Achtung Wall of Text...
Zuerst einmal zum Spiel gestern. Ich fand das Finale insgesamt auf einem mäßigen Niveau, was aber nicht gänzlich untypisch für wichtige Spiele ist (siehe CL Halbfinale oder Finale dieses Jahr). In den 90 Minuten war Frankreich sicherlich das bessere Team, weniger aufgrund ihrer spielerischen Klasse als wegen den besseren Torchancen. Portugal musste den Ausfall ihres Stars, Systemumstellung etc erstmal sichtbar verdauen. Im übrigen empfand ich das "Foul" von Payet schon ahndungswürdig. Er kommt mit vollem Risiko ohne Rücksicht auf die Gesundheit des Gegenspielers. Dass er den Ball trifft, ist fast mehr Glück als Können. Glaub für ne ähnliche weitaus weniger "harte" Aktion hat Ribery mal glatt rot gesehen in einem Championsleague Halbfinale. Foulspiel wäre definitiv die richtige Entscheidung gewesen evtl. auch noch Gelb. Geschenkt, die Verletzung ist wohl nicht so schlimm und irgendwie ist es jetzt wohl auch die Geschichte weswegen man sich an dieses Finale erinnern wird. Portugal konnte allerdings in der Verlängerung mehr zulegen und war genau dann da als Frankreich der Mut und vllt. auch die Kraft fehlte. Von daher gesehen geht der Sieg in diesem Spiel zumindest in Ordnung.
Ob es insgesamt verdient war, kann man sich natürlich trefflich drüber streiten. Spielt aber letzten Endes auch keine Rolle. Schön war der Fußball nicht, wenn überhaupt taktisch ausgereift und von einem starken Kollektiv umgesetzt. Was man den Portugiesen zu Gute halten muss, wenn es drauf ankam, in den engsten Situationen, Verlängerung und Elfmeterschießen, waren sie da. Ist sicherlich auch eine Qualität. Auf der Gegenseite hat sicherlich nicht das fußballerisch beste Team die EM gewonnen und auch ich sehe einen Vorteil für Portugal der im neuen Modus begründet liegt. Nicht nur, dass sie als Gruppendritter in Achtelfinale eingezogen sind, sondern auch dass sie durch den Lastminutetreffer der Isländer gg Österreich auch noch in die deutlich leichtere Hälfte des K.O.-Spiel-Baumes rutschten.
Bringt mich zu Punkt 2. Den Modus und das Turnier spielerisch zu bewerten. Insgesamt war das Turnier spielerisch auf einem mäßigen Niveau. Für mich haben gut dreiviertel aller Teams einen ähnlichen Fußball gespielt wie Portugal, wobei es auch da natürlich qualitative Unterschiede gibt. Was mich aber überrascht ist die Vehemenz mit der jetzt bei der EM darauf rumgeritten wird. Meiner Meinung nach trägt da das Turnier nur einer allgemeinen Entwicklung im Fußball Rechnung. Die Leute tun jetzt so als würde sonst überall nur sicherheitsbefreiter, offensiver Fußball gezeigt werden. Wenn man ehrlich ist, sieht man aber das Muster entweder eine in punkto Ballbesitz und spielerischer Qualität vollkommen überlegene Mannschaft gg ein nur defensiv ausgerichtetes, limitiertes Team oder gar 2 Teams gegeneinander, die in erster Linie kein Tor fangen wollen, in bis zu 10 von 18 Erst- und Zweitligaspielen Woche für Woche. Das gleiche Bild fast durch die komplette Gruppenphase der CL und EL, EM und WM-Quali und und und... Die neue Qualität ist vielleicht, dass selbst Teams, die aus sehr guten Einzelspielern bestehen wie Portugal, dies in den meisten Spielen konsequent durchziehen. Auch absolute Topteams wie Frankreich (gg Deustchland) oder Atl. Madrid (in der CL) scheuen sich nicht, in wichtigen Spielen darauf zurückzugreifen. Der Erfolg gibt ihnen recht. So kommen halt Partien wie Portugal-Kroatien oder Portugal-Polen zustande. Partien, die so auch garantiert im 16er-Modus zustande gekommen wären. Die relative spielerische Armut allein am Modus festzumachen, wäre meiner Meinung nach ein fataler Irrglaube. Die WM 2014 war spielerisch, das haben die vergangenen 2 Jahre gezeigt, mit ihrer offensiven Spielweise leider eher die Ausnahme als die Regel.
Andere Dinge spielten da sicherlich auch eine Rolle. Viele wichtige Spieler wirkten schon müde und überspielt. Offensiv fehlten fast allen Teams in der Regel die Lösungen. Auch hier sehe ich das Problem nicht nur (wie es im Bezug aufs deutsche Team gerne dargestellt wird) im Fehlen echter Stürmer. Im Gegenteil viele Teams haben doch wieder mit "echten" 9ern von hoher Qualität gespielt. Kaum einer von ihnen hat ein richtig gutes Turnier gespielt. Gomez, Pelle und evtl. noch Giroud mit Abstrichen. Wirklich getroffen haben Gomez und Giroud auch nur gegen die Fußballgroßmächte Nordirland, Slowakei, Rumänien und Island. Ganz zu Schweigen von Leuten wie Lewandowski, Vardy, Kane, Lukaku oder Mandzukic, die übers Turnier betrachtet noch weniger Torgefahr versprühten und/oder zu viel mit anderen aufgaben betreut waren. Überzeugender waren da doch wieder eher diese Mischtypen aus offensivem Mittelfeldspieler und Außenstürmer wie Griezmann, Bale oder auch CR7, der für mich kein reinrassiger 9er ist. Hier hat Deutschland in diesem Turnier definitiv ein Mann gefehlt. Müller ist es ja in der Regel, aber er spielte ein gebrauchtes Turnier. Die Rolle eines Stürmers ist für mich nach diesem Turnier noch komplexer geworden. gesucht wird in Zukunft bestimmt kein reiner Knipser und auch kein reiner spielender, falscher 9er, sondern einer der beide Eigenschaften vereint. Seine Mitspieler in Szene setzt und selbst torgefährlich ist. Offensive Lösungen gegen Abwehrbollwerke parat hat und selbst dennoch auch nach hinten fürs Team arbeitet. Davon gibt es bisher weltweit nur wenige Stürmer. Somit war es eher das Turnier der Innenverteidiger, der Boatengs, Höwedes, Chielinis und Pepes (um nur einige zu nennen), was ich persönlich nicht so schlimm finde. Konsequentes, sicheres Verteidigen ist nun mal auch kein kleiner unbedeutender Bestandteil von Fußball. So ne Grätsche von Höwedes gg Giroud hat doch auch was...
Bleibt noch der Modus mit 24 Teams insgesamt. Ich stehe dem nach wie vor ambivalent gegenüber. Die größten Gegenargumente sind aus meiner Sicht die Entwertung der Gruppenphase durch das Ausscheiden von nur 8 Teams und beinahe noch schlimmer (!) der Qualifikation. zumindest aus Sicht der Topteams betrachtet. Die spielerische Armut sehe ich weniger im Modus begründet (siehe oben), ob mit 16 oder 24 Teams abseits der Topteams (GER, FRA, ITA, SPA, die sich fast alle gegenseitig rausgekegelt haben) mangelt es fast allen Teams an Qualität. Viele Leute schreiben nicht ganz zu unrecht, dass durch die Aufstockung jetzt zu viele schlechte Teams am Start waren, sagen aber parallel, dass ihnen insbesondere Island, Wales oder andere "kleine" Teams imponiert haben. Klar dieses Teams hätten sich jetzt auch im 16er Modus qualifiziert, gut möglich dass aber genau sie evtl. nächstes Mal Profiteure der neuen Regelung sind. Und evtl sind ihre tollen Leistungen auch gerade durch den neuen Modus begünstigt. Keine Ahnung ob alle hier Island auch eine so tolle EM und erfrischenden Fußball attestiert hätten, wenn die Gruppe nicht ISL, AUT, POR, UNG, sondern FRA, POR, KRO, ISL was bei 16 Teams realistisch gewesen wäre, gelautet hätte. Egal das Thema bleibt auch für mich umstritten...
Als abschließenden Satz: Nach allem was ich von den Fans aller Nationen und als neutraler Zusuchauer der Partie Belgien-Wales in Lille stimmungstechnisch gesehen habe (auch am Tag danach noch), finde ich es gut, dass zukünftigt 8 Teams und ihre Fans mehr die Chance haben, die einzigartige Atmosphäre einer EM zu genießen und mitzugestalten.