mit einem Sieg gegen Werder Bremen könnte der 1. FC Kaiserslautern heute Tabellenzweiter sein.
Michael Henke: Werder Bremen gehört zu den sechs, sieben Mannschaften, die nicht unsere Kragenweite sind. Gegen diese Teams verlieren wir drei von fünf Spielen, eines geht unentschieden aus, eines gewinnen wir. Das ist realistisch. Aber niemand weiß, wann der Zeitpunkt ist, dass wir das Spiel gewinnen. An den Kräfteverhältnissen ändert das auf Dauer nichts.
Bei Werder Bremen wird im Training oft nur "Fünf-gegen-zwei" und ein Spiel gemacht. Wenn man bei Ihnen zuschaut, dann sieht das anders aus: Fitness- und Balanceübungen, individuelle und taktische Schulungen. Wie wichtig ist Training?
Training ist sehr wichtig, um etwas zu verbessern, auch bei Spielern, die schon zehn, zwölf Jahre Ausbildung hinter sich haben. Nur darf man in dieser Frage nicht naiv sein: Man macht aus einem Grobtechniker keinen filigranen Zauberer mehr. Aber um eine Mannschaft im Zusammenspiel auf ihr höchstes Niveau zu führen, braucht es viel Training. Wir erleben das ja gerade in Kaiserslautern, wie sich das Team kontinuierlich verbessert. Bei uns ist das Steigerungspotenzial größer als für Real Madrid, Barcelona oder Bayern München. Dort ist mehr Timing gefragt; da ist das Training auch schon mal Beschäftigungstherapie.
Bei Ihnen geht es fast so intensiv und akribisch zu wie bei Jürgen Klinsmann. Thomas Riedl sagt, bei Ihnen werden sogar die Haarspitzen gedehnt. Ingo Hertzsch glaubt, so etwas habe hier bisher gefehlt. Wer hat Sie da in Ihrer Philosophie beeinflusst?
Die Inhalte sind ein Produkt aus meinen Erfahrungen, viele davon vom FC Bayern. Vieles, was hier jetzt Reha-Trainer Zvonko Komes betreibt, hat Physiotherapeut Oliver Schmidtlein bei Bayern genauso gemacht. Und ich habe etwas einfließen lassen aus dem Jahr, in dem ich mir unter anderem bei Celtic Glasgow oder Arsenal London einiges angeschaut habe.
Sie haben eine Hospitanz bei Arsène Wenger gemacht.
Wir haben uns in London während der Trainingseinheiten sehr intensiv ausgetauscht. Das war insgesamt sehr fruchtbar. In jenem Jahr habe ich mit Manfred Rauscher (heute Co-Trainer des 1. FC Kaiserslautern) auch viele Spiele beobachtet, häufig Champions League in Italien. Dann haben wir darüber diskutiert, welche Lehren würde man ziehen, hätte man jetzt ein Team zu betreuen.
Die Simulation des Ernstfalls.
Ich habe mir überlegt, wenn ich mal Cheftrainer werden könnte, wen ich an meiner Seite haben wollte. Manfred Rauscher hat 2002 bei Bayern sein Praktikum für die Fußball-Lehrer-Lizenz absolviert. Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist der Richtige. Du musst mit dem Co-Trainer auf einer Wellenlänge sein, die gleiche Philosophie verfolgen.
Spielt er Ihre frühere Rolle?
In vielen Teilen ja. Ich habe schon ein Profil gesucht, das dem nahe kommt. Ohne zu viel über mich sprechen zu wollen, glaube ich, dass ich in den Jahren als Co-Trainer einen optimalen Job gemacht habe.
Was ist der größte Unterschied zwischen Co- und Chef-Trainer?
Als Co-Trainer war meine Priorität, Ottmar Hitzfeld den Rücken freizuhalten und ihm Arbeit abzunehmen. Schon da habe ich gemerkt, dass Ottmar viel intensiver mit der Auswahl der Spieler oder der Aufstellung beschäftigt war als ich. Das merke ich jetzt auch, nehmen wir die Entscheidung bei den Torhütern: Jürgen Macho oder Thomas Ernst? Du sprichst mit dem Trainerstab, dann überlegst du lange. Am Ende fällt diese Entscheidung jetzt allein auf dich zurück.
Ist das mehr Stress?
Früher konnte ich besser abschalten. Der Stress als Chef hat eine andere Qualität, weil du jede Entscheidung nach außen hin vertreten musst - auch im Worst Case. Aber nervenaufreibend war es als Co-Trainer auch.
Sie galten an Hitzfelds Seite als derjenige, der viel gezetert und geschimpft hat. War das nur Fassade?
Nein, ich bin schon sehr impulsiv und ein emotionaler Mensch. Nur heute will ich nicht im direkten Kontakt mit der Mannschaft strukturlos herumschreien. Da muss ich mich unter Kontrolle halten.
Also sind Sie temperamentvoller als Ottmar Hitzfeld?
(überlegt lange) Ich bin in letzter Konsequenz nicht so kontrolliert wie er - so fähig zur totalen Selbstkontrolle in extremen Situationen bin ich nicht. Eigentlich ist Ottmar auch ein sehr emotionaler Mensch, aber sein Credo war immer, seine Emotionen nicht nach außen zu kehren.
Wie viel Kontakt haben Sie noch?
Wenn man darunter nicht versteht, täglich zu telefonieren, sondern auch nur mal per SMS zu kommunizieren und dann wieder zweimal in drei Tagen miteinander zu reden, dann stehen wir in ständigem Kontakt. Wir haben uns zuletzt in München bei einer Veranstaltung gesehen, nach den Spielen hat er mit per SMS Glückwünsche ausgesprochen. Und wenn es nach Engelberg in der Schweiz nicht so weit wäre, würde ich da auch mal gern wieder hinfahren.
Nerven Sie die ewigen Vergleiche mit Ottmar Hitzfeld?
Nein, denn ich hatte mit meiner Rolle als Co-Trainer nie ein Problem. Ich möchte keinen Tag der Zusammenarbeit im Rückblick missen. Es ist doch klar, dass immer gefragt wird, wie viel Hitzfeld steckt in Henke.
Wie viel denn?
Ich arbeite in vielen Dingen anders als Ottmar, schon das Training sieht ja ganz anders aus. Aber in einer Sache ticken wir sehr ähnlich: Genau wie er bin ich davon überzeugt, dass man nur mit Sachlichkeit länger anhaltende Effekte erzielen kann. Auch Ottmar hat in der Motivationsarbeit nicht zu spektakulären Dingen gegriffen, das überholt sich.
In München haben Sie in anderen Dimensionen gedacht als in der Pfalz.
Das ist doch ein Reiz: In Kaiserslautern ist zwar alles eine Dimension kleiner, aber der Klub ist sehr professionell aufgestellt. Hier lebt die Tradition, das ist kein Plastikklub, sondern ein elektrisierender Verein. Die ganze Region fiebert mit. Eigentlich ist dies das größte Potenzial des Fußballs.
Es hieß, der gebürtige Westfale und in München heimisch gewordene Michael Henke passe überhaupt nicht in die Pfalz. Dann sind Sie mit ihrer Familie direkt nach Kaiserslautern gezogen.
Ich wollte mittendrin leben, ich kannte ja die Gegend, denn meine Frau stammt aus Alzey; sie hat jetzt wieder engen Kontakt zur Verwandtschaft. Nur wenn die Kinder, die 15 und 17 Jahre alt sind, in der Schule in München hätten bleiben wollen, dann hätten wir einen Weg finden müssen. Aber ich habe das Gefühl, beide wollten unbedingt mit zu meiner ersten Tätigkeit als Cheftrainer.
Spüren Sie keine Vorbehalte?
Ich habe das persönlich bisher nicht einmal gespürt; nicht beim Bäcker, nicht an der Tankstelle. Ich gehe offen auf alle zu. Das ist der Weg, um überall zurechtzukommen.
Sie haben mal gesagt, der 1. FC Kaiserslautern sei weder Sprungbrett noch Zwischenstation. Wie lange bleiben Sie?
Ich bin ein sesshafter und kein sprunghafter Typ. Ich kann mir vorstellen, hier relativ lange zu arbeiten. Vom Grundsatz treibt mich hier nichts weg. Aber ich kenne die Mechanismen des Geschäfts und weiß, dass ich das nicht alleine entscheide.
Interview: Frank Hellmann