Rauchbomben auf der Tribüne, ein Fan läuft über den Stadionrasen – doch der TV-Zuschauer sieht davon nichts: Erstmals produziert die UEFA die EM-Fernsehbilder selbst und wacht mit chinesischer Akribie über die „Sauberkeit“.
Deutschland gegen Kroatien bei der EM. Das Wörthersee-Stadion kocht, es steht 0:1 in Klagenfurt. Der kroatische Fanblock ist komplett in roten Rauch eingehüllt. ZDF-Kommentator Béla Réthy spricht erregt von „Feuerwerkskörpern“ – aber der Fernsehzuschauer sieht davon: nichts.
Beim Spiel Österreich – Kroatien einige Tage zuvor in Wien läuft ein kroatischer Fan jubelnd auf den Rasen, ein UEFA-„Steward“ in gelber Weste verfolgt ihn, fällt auf die Nase, steht wieder auf, das Stadion feixt, die Spieler sind irritiert, die UEFA sieht gar nicht gut aus in diesem Moment, und der geneigte Fernsehzuschauer sieht wiederum: nichts.
Was ist da los? Erstmals produziert der Europäische Fußballverband UEFA die EM-Fernsehbilder aus allen acht Stadien selbst, das „Weltbild“ also, das alle Partnersender ausstrahlen, auch ARD und ZDF. In den Übertragungswagen der eigens gegründeten Tochterfirma UEFA Media Technologies (UMET) sitzen von der UEFA bezahlte Gastregisseure – und kein Bild, das die allmächtigen Fußballfunktionäre nicht freigegeben haben, flimmert über die Millionen Bildschirme in aller Welt. Nach zehn Tagen EM wird deutlich, worauf es der UEFA dabei ankommt: Störungsfrei und perfekt soll die EM aussehen, gesäubert von allem, was nach Chaos und Nichtplanbarkeit riecht.
Und so bekommt das Schlagwort vom „sauberen Sport“ eine ganz neue Bedeutung. Geradezu klinisch wirken die EM-Fernsehbilder, wenig ist sichtbar, was dem geneigten Publikum zu Hause eine Ahnung böte von der Stimmung abseits des Rasens: Nichts ist zu sehen von fröhlichen Bikinimädchen (um streng religiöse Länder nicht zu verschrecken), von brennenden Flaggen (um nationale Gefühle nicht zu verletzen), von Fans außer Rand und Band (weil Fans ja live immer ein optisches Sicherheitsrisiko sind). Randalebilder mögen nicht schmückend sein, gehören aber zu fairer Berichterstattung dazu.
„Wir konzentrieren uns auf die sportlich relevanten Dinge“, begründet UEFA-Sprecher Wolfgang Eichler die exotische Schnittkunst der Fernsehmacher. Exakt mit diesem Wortlaut versucht das chinesische Staatsfernsehen, den Tibet-Konflikt aus der Olympia-Berichterstattung auszublenden und schwenkte bei der Entzündung der Fackel in Athen minutenlang auf grünes Gestrüpp am Wegesrand, statt Tibet-Aktivisten zu zeigen. Und auch Eichlers nächster Satz erinnert schwer an das Vokabular chinesischer Propagandisten: Man wolle „Chaoten keine Bühne bieten“.
Darum also sieht manches EM-Spiel so steril aus wie ein Match auf der Playstation, fast unwirklich in seiner Leblosigkeit. Der technische Aufwand ist hoch, bis zu 28 Kameras und 26 Mikrofone sind pro Spiel im Einsatz – doch das Ergebnis ist abseits des Rasens merkwürdig dünn: Stadiontotalen, Tribünenschwenks, Menschenmassen statt Gesichter, lange Wiederholungen.
Die Kundschaft murrt. An 213 Sender in 205 Länder hat die UEFA die EM-Fernsehrechte über die Agentur Sportfive verkauft und dafür mehr als 650 Millionen Euro kassiert. Allein ARD und ZDF zahlten 115 Millionen Euro, das sind stolze 4,26 Millionen Euro pro EM-Spiel. Ein WM-Spiel war vor zwei Jahren noch für 3,75 Millionen zu haben.
Nicht jeder Sender ist mit dem einverstanden, was er für dieses Geld geliefert bekommt. Das Schweizer Fernsehen SRG, immerhin Sender des EM-Gastgebers, kündigte gar ein offizielles Protestschreiben gegen die Bildregie der UEFA an. Fernsehchef Armin Walpen spricht offen von „Zensur“. Große Sportverbände versuchten zunehmend, sich mit eigenen Produktionsfirmen die Hoheit über Bild und Ton zu sichern, sagte Walpen. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich ist über die UEFA-Bilder nicht glücklich. „Das Ganze hat eine tiefere Problematik angenommen, und man muss überlegen, ob man das weiter so akzeptieren kann“, sagte ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser.
Zensiert die UEFA die EM? Das böse Stichwort von den „chinesischen Verhältnissen“ macht die Runde. Die EM zeigt, was passiert, wenn Veranstalter selbst darüber entscheiden, was „relevant“ ist und was nicht. Das Ergebnis ist glattes, gesichtsloses Konsensfernsehen, politisch korrekt und peinlich bemüht, niemanden zu verletzen.
Am Ende aber zerstört die UEFA mit dem krampfhaften Bemühen um optische Perfektion ihr eigenes Produkt. Sekundengenaue Zeitpläne, gesperrte Straßen für UEFA-Delegationen, Computerchips in den Flaggen der Linienrichter, Schiedsrichter mit Headset, Fans als „störende Elemente“, durchchoreografierte Sponsorenpräsentationen, keimfreie Bilder – so geht das Spontane, das Unplanbare am Fußball verloren. Eine EM ist mehr als Fußball. Von den Begleiterscheinungen aber, angenehmen wie unangenehmen, ist wenig zu sehen. Die EM-Fernsehbilder sind wieder ein Indiz dafür, dass allzu heftige Kommerzialisierung zu einer Entmenschlichung des Sports führt.
Überraschend zurückhaltend geben sich ARD und ZDF, was die Qualität der EM-Bilder angeht. Ein Grund könnte sein, dass deutsche Produktionsfirmen mitverantwortlich sind: Die Sportcast GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Fußball Liga (DFL), ist für die Fernsehbilder aus Bern und Innsbruck zuständig. Volker Kottkamp, EM-Teamchef der ARD, geht „generell davon aus, dass wir von der UEFA ein unzensiertes Bild bekommen“ und verweist ansonsten auf die drei ARD-eigenen Kameras in den Stadien. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz bezeichnete es jedoch als „Unsitte“, dass die Regie der UEFA nach Zeitlupen und Naheinstellungen zu spät zum Livebild zurückkehre.
Ist die EM ein Vorgeschmack darauf, was Deutschland in Sachen Fußballfernsehen droht? Auch die Fußball-Liga plant, die TV-Bilder von der Bundesliga von 2009 an selbst zu produzieren. Das käme einer Entmündigung der Sportberichterstatter gleich. Der Pay-TV-Sender Premiere, bisheriger Produzent der Bilder, läuft Sturm gegen die Pläne. Die DFL hofft auf mehr Wettbewerb im Pay-TV – und damit natürlich auf mehr Geld. Journalistisch ist dieser Trend hoch problematisch. Seit Jahren schon produzieren große Konzerne wie Siemens oder Volkswagen die Bilder etwa von Jahreshauptversammlungen in Eigenregie. Nächster logischer Schritt im Fußball wäre es, wenn die UEFA die Spiele gleich selbst kommentieren lässt.
Das hieße dann: Auf Wiedersehen, Béla Réthy. Und auf Wiedersehen unabhängiger Sportjournalismus.
von Imre Grimm
Quelle: HAZ
Deutschland gegen Kroatien bei der EM. Das Wörthersee-Stadion kocht, es steht 0:1 in Klagenfurt. Der kroatische Fanblock ist komplett in roten Rauch eingehüllt. ZDF-Kommentator Béla Réthy spricht erregt von „Feuerwerkskörpern“ – aber der Fernsehzuschauer sieht davon: nichts.
Beim Spiel Österreich – Kroatien einige Tage zuvor in Wien läuft ein kroatischer Fan jubelnd auf den Rasen, ein UEFA-„Steward“ in gelber Weste verfolgt ihn, fällt auf die Nase, steht wieder auf, das Stadion feixt, die Spieler sind irritiert, die UEFA sieht gar nicht gut aus in diesem Moment, und der geneigte Fernsehzuschauer sieht wiederum: nichts.
Was ist da los? Erstmals produziert der Europäische Fußballverband UEFA die EM-Fernsehbilder aus allen acht Stadien selbst, das „Weltbild“ also, das alle Partnersender ausstrahlen, auch ARD und ZDF. In den Übertragungswagen der eigens gegründeten Tochterfirma UEFA Media Technologies (UMET) sitzen von der UEFA bezahlte Gastregisseure – und kein Bild, das die allmächtigen Fußballfunktionäre nicht freigegeben haben, flimmert über die Millionen Bildschirme in aller Welt. Nach zehn Tagen EM wird deutlich, worauf es der UEFA dabei ankommt: Störungsfrei und perfekt soll die EM aussehen, gesäubert von allem, was nach Chaos und Nichtplanbarkeit riecht.
Und so bekommt das Schlagwort vom „sauberen Sport“ eine ganz neue Bedeutung. Geradezu klinisch wirken die EM-Fernsehbilder, wenig ist sichtbar, was dem geneigten Publikum zu Hause eine Ahnung böte von der Stimmung abseits des Rasens: Nichts ist zu sehen von fröhlichen Bikinimädchen (um streng religiöse Länder nicht zu verschrecken), von brennenden Flaggen (um nationale Gefühle nicht zu verletzen), von Fans außer Rand und Band (weil Fans ja live immer ein optisches Sicherheitsrisiko sind). Randalebilder mögen nicht schmückend sein, gehören aber zu fairer Berichterstattung dazu.
„Wir konzentrieren uns auf die sportlich relevanten Dinge“, begründet UEFA-Sprecher Wolfgang Eichler die exotische Schnittkunst der Fernsehmacher. Exakt mit diesem Wortlaut versucht das chinesische Staatsfernsehen, den Tibet-Konflikt aus der Olympia-Berichterstattung auszublenden und schwenkte bei der Entzündung der Fackel in Athen minutenlang auf grünes Gestrüpp am Wegesrand, statt Tibet-Aktivisten zu zeigen. Und auch Eichlers nächster Satz erinnert schwer an das Vokabular chinesischer Propagandisten: Man wolle „Chaoten keine Bühne bieten“.
Darum also sieht manches EM-Spiel so steril aus wie ein Match auf der Playstation, fast unwirklich in seiner Leblosigkeit. Der technische Aufwand ist hoch, bis zu 28 Kameras und 26 Mikrofone sind pro Spiel im Einsatz – doch das Ergebnis ist abseits des Rasens merkwürdig dünn: Stadiontotalen, Tribünenschwenks, Menschenmassen statt Gesichter, lange Wiederholungen.
Die Kundschaft murrt. An 213 Sender in 205 Länder hat die UEFA die EM-Fernsehrechte über die Agentur Sportfive verkauft und dafür mehr als 650 Millionen Euro kassiert. Allein ARD und ZDF zahlten 115 Millionen Euro, das sind stolze 4,26 Millionen Euro pro EM-Spiel. Ein WM-Spiel war vor zwei Jahren noch für 3,75 Millionen zu haben.
Nicht jeder Sender ist mit dem einverstanden, was er für dieses Geld geliefert bekommt. Das Schweizer Fernsehen SRG, immerhin Sender des EM-Gastgebers, kündigte gar ein offizielles Protestschreiben gegen die Bildregie der UEFA an. Fernsehchef Armin Walpen spricht offen von „Zensur“. Große Sportverbände versuchten zunehmend, sich mit eigenen Produktionsfirmen die Hoheit über Bild und Ton zu sichern, sagte Walpen. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich ist über die UEFA-Bilder nicht glücklich. „Das Ganze hat eine tiefere Problematik angenommen, und man muss überlegen, ob man das weiter so akzeptieren kann“, sagte ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser.
Zensiert die UEFA die EM? Das böse Stichwort von den „chinesischen Verhältnissen“ macht die Runde. Die EM zeigt, was passiert, wenn Veranstalter selbst darüber entscheiden, was „relevant“ ist und was nicht. Das Ergebnis ist glattes, gesichtsloses Konsensfernsehen, politisch korrekt und peinlich bemüht, niemanden zu verletzen.
Am Ende aber zerstört die UEFA mit dem krampfhaften Bemühen um optische Perfektion ihr eigenes Produkt. Sekundengenaue Zeitpläne, gesperrte Straßen für UEFA-Delegationen, Computerchips in den Flaggen der Linienrichter, Schiedsrichter mit Headset, Fans als „störende Elemente“, durchchoreografierte Sponsorenpräsentationen, keimfreie Bilder – so geht das Spontane, das Unplanbare am Fußball verloren. Eine EM ist mehr als Fußball. Von den Begleiterscheinungen aber, angenehmen wie unangenehmen, ist wenig zu sehen. Die EM-Fernsehbilder sind wieder ein Indiz dafür, dass allzu heftige Kommerzialisierung zu einer Entmenschlichung des Sports führt.
Überraschend zurückhaltend geben sich ARD und ZDF, was die Qualität der EM-Bilder angeht. Ein Grund könnte sein, dass deutsche Produktionsfirmen mitverantwortlich sind: Die Sportcast GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Fußball Liga (DFL), ist für die Fernsehbilder aus Bern und Innsbruck zuständig. Volker Kottkamp, EM-Teamchef der ARD, geht „generell davon aus, dass wir von der UEFA ein unzensiertes Bild bekommen“ und verweist ansonsten auf die drei ARD-eigenen Kameras in den Stadien. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz bezeichnete es jedoch als „Unsitte“, dass die Regie der UEFA nach Zeitlupen und Naheinstellungen zu spät zum Livebild zurückkehre.
Ist die EM ein Vorgeschmack darauf, was Deutschland in Sachen Fußballfernsehen droht? Auch die Fußball-Liga plant, die TV-Bilder von der Bundesliga von 2009 an selbst zu produzieren. Das käme einer Entmündigung der Sportberichterstatter gleich. Der Pay-TV-Sender Premiere, bisheriger Produzent der Bilder, läuft Sturm gegen die Pläne. Die DFL hofft auf mehr Wettbewerb im Pay-TV – und damit natürlich auf mehr Geld. Journalistisch ist dieser Trend hoch problematisch. Seit Jahren schon produzieren große Konzerne wie Siemens oder Volkswagen die Bilder etwa von Jahreshauptversammlungen in Eigenregie. Nächster logischer Schritt im Fußball wäre es, wenn die UEFA die Spiele gleich selbst kommentieren lässt.
Das hieße dann: Auf Wiedersehen, Béla Réthy. Und auf Wiedersehen unabhängiger Sportjournalismus.
von Imre Grimm
Quelle: HAZ