Adidas wäre nach meinem Dafürhalten tatsächlich die einzige Möglichkeit, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Da Hengen allerdings kürzlich im SWR noch einmal betont hat, dass das Engagement von Castore „langfristig“ angelegt sei, gehe ich davon aus, dass wir uns wohl mindestens noch die nächsten zwei Jahre mit diesem Ausrüster arrangieren müssen.
Grundsätzlich finde ich es sehr gut, dass man dem Verein offenbar so viele gestalterische Freiheiten einräumt und ihm die Möglichkeit gibt, seine Visionen umzusetzen. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass der Wunsch, unbedingt etwas Ikonisches oder Einzigartiges zu schaffen, so groß ist, dass das Endergebnis häufig über das eigentliche Ziel hinausschießt.
Vor allem wirkt es auf mich auch so, als gäbe es im gesamten Designprozess kein echtes Korrektiv. Niemand scheint dabei eine Veto-Position einzunehmen oder dem/den Verantwortlichen für Gestaltung, Layout und grafische Elemente auch einmal auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Bis hierhin und nicht weiter“ oder „das ist etwas too much“. Stattdessen entsteht der Eindruck, als würden sich acht Millionen Ideen ansammeln, die am Ende wenn möglich alle gemeinsam auf dem Trikot untergebracht werden sollen.
Wie weiter oben schon erwähnt: Mir persönlich gefällt eine konsequent und sauber umgesetzte Grundidee deutlich besser als ein Design, das versucht, möglichst viele verschiedene Einfälle miteinander zu verbinden - zumal wir diese Ideen wie schon gesagt nun schon im dritten Jahr in Folge zu sehen bekommen. Im Grunde genommen handelt es sich immer nur um leicht abgewandelte Varianten desselben Gestaltungskonzepts. Da wäre weniger“ für mich persönlich in diesem Fall mittlerweile eindeutig „mehr“ oder sozusagen sogar ein bewusster Stilbruch gewesen.
Schaut euch mal das neue Trikot von Energie Cottbus an, schlicht, zeitlos, klassisch (…aber klar andere würden wahrscheinlich langweilig dazu sagen).
Ich war auch nie ein Fan der 11teamsports-Stangenware, die wir damals unter Nike getragen haben. Trotzdem muss es doch einen gesunden Mittelweg zwischen einem identitätsstiftenden, charakteristischen und klassischen Betze-Design auf der einen und dem Anspruch, den heutigen Zeit- und Modegeist aufzugreifen, auf der anderen Seite geben?
Zumal wir seit zwei oder drei Jahren ohnehin wieder eine ausgeprägte Retro-Welle erleben. Adidas orientiert sich bei den aktuellen Trikots der Nationalmannschaft und großen Teilen der Trainingskollektion ganz bewusst an der WM 1990 in Italien. Auch der Onlineshop ist voll von neu aufgelegten Retro-Kollektionen zahlreicher Nationalmannschaften wie Spanien, Frankreich oder Argentinien. Feiere ich persönlich ungemein.
Warum greift man einen solchen Trend nicht auch einmal auf zumal der eigentliche Produktionsprozess wie wir von unserem CRM-Direktor Hr. Böse aus dem Interview vergangenen Jahres wissen, ca. 1-1,5 Jahre in Anspruch nimmt und man nicht davon sprechen kann, diese Entwicklung „verpasst“ zu haben.
Gerade für einen traditionsreichen Verein wie den FCK würde sich doch ein klassisch gehaltenes, zeitloses Design mit dezenten Retro-Anleihen anbieten. Das würde die Vereinsidentität vermutlich deutlich besser transportieren als der Versuch, jedes Jahr etwas völlig Neues und möglichst Außergewöhnliches zu entwerfen.