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Hysterie in den Kurven

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Hysterie in den Kurven



Von Christoph Biermann



Randale beim Training, Pöbeleien im Fanbus: Die Übergriffe von Fußballfans häufen sich. Die Ausfälle der Anhänger in Dortmund oder Dresden sind anmaßend, aber die Vereine leisten dem auch Vorschub. Sie spannen die Fans ein, wenn es ihnen in den Kram passt.



In den vergangenen Tagen gab es zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick im Gegensatz zueinander stehen. Zunächst bedrohten Fußballfans am vergangenen Wochenende in Mönchengladbach, Köln und Dresden die Spieler ihres Clubs am Trainingsplatz, Dortmunder Anhänger randalierten in einem Fanbus. Am Dienstag dieser Woche startete dann unter der Schirmherrschaft des HSV-Keepers Frank Rost und des Fernsehreporters Günther Koch ein Fonds für Fanrechte. Dieser soll Fußballanhänger juristisch und finanziell unterstützen, die etwa zu Unrecht Stadionverbote erhalten haben.



Die Meldungen über Fußballfans als Täter und Opfer sind beide die Folge einer hysterisierten Situation in den Kurven und von vielfach ungeklärten Verhältnissen. So werden Fans, die heute meist nur freundliche Fußballtouristen sind, nicht selten immer noch wie Vieh zum Stadion transportiert und dort entsprechend behandelt. Dabei hat von wenigen Ausnahmen abgesehen im deutschen Profifußball das Zeitalter des weitgehend gewaltlosen Zuschauens längst begonnen. Natürlich gibt es jene Probleme, die es immer gibt, wo viele junge Männer zusammenkommen und Alkohol eine Rolle spielt. Doch Polizei und Ordnungskräfte scheinen mitunter noch die Geister der Vergangenheit zu bekämpfen.



"Fußballfans sind keine Verbrecher" ist daher ein Sprechchor, der in deutschen Stadien ganz oft angestimmt wird. Doch manchmal stimmt er eben nicht, wenn Fans Rauchpulver zünden oder Bierbecher auf den Platz werfen, wenn sie auf dem Weg ins Stadion Busse und Bahnen demolieren oder nur ständig die Notbremsen ziehen. Nicht jedes Einschreiten der Ordnungskräfte ist daher ein Akt der Repression, für den Fans ihn halten. Selbst wenn man Fankurven als einen Ort sieht, an dem man sich verhalten kann wie anderswo nicht, gelten auch dort Regeln.



Ein anderer populärer Slogan in den Kurven ist heute: "Gegen den modernen Fußball". Gemeint ist ein Fußball, der allein von wirtschaftlichen Interessen diktiert wird und Fußball als Teil einer Unterhaltungsindustrie versteht. Viele Fans sehen sich dazu in Opposition und als edle Schützer einer Idee des wahren Fußballs, in dem Leidenschaft die zentrale Rolle spielt und nicht das Geld. Dadurch stellen sich die besonders leidenschaftlichen Anhänger über die anderen, die weniger passioniert sind.



Unausgegorene Verhältnisse



Das ist ihnen unbenommen, nur ist daraus kein Mandat dafür abzuleiten, auf dem Trainingsplatz mal nach dem Rechten zu schauen. Der Soziologe Klaus Theweleit hat bereits vor einigen Jahren von einem "schrägen Witz" gesprochen, als Fußballfans begannen, Formen von politischem Protest auszuleihen. Etwa Sitzblockaden vor Mannschaftsbussen abzuhalten, um den Unmut über schlechte Leistungen zu artikulieren. Den Besuch auf dem Trainingsplatz muss man wohl als radikalisierte Form eines solchen Protestes sehen. Die Fans übernehmen dabei sogar eine Aufgabe des Vereins. Sie "machen den Spielern Beine", weil Trainer und Vorstand ihrer Meinung nach nicht dazu in der Lage sind.



"Wir sind Borussia" stand auf dem Transparent, hinter dem sich die Gladbacher Fans am vergangenen Samstag bedrohlich versammelten. Doch genau das stimmt nicht, es ist eine Anmaßung. Sie mögen auch Borussia sein, aber sie sind es nicht alleine.



Doch auch die Clubs wechseln ihr Verhalten so, wie sie es gerade brauchen. Im Zweifelsfall wird in den Momenten der Krise vor allem an die Treuesten der Treuen appelliert, oder man spannt sie auf eine Weise zur Stimmungsmache ein, wie es der 1. FC Köln neulich getan hat. In einem unübersichtlichen Vertragsstreit mit dem Stürmer Patrick Helmes, der beim Rivalen in Leverkusen unterschrieben hatte, wurde in einem offiziellen Treffen des Managements mit führenden Fanvertretern deren Meinung eingeholt. Sie bestand darin, dass Helmes bleiben soll. Welche Rolle haben die Fans im Verhältnis zwischen dem Arbeit gebenden Club und dem Arbeit nehmenden Spieler? Sollten Sie einfach Druck ausüben? Dass dann irgendwer auf die Idee kam, auch mal beim Training auf den Busch zu klopfen, verblüfft da schon nicht mehr.



Wo die Verhältnisse so unausgegoren sind, wird es nicht zum letzten Mal geknallt haben. Und der Fonds für Fanrechte dürfte auch eifrig benutzt werden.



Quelle: www.spiegel.de
 
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