@Pattelinho: Ich kann deine Skepsis nachvollziehen, aber ich finde, man sollte den Transfer etwas differenzierter betrachten.
Die nackten Zahlen der vergangenen Saison erzählen eben nicht die ganze Geschichte. Fünf Tore in 31 Einsätzen sind sicherlich keine überragende Ausbeute, aber sie sagen zunächst einmal wenig darüber aus, welche Rolle der Spieler in seinem bisherigen Team hatte oder unter welchen Voraussetzungen er gespielt hat.
Gerade bei Offensivspielern hängen Statistiken oft stark vom Spielsystem und der Qualität der Mitspieler ab, und die war bei Eintracht Braunschweig als zweitungefährlichster Offensive der Liga hinter Fortuna Düsseldorf bekanntermaßen alles andere als das Gelbe vom Ei. Hinzu kommt, dass der BTSV (wie so oft) rund zwei Drittel der Saison im unteren Tabellendrittel festgesteckt bzw. gegen die sportliche Existenz gespielt hat. Auch das macht die Aufgabe für einen Offensivspieler nicht einfacher, insbesondere wenn er zudem häufig als alleinige Spitze in einem Ein-Mann-Sturmsystem auflaufen muss.
Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass Yardimci mit seiner hohen Laufbereitschaft, seinem aggressiven Anlaufverhalten und seiner Intensität gegen den Ball gute Voraussetzungen für ein stark mannorientiertes Pressingsystem wie dem unter TL mitbringt. Rein von seinem Profil her würde ich ihn deshalb fast als eine Art Hybrid aus Hanslik und Bassette bezeichnen. Lieberknecht hat zuletzt, wenn ich mich richtig erinnere, auch ausdrücklich die berühmten Tiefenläufe angesprochen, die uns in der vergangenen Saison nahezu komplett gefehlt haben. Mit Verpflichtungen wie Tazemeta, Kanaté oder eben Yardimci scheint man dieses Defizit nun gezielt angehen zu wollen. Ich halte diesen Ansatz grundsätzlich für sinnvoll, weil Yardimci genau dieses Profil mitbringt und dem Kader deutlich mehr Dynamik und Tempo verleihen dürfte als das bislang vorhandene Personal.
Ich möchte dir aber auch beipflichten, die (erneute) Verpflichtung eines Spielers der gerade gegen den FCK fast 50% seiner Saisontore erzielt hat und sich damit in der „Boris-Notzon-Excelliste“ sicherlich gute 10-20 Zeilen weiter nach oben katapultiert hat, lassen auch nach meinem Dafürhalten den Gedanken zu, als bediene man sich gewisser „Muster“, die man über die vergangenen Jahre immer mal wieder registrieren musste.
Persönlich bin ich mir deshalb auch heute noch nicht sicher, ob bei uns tatsächlich ein fortschrittliches und modernes Scouting mit progressiven Transfers wie Kim, Bassette oder Skyttä verfolgt wird. Gleichzeitig verpflichtet man jedoch immer wieder Spieler mit ähnlichen Profilen, deren Verpflichtungen für sich genommen durchaus nachvollziehbar erscheinen. In der Gesamtschau lassen sie jedoch Zweifel an einer klaren und konsequenten Transferstrategie aufkommen. Transfers wie Emreli, Berisha, Sahin oder Asta vermitteln daher häufig den Eindruck, dass unterschiedliche Ansätze nebeneinander verfolgt werden, anstatt einer einheitlichen Linie zu folgen. Dadurch wirkt die Kaderplanung aus ganz verschiedenen Gründen oft wenig durchdacht und strukturell inkonsequent - deshalb: Ja, auch ich hege in der eigentlichen Kaderplanung Zweifel und das nicht erst seit diesem Jahr.
Entscheidend ist oder sollte vielmehr doch allerdings sein ob der Spieler ins gesuchte Profil passt und ob die Verantwortlichen glauben, dass sie sein Potenzial besser ausschöpfen können als sein bisheriger Verein. Vielleicht soll Yardimci dieser „Target-Men/Zielspieler“ mit 10-15 Saisontoren auch gar nicht sein und hier das „Pressingmonster“ geben, das Gegenspieler verfolgt, Pressingtrigger erkennt, intensive Sprints wiederholt und nach Ballverlusten sofort umschaltet. Ich persönlich kann mir durchaus gut vorstellen, dass Yardımcı genau diese Anforderungen beim FCK erfüllen könnte.
Und klar - Natürlich kann der Transfer scheitern – wie jeder andere auch. Aber ihn allein aufgrund der letzten Saison oder wegen schlechter Erfahrungen mit ähnlichen Verpflichtungen im Vorfeld als Fehlgriff abzustempeln, halte ich für verfrüht. Am Ende wird der Platz zeigen, ob die Verantwortlichen richtig lagen.