Das Spannende am Magdeburger Spiel ist für mich, dass sich der FCM unter Petrick Sander offenbar ein Stück weit vom bisherigen „Titz-Ball“ wegbewegt. Das passiert(e) natürlich nicht von heute auf morgen. Bereits in der vergangenen Saison wurde die Grundformation zunehmend und sukzessive auf ein 4-3-3 umgestellt, nachdem unter seinem Vorgänger noch häufiger ein flaches 3-4-3 zu erkennen war.
Ich habe am vergangenen Sonntag das Spiel gegen die Hertha verfolgt und war ehrlich gesagt überrascht, wie hoch das fußballerische Niveau auf beiden Seiten gewesen ist. Gerade angesichts der zahlreichen Abgänge im Sommer – auf Magdeburger Seite etwa Mathisen und Hugonet, bei der Hertha Reese, Cuisance, Winkler, Leistner und andere – hätte ich das so nicht unbedingt erwartet. Davon war auf dem Platz allerdings erstaunlich wenig zu spüren.
Die Partie war ausgesprochen kurzweilig und hätte für mich durchaus ein Remis verdient gehabt. Der vermeintliche Treffer zum 2:2 für Atik & Co. fiel sogar kurz nach Wiederanpfiff, wurde wegen einer hauchzarten Abseitsstellung vom VAR allerdings wieder einkassiert.
Auch beim FCK erkenne ich in dieser Hinsicht durchaus Fortschritte. Semih Sahin hatte das nach dem Spiel gegen die Lilien ja bereits eingeordnet: „Wir haben im Mittelfeld im Vergleich zur Vorsaison etwas umgestellt, wir wollen mehr Fußball spielen.“ An die Spiel- und Kombinationsqualität unseres morgigen Gegners kommen wir allerdings noch nicht ganz heran. Das ist aber auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie lange diese Spielweise in Magdeburg bereits praktiziert wird.
Für Samstag bedeutet das für mich zunächst einmal: Der FCK kann durchaus mit breiter Brust an die Elbe reisen und muss sich dort keinesfalls verstecken. Gleichzeitig erwarte ich einen entsprechend selbstbewussten 1. FCM, der vor heimischem Publikum offensiv auftreten und den „verlorenen Dreier“ aus Berlin zurückholen will. Das Spiel dürfte uns jedenfalls deutlich mehr abverlangen als zuletzt eine aktuell verunsicherte Darmstädter Mannschaft, die in ihrer derzeitigen Verfassung wohl eher zu den designierten Abstiegs- als Aufstiegskandidaten gehört.
Ein Schlüssel wird dabei sicherlich morge die linke Magdeburger Seite mit Nollenberger und Atik sein. Über die beiden laufen gefühlt 90 Prozent aller Angriffe des FCM. Auch wenn ich keinen wirklichen Grund sehe, unsere Startelf großartig zu verändern, könnte ich mir vorstellen, dass unser Trainer evtl. darüber nachdenkt, Asta für Joly beginnen zu lassen, um diese Seite zunächst defensiv etwas besser abzusichern.
Wirklich überzeugt bin ich davon allerdings nicht. Nach seiner Einwechslung gegen die Lilien fiel Asta im direkten Vergleich zu seinen Mitspielern doch deutlich ab und schwächte unsere rechte Seite eher, als dass er sie beleben konnte. Mit seinem Spielstil kann ich persönlich ohnehin häufig wenig anfangen. Gerade wenn von ihm erwartet wird, nicht nur defensiv sicher zu stehen, sondern sich auch am Angriffsspiel zu beteiligen, sehe ich bei ihm nach wie vor große Fragezeichen. Rein aus dem Bauch heraus wäre ich deshalb eher für die mutigere Lösung mit Paul Joly. Gerade er könnte die Räume ausnutzen, die zwangsläufig entstehen, wenn Nollenberger und Atik weit nach vorne aufrücken.
Haas und Kunze wären für mich auf Grundlage meiner Eindrücke aus den ersten vier, fünf Spielen ebenfalls noch kleinere Wackelkandidaten. Unser Trainer dürfte das allerdings vermutlich anders sehen und wohl nur dann Umstellungen vornehmen, wenn einer der beiden angeschlagen wäre – wonach es sich auf der gestrigen PK allerdings nicht angehört hat.
Interessant wird morgen sicherlich auch das Duell Haas gegen Bockhorn. Ebenso spannend dürften die Zweikämpfe zwischen Hyryläinen und den spielstarken Magdeburger Akteuren werden. Hyryläinen hat aktuell mit 61 gewonnenen Duellen sogar die meisten Zweikämpfe in der 2. Liga für sich entschieden. Auf der anderen Seite stehen mit Falko Michel und Moritz-Broni Kwarteng zwei Spieler, die für das Magdeburger Offensivspiel ebenfalls enorm wichtig sind.
Bei aller spielerischen Qualität des FCM sehe ich allerdings durchaus Ansatzpunkte für uns. Was mir für Samstag Mut macht, sind insbesondere die beiden Gegentore, die Magdeburg gegen die Hertha kassiert hat.
In beiden Situationen hatte der FCM gravierende Probleme mit der Absicherung nach Ballverlusten beziehungsweise nach hohem Gegenpressing. Die Berliner haben gezielt eine Überzahl in Ballnähe hergestellt, den Ball dadurch weit vorne gewonnen und anschließend mit zwei, drei schnellen Pässen hinter die aufgerückte Magdeburger Mannschaft genau die Räume attackiert, die sich dadurch geöffnet hatten.
Und genau hier sehe ich unsere Chance. Das 2:1 gegen St. Pauli durch Tazemeta entstand schließlich aus einem ähnlichen Muster: ein hoch gewonnener Einwurf, ein schneller Ballgewinn und anschließend konsequentes und direktes Umschalten. Natürlich wurde die Situation durch eine St.-Pauli-Abwehr begünstigt, die dabei von Tazemeta eher zu Statisten degradiert wurde. Das Grundprinzip war aber genau das, was uns auch in Magdeburg helfen könnte. Wenn wir diese Überladungen auf den Außen in den Griff bekommen und nach Ballgewinnen schnell die Räume hinter den aufgerückten Außen attackieren, könnte das ein entscheidender Ansatzpunkt sein. Mit Yardımcı, Tazemeta und Kanaté haben wir dafür inzwischen auch endlich die nötige Geschwindigkeit im Kader. Genau das ging uns in der vergangenen Saison meiner Meinung nach vollkommen ab.
Auch die neuformierte Innenverteidigung des FCM wirkte in entscheidenden Momenten noch nicht immer ganz sattelfest. Mit Tobias Müller fehlt am Samstag zudem ein weiterer wichtiger Innenverteidiger gesperrt. Ich bin gespannt, wer ihn ersetzen wird. Heber und Jäckel sollen sich hierfür wohl anbieten – von beiden bin ich aufgrund ihrer Fehleranfälligkeit allerdings alles andere als überzeugt. Für mich wären beide Personalien auf der Innenverteidigerposition ein deutliches Downgrade.
Noch wichtiger als die reine Umschaltbewegung wird für mich allerdings sein, dass wir selbst den Mut haben, aktiv am Spiel teilzunehmen.
Wir dürfen uns nicht über weite Strecken darauf beschränken, zu verteidigen. Gerade die Anfangsviertelstunde auf St. Pauli und auch die letzten 70(!) Minuten im Heimspiel gegen den KSC haben gezeigt, dass wir uns damit schwertun, wenn wir dem Gegner zu große Drangphasen oder sogar die vollständige Kontrolle über das Spiel überlassen.
Natürlich haben wir die Partie in Hamburg am Ende glücklich mit 2:1 gewonnen und gegen den KSC zumindest ein 0:0 über die Zeit gebracht. Unsere Abwehr inklusive Krahl erledigt aktuell einen Riesenjob. Aber es gibt Mannschaften, die solche Phasen besser beziehungsweise effizienter ausspielen können – und Magdeburg gehört für mich unweigerlich dazu.
Gerade deshalb wird es morgen entscheidend sein, trotz der zu erwartenden Ballbesitzphasen des FCM selbst aktiv zu bleiben: Pressingmomente setzen, nach Ballgewinnen mutig und zielstrebig nach vorne spielen und dabei vor allem passgenau bleiben. Denn genau hier sehe ich momentan noch unsere größte Baustelle. Unser Passspiel ist für mich weiterhin deutlich optimierungsbedürftig.
Schaut euch dazu gerne noch einmal den Treffer zum 2:1 der Herthaner an. Die Berliner setzen Bockhorn am unteren Strafraumrand unter Druck, gewinnen den entscheidenden Zweikampf beziehungsweise den Ball und spielen anschließend über Adewumi → Brekalo → Seguin → Thorsteinsson schnell nach vorne und schließlich bis an den zweiten Pfosten wo der wieder mitgelaufene Adewumi nur noch den Fuß hinzuhalten braucht. (Generell gehen mir solche Tore, in denen der Torschütze den Treffer selbst durch einen gewonnenen Zweikampf im Mittelfeld einleitet, runter wie Öl).
Genau eine solche Kombination würde ich mir morgen auch von uns wünschen: mutig, zielstrebig und mit schnellem, sauberem Spiel nach dem Ballgewinn. Das bedeutet für mich letztlich aber auch, dass wir Magdeburg nicht einfach nur „zerstören“ dürfen. Wir müssen versuchen, die Mechanismen des FCM zu unterbrechen, um anschließend selbst Fußball zu spielen.
Ich hoffe deshalb, dass der FCK in seiner Taktikanalyse genau hingeschaut und aus dem Hertha-Spiel die richtigen Schlüsse gezogen hat. Denn wenn wir die Räume nach Ballgewinnen konsequent, zielstrebig und vor allem sauber bespielen, könnte genau darin unsere Chance liegen, den spielstarken Gastgebern aus der Ottostadt morgen tatsächlich weh zu tun. Gleichzeitig hat die Partie für mich durchaus bereits einen gewissen richtungsweisenden Charakter – auch wenn wir uns natürlich noch in einer sehr frühen Phase der Saison befinden. Gerade deshalb wäre ein überzeugender Auftritt an der Elbe, unabhängig vom letztlichen Ergebnis, für mich ein wichtiges Signal für die weitere Entwicklung unserer Mannschaft.